Lange Gesichter in Weißrussland, Verzweiflung in Myanmar: Zehntausende Menschen sind dort auf die Straßen gegangen, um ein überkommenes, autoritäres System aus den Angeln zu heben. In Belarus sah es eine Zeit lang tatsächlich so aus, als würde der seit 1994 regierende Präsident Alexander Lukaschenko den Hut nehmen. Jetzt hat Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja einräumen müssen, dass die Volkserhebung gescheitert ist. "Ich muss zugeben, dass wir die Straßen verloren haben", sagt Tichanowskaja in einem Interview. Und: "Wir haben keine Möglichkeit, die Gewalt des Regimes gegen die Demonstranten zu bekämpfen."

Schlecht ist es momentan auch um die Demonstranten in Myanmar bestellt, die seit vier Wochen ihr Leben riskieren und die Rückkehr zur Demokratie fordern. Die Gefahr, dass die Militärjunta die Protestierenden einfach niederschießen lässt, ist vorhanden. Zuletzt hat die Armee in Rangun gewalttätige Gegendemonstrationen organisiert, wobei Bewaffnete mit Messern, Knüppeln und Steinen auf die Menschen losgingen. Die Chance, dass die, die nicht unter dem Joch des Militärs enden wollen, siegen, schwindet.

Stellt sich die Frage, welche Faktoren darüber entscheiden, ob eine Revolution Erfolg hat oder nicht. Was ist ausschlaggebend, ob sich die Menge gegen die Herrschenden durchsetzt oder ob sich die, die im Sattel sitzen, noch viele Jahren behaupten können.

Ein Blick in die Vergangenheit kann Licht in die Sache bringen, als Beispiele für geglückte und missglückte Revolutionen können der Aufstand der Matrosen im deutschen Kiel 1918, die Sklavenerhebung nach 1789 auf Haiti und die Revolution 1848 im heutigen Deutschland und Österreich dienen.

Einigkeit bringt die Entscheidung

Im November 1918 meuterten in Kiel die Matrosen einiger Schlachtschiffe, wenig später war der Erste Weltkrieg vorbei, das deutsche Kaiserreich Geschichte. Demokratie und Parlamentarismus fassten Fuß, die Weimarer Republik begann.

Auslöser für diese erstaunliche Entwicklung war, dass die deutsche Admiralität ganz zu Kriegsende die Reste der Flotte in einer verzweifelten Aktion gegen Großbritannien schicken wollte. Die Matrosen hatten den sicheren Tod vor Augen, die Mannschaften widersetzten sich ihren Offizieren und verweigerten den Befehl. Es kam zu Demonstrationen, die sich auf ganz Deutschland ausbreiteten und in Windeseile das Ende der alten, kaiserlichen Gesellschaftsordnung mit sich brachten. Die aufständischen Matrosen hatten zwar unterschiedliche politische Vorstellungen, in der Ablehnung des bestehenden Systems waren sich aber so gut wie alle einig. Der Militärhistoriker Erich Otto Volkmann hat berechnet, dass rund eine Million deutsche Soldaten und Matrosen nicht mehr gewillt waren, den Anordnungen der Führung zu folgen.

Proteste, die sich bezahlt gemacht haben: Im Sommer 2019 bewegt sich der Sudan in Richtung Demokratie, die Menschen feiern. - © afp / Yasuyoshi Chiba
Proteste, die sich bezahlt gemacht haben: Im Sommer 2019 bewegt sich der Sudan in Richtung Demokratie, die Menschen feiern. - © afp / Yasuyoshi Chiba

1848 sah es bei der gescheiterten Bürgerlichen Revolution, die sich vor allem im heutigen Deutschland und Österreich abspielte, anders aus: Im März war der Zusammenhalt noch groß, in den folgenden Monaten zogen Liberale und Demokraten, Bürger, Bauern und Arbeiter nicht mehr am gleichen Strang. Manche wollten einfach nicht mehr mitmachen, andere hatten Angst vor Radikalisierung. Schließlich siegte der Kaiser, Freiheit und Mitsprache gab es keine.

Wieder anders die Lage knapp nach der Französischen Revolution 1789 auf Haiti. In der damaligen französischen Kolonie lebten rund 600.000 Menschen, 90 Prozent davon teilten das gleiche Los als schwarze Sklaven. Daneben gab es 40.000 Weiße und 30.000 befreite Schwarze und Mulatten.

Die erfolgreiche Revolution startete damit, dass die befreiten Schwarzen gleichberechtigt sein wollten und sich politisch organisierten. Im Sommer 1791 begannen dann Sklaven, die alle gemeinsam der drückenden Leibeigenschaft entkommen wollten, auf einer Plantage in Acul zu rebellieren. Die weißen Plantagenbesitzer wurden abgeschlachtet, innerhalb weniger Tage hatten die Schwarzen die Oberhand gewonnen. In der Folge wurden 500.000 Sklaven befreit und Haiti wurde eine unabhängige Republik. Es war dies der einzige erfolgreiche Sklavenaufstand der Geschichte.

