Seoul. Mit den ersten Tests von ballistischen Raketen seit einem Jahr fordert die Atommacht Nordkorea den neuen US-Präsidenten Joe Biden heraus. Das stalinistisch regierte Land feuerte am Donnerstag im Abstand von knapp 20 Minuten im Kreis Hamju zwei Kurzstreckenraketen in Richtung offenes Meer ab, wie Südkoreas Militär mitteilte. Die Raketen flogen 450 Kilometer weit, auf einer Flughöhe von bis zu 60 Kilometern, und stürzten dann ins Wasser.

Die Tests erfolgten nur wenige Tage nach dem Start von zwei mutmaßlichen Marschflugkörpern durch Nordkorea. Die Starts am vergangenen Sonntag hatten Südkorea und die USA erst am Mittwoch bestätigt. Im Gegensatz zu ballistischen Raketen, die Nordkorea auf Grund mehrer UN-Resolutionen nicht testen darf, unterliegen Lenkflugkörper keinen Sanktionen.

Biden hatte deutlich gemacht, dass die USA diesen Test nicht als Provokation einstufen. Durch die Tests könnte Pjöngjang jedoch nach Ansicht von Beobachtern versuchen, schrittweise den Druck auf die USA zu erhöhen, denen es eine feindselige Politik vorwirft.

Neue Nordkorea-Politik wird vorbereitet

Washington bereitet derzeit eine neue Nordkorea-Politik vor. Die entsprechende Überprüfung ist nach Angaben von Regierungsbeamten fast abgeschlossen. Außenminister Antony Blinken hatte vergangene Woche bei einem Besuch in Seoul betont, es lägen verschiedene Optionen auf dem Tisch - diplomatische Anreize, aber auch Druckmaßnahmen.

Wie sich der Start von ballistischen Raketen darauf auswirkt, war zunächst unklar. Mitglieder des Nationalen Sicherheitsrats in Südkorea äußerten nach einer Dringlichkeitssitzung "tiefe Besorgnis" über den Raketentest des isolierten Nachbarlandes. Japans Ministerpräsident Yoshihide Suga kündigte "ernsten Protest" an. "Der Start bedroht den Frieden und die Stabilität unseres Landes und der Region. Das war eine klarer Verstoß gegen Resolution den UN-Sicherheitsrats."

Der russische Außenminister Sergej Lawrow sprach sich bei einem Besuch in Seoul dafür aus, den Verhandlungsprozesses für eine Lösung der Probleme auf der geteilten koreanischen Halbinsel bald wieder aufzunehmen. Russland setze sich für Frieden und Stabilität ein.

Die Verhandlungen der USA mit Nordkorea über dessen Atomwaffenprogramm kommen seit zwei Jahren nicht mehr voran. Der frühere US-Präsident Donald Trump hatte persönliche Kontakte zum nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un geknüpft und diesen dreimal getroffen. In der Sache wurden dabei aber kaum Fortschritte erzielt. Nordkorea, das bereits mehrere Atomwaffentests gemacht hat, treibt sein Raketenprogramm seit vielen Jahren voran. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung von ballistischen Raketen einschließlich Langstreckenraketen, die die USA erreichen könnten.