Ein regungsloser Mann am Terminalvorplatz, dem die Spritze noch in den Venen hängt, in Tulsa, Oklahoma; in Amarillo, Texas, ein Dealer, der den Rauchern unter den auf ihren Anschluss wartenden Fahrgästen die Wahl zwischen Codein und Fentanyl lässt; am Eingang des Wartesaals in Omaha, Nebraska, ein mit Einwegnadeln gefüllter Mistkübel. In Bahnhöfen sind solche Schicksale oft sichtbarer als an anderen Orten: Wer im vergangenen Jahrzehnt abseits der schillernden Metropolen an Ost- und Westküste mit dem Bus durch den amerikanischen Kontinent reiste, für den war die größte Gesundheitskrise - bis zum Einsetzen der Coronavirus-Pandemie - der USA unübersehbar. Doch an dieser Krise leiden die Vereinigten Staaten bereits seit Jahrzehnten. Die Auswirkungen der globalen aktuellen Seuche made in China mögen die Opiate-Epidemie nachhaltig aus den Schlagzeilen verdrängt haben; verschwunden ist sie deshalb nicht.

Im Gegenteil. Vielmehr deutet heute einiges darauf hin, dass die mit der Bekämpfung des Coronavirus einhergehenden Maßnahmen in den USA - weitgehende Einschränkungen des öffentlichen Lebens, Kapazitätsdefizite in der ohnehin vergleichsweise schlecht ausgebildeten allgemeinen Gesundheitsversorgung, Reduzierung, wenn nicht gar gleich Abschaffung von sozialen Betreuungsmaßnahmen - fatale Folgen nach sich ziehen. Laut den aktuellen Daten des Centers for Disease Control (CDC), der nationalen Gesundheitsagentur mit Sitz in Atlanta, Georgia, sind zwischen Sommer 2019 und 2020 rund 84.000 Bürgerinnen und Bürger aufgrund einer Überdosis Drogen verstorben; die überwältigende Mehrheit von ihnen an Substanzen wie Heroin, Oxycodone, Morphin, oder Fentanyl, sogenannten Opiaten. Ein so trauriger wie einsamer Rekord. Nie zuvor ließen dermaßen viele US-Amerikaner innerhalb von zwölf Monaten auf diese Weise ihr Leben.

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Die menschlichen Tragödien hinter dem Zahlenwerk hinterlassen längst auch wirtschaftliche Spuren. Wie viel die USA ihr Drogenproblem genau kostet, lässt sich aufgrund seiner Komplexität nur schwer sagen, aber Einschätzungen renommierter Volkswirte gehen mittlerweile von bis zu einer Billion Dollar aus (in Ziffern: 1.000.000.000.000), die sich seit ihrem Ausbruch Anfang der Neunzigerjahre angehäuft haben.

Politische Versprechen
ohne effektive Folgen

Effektive politische Antworten auf die permanente Krise lassen trotz dieser Dramatik bis heute auf sich warten. Nicht, dass es an Vorschlägen mangeln würde. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg unlängst berichtete, liegen seit Jahren konkrete Empfehlungen auf dem Tisch, der Seuche Herr zu werden. So kritisierte das zur Bundesregierung zählende, aber weitgehend unabhängig agierende Government Accountability Office, eine Art Mischung aus Rechnungshof und Ethik-Watchdog (Motto: "Verantwortung, Integrität, Verlässlichkeit"), das Gebaren vergangener Administrationen scharf. Tenor seines im März vergangenen Jahres veröffentlichten Berichts zum Thema: Sowohl unter der Regierung von Präsident Barack Obama (2009-2017) und seinem Vize, dem jetzigen Staatsoberhaupt Joe Biden, wie unter der Ägide ihrer Nachfolger Donald Trump und Mike Pence (2017-2021) seien nur die wenigsten seiner konkreten Vorschläge zur Bekämpfung der Opiate-Epidemie aufgegriffen worden. Mit anderen Worten: Demokraten wie Republikaner hätten das Problem viel zu lange nicht einmal ignoriert.

Insofern eine erstaunliche Feststellung, als die Drogen- und die sie zeitigende öffentliche Gesundheitskrise im Wahlkampf 2016 noch eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung von am Land lebenden Wählerinnen und Wählern gespielt hatte. In gewohnt populistischer Manier versprach Trump seinerzeit den Leuten, dass er, wenn sie ihm nur ihre Stimme geben, alles daransetzen werde, die "Opiate-Pest" in den Griff zu bekommen. Untergegangen ist im Wahlkampfgetöse die Tatsache, dass Trumps damalige Konkurrentin Hillary Clinton, alarmiert von schon damals in die Höhe schießenden Todeszahlen und Selbstmorden vorwiegend weißer Männer im Süden, Nordosten und Mittleren Westen, damals tatsächlich einen so detaillierten wie holistischen Plan zur Bekämpfung der Krise vorgelegt hatte.