Autoritätsverlust der Herrschenden

Als die einfachen Matrosen 1918 in Kiel ihren Offizieren die Säbel abnahmen und über dem Knie zerbrachen - damals eine ungeheure Demütigung -, hatte das alte kaiserliche System jeden Rückhalt verloren. Nach vier Jahren erfolgloser Kämpfe waren die Deutschen ausgehungert und müde, der Krieg war verloren, die Privilegierung von Adel und Offizieren wurde nicht mehr akzeptiert. Die Zeit war mehr als reif für einen kompletten Neubeginn - wobei zunächst niemand wusste, wohin die Reise gehen sollte.

Die Sklaven auf der französischen Kolonie Haiti (damals Saint Domingue) hatten die unglaublichen Ideen der Französischen Revolution auf ihrer Seite, die in Frankreich selbst den König hinwegfegten. Fronarbeit in Ketten auf den Plantagen war mit den Gedanken von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht vereinbar, Haiti war in regem Kontakt mit Paris, von dort wurde die Revolution lebhaft unterstützt, bis Napoleon erfolglos versuchte, die Entwicklung umzukehren.

1848 entsprach die tatsächliche politische Verfassung in Österreich und den deutschen Ländern längst nicht mehr der gesellschaftlichen Realität. Das Bürgertum war längst der bestimmende Faktor, hatte aber nichts mitzureden. Die Revolutionäre hatten das historische Momentum eindeutig auf ihrer Seite.

Militär und andere Ressourcen

Was die Revoltierenden 1848 nicht hatten, war eine schlagkräftige Armee und eine funktionierende Organisation. Darüber verfügte der Kaiser, der die Armee zu Hilfe rufen und sich auf eine klaglos arbeitende Verwaltung stützen konnte. Das brach den Aufbegehrenden schließlich das Genick.

Der Kieler Matrosenaufstand 1918 war militärisch ohnehin nicht aufzuhalten, weil die Revolution ja gerade aus der Armee kam und sich von dort wie ein Lauffeuer auf alle anderen Gruppen ausbreitete.

Charismatischer Anführer

Den einen, heldenhaften, Anführer hat es 1918 in Kiel nicht gegeben - eher "Rädelsführer", die man von Seiten der Führung in Berlin festsetzen und bestrafen wollte. Die Revolution 1848 kennt zwar bedeutende historische Figuren wie Hans Kudlich oder Joseph Jellacic, den einen, herausragenden Anführer gab es aber auch nicht - schon deshalb, weil die Bewegung als solche zu heterogen war. Anders die Lage in Haiti, wo sich der ehemalige Sklave Toussaint-Louverture als klarer Anführer etablieren konnte und später auch als Held verklärt wurde.

Siegreich, aber nicht von Dauer

Oft ist eine Revolution zunächst erfolgreich, endet dann aber rasch in kompletter Restauration der alten Zustände. Das Paradebeispiel aus der jüngsten Geschichte dafür ist die "Arabellion" in Ägypten 2011. Der Kieler Matrosenaufstand 1918 hingegen mündete in die Jahre der demokratischen Weimarer Republik, die dann ab 1933 von der nationalsozialistischen Katastrophe abgelöst wurde. Trotzdem sieht die heutige Bundesrepublik ihre Wurzen in den Ereignissen von 1918 in Kiel.

Das Resultat des Aufstands von 1848 war aus Sicht der beteiligten Revolutionäre - die Bauern ausgenommen - ein niederschmetterndes. Die Grundforderungen wie Wahlrecht, eine Verfassung, Meinungs- und Pressefreiheit setzten sich dann aber in den folgenden Jahrzehnten durch.

Der Sklavenaufstand in Haiti hatte durchgängig weitreichende Folgen. Der Inselstaat bekam rasch eine Verfassung, wurde unabhängig und bezeichnete sich damals selbst als "Erster Freier Negerstaat". Freiheit, Demokratie und Wohlstand konnten sich in der Folge aber nicht fix verankern.

Was bedeutet das für Belarus oder Myanmar?

Aus den Beispielen können Schlüsse für die aktuellen Volkserhebungen in Belarus und Myanmar gezogen werden, auch wenn die jeweilige Situation mit ihren Zufällen letztendlich entscheidet. Klar ist, dass beide Bewegungen groß genug sind und Ideen zu transportieren, deren Zeit mehr als gekommen, deren Umsetzung überfällig ist. Klar ist auch, dass in beiden Fällen die militärischen Mittel zum Erfolg fehlen. In Weißrussland hat Lukaschenko seine Berechtigung nicht in dem Ausmaß verloren, dass er in einer Welle der Empörung weggespült würde. Und in Myanmar ist der sture Zusammenhalt der Generäle einfach zu groß.

Die Geschichte lehrt, dass die Ereignisse in beiden Ländern nicht ohne Folgen bleiben werden. Denkbar ist, dass die Demonstranten in Weißrussland schrittweise zivilgesellschaftliche Strukturen schaffen, die schließlich das autoritäre System allmählich verändern. Und Myanmars Militär, das Demokratie in der Vergangenheit bereits zugelassen hat, hat auf lange Sicht auch nicht die besten Karten.