Die irakische Hauptstadt Bagdad putzt sich raus. Auf dem Mittelstreifen der Straßen im Stadtviertel Karada am linken Tigrisufer werden Primeln und Ringelblumen gepflanzt, die Bordsteine von Unrat gesäubert. Die Düsen des Springbrunnens am Firdous-Platz werden ebenfalls gereinigt, dort, wo am 9. April 2003 die Bronzestatue Saddam Husseins gestürzt worden war und seine Schreckensherrschaft symbolisch ein Ende nahm.

Doch diese Putzaktion soll nicht etwa den schon vor der Tür stehenden Frühling einläuten, noch soll sie von den noch immer vorhandenen Kriegs- und Terrorschäden ablenken. Schaut man auf die Werbetafeln, die an den Straßenrändern aufgestellt sind und ansonsten für allerlei Waren und Dienstleistungen werben, weiß man, warum Bagdad sich schön macht. Von den großen Plakaten lächelt jetzt Franziskus mild auf die Autokolonnen herunter, drapiert mit der Fahne Iraks und des Vatikans. Die Freude über den Freitag zu Mittag begonnenen dreitägigen Besuch des Papstes im Zweistromland soll sichtbar sein.

Denn der Irak ist nicht irgendein Land, das der katholische Pontifex besucht. Es ist wohl das schwierigste während seiner achtjährigen Amtszeit. Noch am Mittwoch wurden zehn Raketen auf eine Militärbasis in Bagdads Nachbarprovinz Anbar abgefeuert, wo sich auch amerikanische und dänische Soldaten aufhielten. Und in Erbil, im nördlichen Kurdistan, wo der Papst am Sonntag im Fußballstadion eine Messe lesen wird, wurde vor zwei Wochen der Flughafen ebenfalls mit Katjuscha-Raketen beschossen. Obwohl die derzeitigen Angriffe ausnahmslos den Amerikanern gelten, die für die Tötung des iranischen Generals Qasim Soleimani und eines irakischen Kommandanten der Schiitenmilizen vergangenes Jahr büßen sollen, kann man den Irak nicht als sicher bezeichnen. Zumal auch die sunnitische Terrormiliz IS im Norden wieder vermehrt von sich reden macht. Für den Doppelanschlag auf einem Markt in Bagdad Ende Jänner, unweit der nun geschmückten Straßen von Karada, wo sich die Botschaft des Vatikans befindet, zeichnete sich der IS verantwortlich. Und dann ist da noch Corona und die britische Mutation, die auch im Irak die Infektionszahlen nach oben schnellen lässt. Doch der Papst hat sich entschieden zu kommen, trotz und vielleicht auch gerade wegen der Probleme, die es gibt. Dies ließ er vergangenen Mittwoch offiziell mitteilen. Er ist keiner, der sich wegducken will. Die irakische Regierung hat während der Zeit des Besuches nun eine komplette Ausgangssperre verhängt. Man muss eine Genehmigung beantragen, um dabei sein zu dürfen.

"Papst möchte mittendrin sein"

"Franziskus möchte mittendrin sein", begründet Habib Jajou die Entscheidung des Oberhauptes der katholischen Kirche, "möchte den Christen Mut machen in diesen schweren Zeiten." Der Erzbischof von Basra wird den Papst am Samstag nach Ur begleiten, dort wo die monotheistischen Religionen ihren Ursprung haben. Im Haus von Abraham, der im Koran Ibrahim heißt, wird Franziskus Vertreter aller Religionen im Irak treffen. Mittlerweile ist wissenschaftlich bewiesen, dass der Stammvater von Judentum, Christentum und Islam im Umkreis von etwa 25 Quadratkilometern nördlich der heutigen Stadt Nasserija gelebt haben soll.