Im Amt angekommen, kümmerte sich Trump indes kaum noch um das Thema Drogen. Nachdem der Ex-Reality-TV-Star die Epidemie formal zu einem "Nationalen Notfall" erklärt hatte, überließ er dessen Behandlung zunächst einer so zahnlosen wie schnell wieder aufgelösten Sonderkommission unter der Führung seines Parteifreunds Chris Christie, dem ehemaligen Gouverneur von New Jersey. Am Ende übergab er das damit zusammenhängende Portfolio seiner Beraterin Kellyanne Conway. Zwischenzeitlich hatte seine Administration, überzeugt von der eigenen intellektuellen Überlegenheit und unter Missachtung sämtlicher Expertisen Sachverständiger, das Budget das traditionell im Einflussbereich des Weißen Hauses stehenden Office of National Drug Policy (ONDP) fast auf null zusammengekürzt.

Entsprechend groß waren und sind jetzt die Hoffnungen jener Menschen, die direkt wie indirekt unter den Folgen der Krise leiden, dass Trumps Nachfolger das Problem diesmal nicht nur anerkennen, sondern tatsächlich aktiv bekämpfen wird. Diese Hoffnungen speisen sich jedoch weniger aus den üblichen warmen Worten und Wahlkampfversprechungen des Politikers Joe Biden als aus dessen ganz persönlicher Biografie. Lässt man den wohldokumentierten, langjährigen Alkoholmissbrauch seines Vor-Vorgängers George W. Bush während dessen Prä-Politkarriere außer Acht, ist der 78-jährige Biden der erste Präsident seit langer Zeit, der aus erster Hand von Erfahrungen mit den Folgen von Drogenkonsum in der eigenen Familie berichten kann.

US-Präsident Biden kennt das Problem aus der Familie

Im vergangenen Jahrzehnt hing sein Sohn Hunter regelmäßig an der Crack-Pfeife. 2014 war der heute 51-Jährige hochkant aus der Navy-Reserve geflogen, weil man ihm im Zuge einer Blutprobe Kokainkonsum nachgewiesen hatte. 2016 wäre er fast gestorben, als ihm beim Versuch, in Los Angeles Crack zu kaufen, ein Dealer eine Waffe an den Kopf hielt. Ein Jahr später fand die Polizei, nachdem er in Arizona einen Unfall mit einem Mietwagen gebaut hatte, eine Crackpfeife im Handschuhfach. Heute ist Hunter Biden nach eigenen Angaben clean; nicht zuletzt aus Verantwortung gegenüber der politischen Karriere seines Vaters, der die Probleme seines Sohnes derweil nie groß verheimlichte. "Ich kann das Trauma nachvollziehen, dass die Angehörigen von Drogensüchtigen durchmachen. Ich bin einer von ihnen", erzählt Joe Biden bis heute jedem, der es hören will. Wie konkret seine Pläne zur Bekämpfung der Geißel wirklich gehen werden, steht bisher trotzdem noch weitgehend in den Sternen. Im Wahlkampf hatte der ehemalige Vizepräsident Barack Obamas ein umfangreiches Bündel an Maßnahmen versprochen, das allem voran auf Prävention, Aufklärung und auf eine umfangreiche medizinische und psychische Betreuung Drogenkranker setzt. Kosten soll das Ganze laut seinen Plänen 125 Milliarden Dollar, verteilt über eine Dekade und finanziert von Steuern, die bei den Medikamentenherstellern eingehoben werden sollen, von denen viele für die Krise mitverantwortlich sind.

Biden will nun Unterstützung statt "Law and Order"

Auch wenn der Plan vielen in seiner eigenen Partei nicht weit genug geht, gestehen Biden auch Kritiker zu, dass allein der Paradigmenwechsel, Drogenkranke fortan nicht mehr als bloße Kriminelle, die allein Sache der Polizei sind, sondern als Opfer sozio-ökonomischer und sozialer Umstände darzustellen, einen Schritt nach vorn bedeutet. Nicht zuletzt deshalb, weil sich Biden selbst in der Vergangenheit, allem voran während der Crack-Epidemie der ausgehenden Achtziger- und Neunzigerjahre, nicht nur einmal als "Law and Order"-Politiker profiliert hatte, der meinte, das Drogenproblem einfach dadurch in den Griff zu bekommen, indem man so viele Leute wie möglich einsperrt.

