Für Farida Lawali ist der Spuk vorüber. Gemeinsam mit knapp 280 anderen Mädchen ist die 15-Jährige am Dienstag freigekommen. Die vier Tage in der Gewalt ihrer Entführer wird die Schülerin aus der nordwestnigerianischen Stadt Gusau allerdings nie vergessen. Mehrere Stunden lang wurden die Mädchen nach dem Überfall auf ihr Internat durch den Busch getrieben, wer nicht mehr weiter konnte, wurde von den bewaffneten Männern mit dem Gewehrkolben geschlagen. "Wir sind über Steine und Dornen gegangen", erzählt Lawali, als sie zusammen mit den anderen Mädchen nach ihrer Rettung im Regierungsgebäude von Gusau sitzt. "Sie haben auf uns eingedroschen, während wir gingen. Viele Mädchen haben geweint."

Freigekommen sind die Mädchen nicht zuletzt deshalb, weil sich einige der Entführer angesichts des zuletzt stark gestiegenen Fahndungsdrucks durch Polizei und Militär dazu entschlossen haben, doch mit den Behörden zu kooperieren. Die von Gouverneur Bello Matawalle als "reumütige Banditen" bezeichneten Männer sollen nun von einem Amnestieprogramm der Regierung profitieren.

Dass die Sache damit vorbei ist, glaubt allerdings niemand in Nigeria. Denn im Nordwesten des bevölkerungsreichsten afrikanischen Landes sind Massenentführungen längst schon so etwas wie Alltag geworden. Erst Ende Februar waren 27 Burschen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren freigelassen worden, die Tage zuvor in der Provinz Niger State ebenfalls aus einem Internat verschleppt wurden.

Schüler ohne Schutz

Die Hintergründe sind heute allerdings großteils andere als 2014, jenem Jahr, in dem eine Massenentführung in Nigeria erstmals für internationale Schlagzeilen sorgte. Denn während damals die radikale Islamistenmiliz Boko Haram mit der Verschleppung von 276 Schülerinnen vor allem für Angst und Schrecken sorgen wollte, stecken hinter den Entführungen der vergangenen Monaten weniger ideologisch-religiöse als finanzielle Motive. Die Boko-Haram-Entführung hat zwar nach Ansicht von Sicherheitsexperten die meisten anderen Kidnapper inspiriert, doch statt um den Dschihad geht es nun schlicht und einfach um Geld.

Dass die Eltern der Entführungsopfer keine großen Summen an Lösegeld bezahlen können, weil sie nur kleine Ladenbesitzer oder Bauern mit ein bisschen Ackerland sind, spielt für die Entführer dabei kaum eine Rolle. Sie verlangen nur vergleichsweise wenig Geld - etwa 1.000 Dollar pro Entführten -, schlagen dafür aber viel öfter zu. "Kidnapper haben mittlerweile viele kreative Weg gefunden, um an Millionen von Naira zu kommen", sagt der nigerianische Sicherheitsexperte Babuor Habib gegenüber der "New York Times". Naira, das ist die nigerianische Währung.

In die Hände spielt den Entführern dabei auch, dass im Nordwesten des Landes der Staat so gut wie nicht präsent ist. Es gibt kaum Polizisten und auf das Militär können die Menschen hier ebenfalls nicht zählen. So hatte Verteidigungsminister Bashir Magashi nach der Entführung der 27 Burschen Anfang Februar erklärt, die Dorfbewohner müssten sich selbst gegen die Banditen verteidigen. "Wir sollten keine Feiglinge sein", sagte der General damals.

Staat zahlt offenbar Lösegeld

Doch es ist nicht nur die Schutzlosigkeit der Opfer, die immer wieder zu neuen Entführungen führt. Die Entführer können offenbar auch in vielen Fällen damit rechnen, dass der Staat selbst Lösegeld zahlt - vor allem dann, wenn die Verschleppungen so wie derzeit rund um den Globus Schlagzeilen machen. So hat die nigerianische Regierung, die Lösegeldzahlungen in der Vergangenheit immer wieder kategorisch bestritt, laut dem dieser Tage erschienen Buch "Bring back our girls" bereits für die Freilassung der von Boko Haram entführten Schülerinnen hohe Summen bezahlt. Insgesamt sollen es laut einem Bericht des nigeranischen Sicherheitsanalyseunternehmens SBM Intelligence 18 Millionen Dollar gewesen sein, die vom Staat zwischen Juni 2011 und März 2020 an Kidnapper bezahlt wurden.

Die Entführungen schwächen aber nicht nur das ohnehin schon gering ausgeprägte Vertrauen in den Staat. Laut der International Crisis Group führt die Sorge vor Verschleppungen auch dazu, dass immer weniger Kinder, und da vor allem Mädchen, in die oft als Internate geführten höheren Schulen geschickt werden. Lawal Abdullahi, dessen Töchter nach der jüngsten Entführung nun wieder in Freiheit sind, will seine Mädchen dennoch weiter in die Schule schicken. Den Kindern dürfe Bildung nicht genommen werden, sagt Abduallahi der Nachrichtenagentur Reuters. "Wir sollten also gegenüber den Erpressern nicht klein beigeben."