Dass sein Haus genau an dem Platz stand, wo sich heute der Nachbau befindet, ist allerdings unwahrscheinlich. Trotzdem weist der Ort eine hohe Symbolik auf. "Der interreligiöse Dialog ist das besondere Anliegen des Papstes", weiß der Bischof. Neben Schiiten, Sunniten und Christen unterschiedlicher Konfessionen leben im Irak noch Mandäer, Shabak und Jesiden. Jajou ist Chaldäer, die größte Gruppe der christlichen Minderheit. Obwohl die Chaldäer enge Bindungen an Rom und den Vatikan haben, sind sie doch eine eigenständige Kirche. Das Zweistromland ist ein unvergleichliches Mosaik ethnischer und religiöser Vielfalt. Doch diese Vielfalt ist in Gefahr. "Ich kann es keinem Christen verdenken, wenn er den Irak verlassen will", sagt der Erzbischof von Basra. "Und das wollen derzeit fast alle." Das, was seit 2003, seit dem Einmarsch der Amerikaner und Briten hier passiere, komme einer Katastrophe gleich. Damals zählte man noch etwa 1,2 Millionen Christen im Zweistromland, jetzt seien es nicht mal mehr 300.000. Ein Viertel also. Seine Diözese hat gerade einmal 350 christliche Familien, wobei Basra nach Mosul einst die Stadt mit dem höchsten Anteil an Christen war. Die Südmetropole verzeichnet heute über vier Millionen Einwohner und ist damit nach Bagdad die zweitgrößte Stadt im Irak.

Christen als Zielscheibe

Wie keine andere Minderheit sind die Christen in der jüngsten Geschichte Iraks gleich zwei Mal zur Zielscheibe islamischer Extremisten geworden. Die Megafone von Al Qaida im Jahre 2006, als die sunnitischen Terroristen die Christen zum Verlassen der Stadt Mosul aufriefen, klingen für manche heute noch wie eine Verkündung des letzten Gerichts. Acht Jahre später war es der IS, der sie abermals vertrieb. Dazwischen liegen Erschießungen von Christen auf offener Straße, die Entführung ihres Bischofs, die Enthauptung von Priestern, die Vergewaltigung von Frauen. Dass die Angst, auch ein drittes Mal zur Zielscheibe der nicht enden wollenden Konflikte im Irak zu werden, wie ein Stigma die Christen dominiert, ist nur zu verständlich. Der Besuch des Papstes soll Linderung bringen, so die Hoffnung mancher. Die irakische Regierung weiß um die Dramatik der Situation. Wenn die Christen gehen, verliert das Land seine Identität. Deshalb reiste Präsident Barham Saleh Ende November 2018 nach Rom und lud den Papst in den Irak ein.

Doch der Bischof von Basra zweifelt daran, dass der Besuch des Papstes die Migration der Christen stoppen könnte. Viele hätten ihre Häuser verloren, ihre Arbeit, ihr Einkommen. Auch wenn es jetzt heißt, die irakische Regierung wolle die Immobilien an die vormals christlichen Eigentümer zurückgeben, seien die 54 Häuser, die bis jetzt zurückgegeben wurden, ein Tropfen auf den heißen Stein, meint Jajou. Und Arbeit gäbe es derzeit für junge Leute sowieso nicht. Für die Christen käme noch erschwerend hinzu, dass sie traditionell ihre Domäne im Handel mit Alkohol hatten. Den Muslimen ist es verboten, Bier, Wein und Schnaps zu verkaufen. Doch seitdem im Südirak striktes Alkoholverbot herrsche, seien viele Christen ihrer Existenz beraubt worden. Und selbst im freieren Bagdad hat es kürzlich Anschläge auf Alkoholgeschäfte gegeben, hinter denen schiitische Hardliner vermutet werden. Das Schlimmste aber sei, so Jajou, "dass die Christen nicht mehr heiraten können". Zum einen sei die finanzielle Lage so prekär, dass sie keinen Hausstand gründen könnten. Zum anderen, dass sie keine Partner fänden. "Es gibt einfach nicht mehr genug Christen hier im Irak."