Wenn sich zwei Weltmächte im diplomatischen Kontext treffen, dann passiert normalerweise nichts ohne ein penibles Protokoll. Das war auch zu erwarten bei dem Treffen von US-Außenminister Antony Blinken und seinem chinesischen Amtskollegen Yang Jiechi im kanadischen Anchorage. Vor der Presse war beiden ein Eingangsstatement von rund zwei Minuten zugeteilt worden. Nach den zwei Minuten Blinkens redete Jiechi aber 20 Minuten, beschuldigte die USA sich in interne Angelegenheiten von China einzumischen, stellte die Position der USA überhaupt in Frage, für andere Länder das Wort ergreifen zu dürfen und erklärte, dass die USA selbst hinter den größten Cyber-Angriffen stünden. "Wir glauben, dass die USA aufhören sollten, ihre eigene Demokratie in die Welt hineinzutragen 

"Hold on one second"

Dann wurden die Presse-Verantwortlichen langsam aus dem Saal verwiesen, die Vorstellung hätte zu Ende sein sollen. "Hold on one second", "warten Sie kurz", sagte aber Blinken, und entschied seinerseits, die Veranstaltung zu verlängern - um seinerseits China zu attackieren. Blinken erzählte außerdem, dass er in Gesprächen mit fast 100 anderen Amtskollegen eine tiefe Befriedigung herausgehört habe, dass die USA zurück am internationalen Parkett seien. Und er habe aber auch von Sorgen wegen einiger Handlungen der chinesischen Regierung gehört.

 Die Handlungen Chinas bedrohten die globale Stabilität, warnte Blinken. "Das Verhältnis der Vereinigten Staaten mit China wird konkurrierend sein, wenn nötig, zusammenarbeitend, wenn möglich, und feindselig, wenn es sein muss", sagte Blinken. 

"Es ist für unsere beiden Länder wichtig, dass wir unsere Angelegenheiten jeweils gut führen, anstatt die Schuld auf jemand anders in der Welt abzuschieben", sagte Yang einer Übersetzung zufolge.

"Es ist eine Tatsache, dass es mit Blick auf die Menschenrechte viele Probleme in den Vereinigten Staaten gibt", sagte er weiter und erwähnte die "Black Lives Matter"-Proteste des vergangenen Jahres gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Blinken wiederum erklärte, die USA seien besorgt angesichts der Menschenrechtslage in der Metropole Hongkong und in der Provinz Xinjiang, wo die ethnische Minderheit der Uiguren lebt. Zudem warf er China vor, für Cyber-Angriffe verantwortlich zu sein und US-Verbündete mit wirtschaftlichen Druck zu erpressen. Zudem kritisierte er Pekings Haltung in Bezug auf Taiwan, das die kommunistische Volksrepublik als Teil Chinas beansprucht.

"Jede dieser Handlungen bedroht den auf Regeln basierenden Rahmen, der die globale Stabilität bewahrt. Deswegen sind dies nicht nur innere Angelegenheiten", sagte Blinken. "Die Alternative zu einer auf Regeln basierender Ordnung ist eine Welt, in der die Macht Recht bekommt und alles an den Gewinner geht. Das wäre eine wesentlich gewaltsamere und instabilere Welt", warnte Blinken.

USA wollten Treffen auf US-Boden

An dem Treffen in der Hauptstadt Alaskas nahmen Blinken und Yang, der höchste Außenpolitiker der Kommunistischen Partei, sowie der im chinesischen Machtapparat untergeordnete Außenminister Wang Yi und Bidens Nationaler Sicherheitsberater Jake Sullivan teil. Die US-Regierung hatte nach eigenen Angaben darauf bestanden, dass das Treffen auf amerikanischem Boden stattfinden sollte.

Nach den Eröffnungsreden tagten beide Seiten hinter verschlossenen Türen weiter. Die Gespräche sollten noch bis in den Abend und am Freitag weitergehen. Die US-Regierung hatte erklärt, man hoffe dabei nicht auf ein bestimmtes Ergebnis. Es gehe vielmehr darum, mit einer "offenen und ehrlichen Diskussion" die Grundlagen für die weitere Zusammenarbeit zu schaffen.

An weiteren konfliktreichen Themen dürfte es bei den Gesprächen der beiden weltgrößten Volkswirtschaften nicht fehlen. Die USA sind unter anderem auch besorgt über Pekings Handelspraktiken und den chinesischen Expansionsdrang im Indo-Pazifik-Raum. China wiederum wirft den USA vor, sich wie ein globaler Hegemon zu verhalten. Peking fordert zudem die Aufhebung der unter Ex-Präsident Donald Trump verhängten Strafzölle.

Bei anderen Themen von globaler Bedeutung, etwa der Bekämpfung des Klimawandels, wollen beide Regierungen aber zumindest grundsätzlich zusammenarbeiten. Auch bei internationalen Konflikten wie zum Beispiel in Bezug auf die Atomprogramme des Irans und Nordkorea müssen beide Seiten kooperieren.

Blinken hatte sich unmittelbar zuvor zusammen mit Verteidigungsminister Lloyd Austin im Rahmen einer Asien-Reise mit den US-Verbündeten in Japan und Südkorea abgestimmt. Blinken forderte China dabei auch auf, bei den Bemühungen um eine atomare Abrüstung Nordkoreas seinen Einfluss auf das Nachbarland stärker auszuspielen. China habe "ein klares Eigeninteresse", auf die Denuklearisierung Nordkoreas hinzuarbeiten, sagte Blinken am Donnerstag in Seoul.

Das Verhältnis zwischen den USA und China war unter Trump auf das schlechteste Niveau seit Aufnahme der diplomatischen Beziehungen 1979 gefallen. Biden setzt nun auf einen weniger aggressiven Ton - lässt in der Sache aber keinen Zweifel daran, das China als Rivale angesehen wird. Bidens Regierung will sich in Bezug auf China auch enger mit demokratischen Verbündeten in Asien und Europa abstimmen.

Die US-Regierung hatte wegen der umstrittenen Hongkonger Wahlrechtsreform erst diese Woche neue Sanktionen gegen 24 weitere Politiker und Beamte aus China und Hongkong verhängt. Der Pekinger Volkskongress hatte vergangene Woche für die Reform von Chinas Sonderverwaltungsregion gestimmt, in der Peking mit harter Hand gegen die Demokratie-Bewegung vorgeht. Das neue Gesetz würde laut Kritikern den Oppositionseinfluss weiter drastisch schmälern, dafür das Pro-Peking-Lager stärken. (wak,apa,afp)