Die Folgen dieser fehlgeleiteten Philosophie schlagen sich bis heute unter anderem dadurch nieder, dass in absoluten Zahlen wie im Pro-Kopf-Verhältnis in keinem anderen Land dermaßen viele Leute hinter Gittern sitzen wie in den USA. Im Jahr 2020 saßen laut der offiziellen Statistik rund 2,3 Millionen Amerikaner im Gefängnis. Im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil weit überproportional vertreten: Afroamerikaner und Latinos.

Was diese Zahlen dementsprechend ebenfalls belegen, sind die sich quer durchziehenden strukturellen Ungleichheiten der amerikanischen Gesellschaft an sich. Wie kaum ein anderes Thema veranschaulicht der Umgang mit der Drogenproblematik die Machtverhältnisse im Land. Bis weit in die Neunzigerjahre, als die Republikaner den damaligen Präsidenten Bill Clinton mit immer extremeren Forderungen bei der Bestrafung von Drogenkonsumenten und -händlern erfolgreich vor sich her trieben. Das fand seinen Niederschlag im 1994 verabschiedeten "Violent Crime Control and Law Enforcement Act". Für Vertreter der liberalen Reichshälfte galt es als politischer Selbstmord, den Sinn dahinter in Frage zu stellen. Eine andere, kaum weniger zu unterschätzende Dynamik, stellte die öffentliche Wahrnehmung des Problems dar. Jahrzehntelang nahm die breite Mehrheit der Amerikaner das Thema Drogenmissbrauch fast ausschließlich als urbanes, sprich Minderheiten betreffendes Phänomen wahr.

Krise ist in der Mitte der weißen Gesellschaft angekommen

Davon, wie tief sich das Bild von in modernen Zivilisationsruinen hausenden, Crack rauchenden oder Angel Dust schnupfenden Junkies ins kollektive Gedächtnis eingegraben hat, zeugen heute zahllose historische Dokumentationen und Fernsehspiele auf Streamingplattformen wie Netflix, HBO max oder Amazon Prime. Wie man heute weiß, hatte die Opiate-Epidemie dabei zu diesem Zeitpunkt längst schon auch die Vororte und die ländlichen Regionen erfasst - und damit das Herz der weißen Mehrheitsgesellschaft. Bis diese Tatsache allgemein akzeptiert wurde, dauerte es trotzdem fast noch einmal ein Jahrzehnt.

Erst gegen Ende der zweiten Amtszeit von George W. Bush (dessen Administration mit ihren Feldzügen in Afghanistan und im Irak zahlreiche Mitglieder einer neuen Generation traumatisierter Soldaten heranzüchtete, die in puncto Drogenkonsum ihren Vorgängern, die ihre Seele in Vietnam, Kambodscha oder Laos gelassen hatten, in nichts nachstanden und -stehen) wurde den meisten Volksvertretern klar, dass sich das Problem nicht mehr ignorieren ließ. Sogar in der Populärkultur erwies sich das Thema langsam aber sicher als Straßenfeger. 2008 flimmerte in den Vereinigten Staaten die erste Folge von "Breaking Bad" über die Fernsehschirme. Nicht umsonst spielte die heute legendäre Serie über einen Mittelschullehrer, der mit allen damit einhergehenden Konsequenzen zum Drogenbaron aufsteigt, in der tiefsten amerikanischen Provinz: in Albuquerque, der größten Stadt New Mexicos. Auch wenn Walter Whites Kerngeschäft nicht in der Herstellung und dem Vertrieb von den heute allgegenwärtigen Opiaten bestand - Crystal Meth ist eine synthetische Droge -, blieb das Prinzip das gleiche. Auf die Meth-Welle der Nullerjahre folgte ein Preisverfall für Heroin, der die Droge für breite Bevölkerungsschichten mehr als erschwinglich machte.

Den Rest erledigten Pharmaunternehmen und die de facto für sie als Vertreter arbeitenden Ärzte im ganzen Land, die ihren Patienten jahrelang Schmerzmittel verschrieben, als ob es kein Morgen gäbe. Mit dem Ergebnis, dass es in den heutigen USA de facto keinen Ort und keine Gesellschaftsschicht mehr gibt, in dem der Missbrauch von Opiaten in jeglicher Form nicht auf die eine oder andere Weise verbreitet ist. Insofern geben die anfangs beschriebenen, drastischen Manifestationen der Opiate-Epidemie nur ein beschränktes Bild ab, was ihr Ausmaß angeht. Mit dem Bus durchs Land fahren in Amerika bis heute bekanntlich nur die Ärmsten der Armen.