Wer nach Israel schaut, der kann einen Blick auf die Zukunft erhaschen." So lautete ein Statement bei einem via Zoom abgehaltenen Pressebriefing der Europe Israel Press Association (EIPA). Und tatsächlich: Mit einer Durchimpfungsrate von 55 Prozent ist Israel Impfweltmeister, im Land wird derzeit hitzig debattiert, inwieweit man bereits geimpften Personen mittels eines "Grünen Passes" wieder ein halbwegs normales Leben ermöglichen kann.

Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen und Bundeskanzler Sebastian Kurz treffen heute, Donnerstag, in Israel zu Gesprächen mit Regierungsvertretern über die israelische Covid-19-Impfstrategie zusammen. Die beiden europäischen Regierungschefs wollen sich darüber informieren, welche Lehren aus dem Beispiel Israels gezogen werden können.

Der Hauptgrund, dass Israel zum Impfweltmeister aufgestiegen ist, liegt darin, dass Israel am 6. Jänner ein "Memorandum of Understanding" mit dem US-Pharmakonzern Pfizer geschlossen hat. Nach dieser Übereinkunft bekam der Pharmakonzern Zugang zu Israels Gesundheitsdaten. Beide Seiten waren von Anfang an bemüht, dieses Abkommen als Win-win-Situation darzustellen: Pfizer führt in Israel den wohl größten engmaschig kontrollierten Impfstoff-Rollout der Geschichte der Medizin durch. Dadurch wurde das Vertrauen in den Impfstoff gestärkt, im Gegenzug hat kein Land so früh so große Mengen (bezogen auf die Bevölkerungszahl) an Impfstoff erhalten wie Israel. Die Tatsache, dass Israels Grenzen zu seinen Nachbarn so gut wie dicht sind, trug ebenfalls zur Attraktivität des Standorts für diesen kontrollierten Rollout des Pfizer-Impfstoffs bei.


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Ran Balicer, Vorsitzender des israelischen Covid-19-Expertengremiums und Covid-Berater der israelischen Regierung, nennt im Pressebriefing einen der wichtigsten Gründe dafür, was Israel für Pfizer/BioNTech so wertvoll macht: Israels Gesundheitsdatenbank. "Wir konnten die Wirksamkeit der Impfung in Echtzeit beobachten. Die Datenbank erlaubt es nämlich, bereits die Gesundheitsdaten von Geimpften mit dem Status von Nichtgeimpften aus der Kontrollgruppe zu vergleichen." In der Praxis bedeutet das, dass man die Daten von einem 42-jährigen männlichen Israeli, der in einer Kleinstadt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebt und bereits die Impfung erhalten hat, mit einem genauso alten Israeli, der in einer ähnlichen Lebenssituation ist, aber noch nicht geimpft ist, vergleichen kann.

Doch dieser Faktor, der Israel für Pfizer so attraktiv gemacht hat, erleichtert auch den Gesundheitsbehörden in der Impfkampagne ihre Arbeit. "Die Menschen erfahren via App, wann ihr Impftermin ist, und werden auch via App an den Termin für die zweite Impfdosis erinnert", sagt Balicer. Und was ist mit jenen Personen, die über kein Smartphone oder keine Internet-Verbindung verfügen? "Für diese Personengruppe haben wir Callcenter eingerichtet, damit wir sie aktiv am Telefon erreichen können."

Impfstoffproduktion in Israel?

Die Gesundheitsdatenbank leistete auch schon vor dem Beginn der Impfkampagne wertvolle Dienste sagt Balicer. Denn anhand der Daten konnten die Behörden Modelle erstellen, die zeigten, welche Personengruppen aufgrund ihres Alters oder aufgrund von Vorerkrankungen einem besonderen Covid-19-Risiko ausgesetzt sind. "Der Schutz dieser Gruppen war uns ein besonderes Anliegen. So haben wir versucht, ältere Bürgerinnen und Bürger dazu zu bewegen, so gut es geht, mithilfe von Telemedizin ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen", sagt Balicer. Denn genau diese Personengruppe soll am besten nicht beim Arzt im Wartezimmer sitzen.

Aiman Saif, Israels Corona-Projekt-Koordinator für die arabische Bevölkerung, geht in seiner Präsentation auf die Tatsache ein, dass Covid-19 in der arabischen Bevölkerung Israels derzeit weiter verbreitet ist als in der Gesamtbevölkerung. "Einer der Gründe dafür war, dass die Impfkampagne in den arabischen Hauptsiedlungsgebieten später angelaufen ist", sagt Saif. Der Mangel an Vertrauen der arabischen Bevölkerung in die israelische Regierung sei ein weiteres Problem, auch seien in dem arabischen Bevölkerungsteil Fake News ein größeres Problem als in der Gesamtbevölkerung.

Auf die Frage der "Wiener Zeitung", welche Pläne es bezüglich möglicher Impfstoffherstellung in Israel gebe, antwortet Sharon Alroy-Preis, Direktorin für öffentliche Gesundheit beim israelischen Gesundheitsministerium: "Israel ist ein bedeutender Biotech-Standort und das Land hat einen exzellenten Ruf als Start-up-Nation. All das macht uns zu einem exzellenten Standort für Impfstoffproduktion."

Nicht zuletzt wollen Kanzler Kurz und die dänische Premierministerin Frederiksen Möglichkeiten zur Zusammenarbeit in diesem Bereich ausloten. Israel will sich nicht nur als möglicher Produktionsstandort für Impfstoffe positionieren, sondern auch selbst neue Impfstoffe entwickeln und herstellen. Auf die Frage der US-Wirtschaftstageszeitung "Wall Street Journal" blieb Sharon Alroy-Preis aber noch Details schuldig: "Wir prüfen all diese Möglichkeiten derzeit und prüfen auch, welche Rolle wir in der Forschung und in der Produktionskette spielen können."