In Myanmar sind beim blutigsten Protesttag seit dem Putsch im Februar Augenzeugen und Medienberichten zufolge am Samstag mehr als 110 Menschen von den Sicherheitskräften getötet worden, darunter auch Kinder. Trotz der drohenden Gefahr von Kopfschüssen durch Sicherheitskräfte gingen in Yangon, Mandalay und anderen Städten wieder zahlreiche Menschen auf die Straßen, um gegen den Putsch vom 1. Februar zu demonstrieren. Die neuen Demonstrationen fanden zum Tag der Armee statt, den das Militär mit einer Parade in der Hauptstadt Naypyitaw beging. Dazu schickten unter anderem Russland und China Vertreter.

UN-Berichterstatter bezeichnet Junta-Vorgehen als Massenmord

Der UN-Sonderberichterstatter für Myanmar, Tom Andrews, hat das Vorgehen der Militärjunta in dem Land als "Massenmord" bezeichnet. Es sei an der Zeit für die Welt einzugreifen - wenn nicht durch den Sicherheitsrat, dann durch ein internationales Gipfeltreffen zu Myanmar, teilte Andrews mit. Man könne die Öl- und Gaszahlungen und damit die Finanzströme an das Militär in dem Land einstellen oder den Zugang des Militärs zu Waffen stoppen.

Ein Demonstrant trägt stolz die Flagge der National League for Democracy (NLD). - © APA / Reuters
Ein Demonstrant trägt stolz die Flagge der National League for Democracy (NLD). - © APA / Reuters

Verurteilende oder besorgte Äußerungen seien wenig tröstlich für die Menschen in Myanmar, gegen die das Militär Massenmord verübe. Worte reichten nicht aus, es sei nun höchste Zeit für ein robustes und koordiniertes Handeln.

Am Samstag war es beim gewaltsamen Vorgehen des Militärregimes in Myanmar gegen die Straßenproteste zur bisher blutigsten Eskalation seit dem Putsch vor knapp zwei Monaten gekommen. Medienberichten und Augenzeugen zufolge schossen Sicherheitskräfte am Samstag erneut in mehreren Städten des Landes auf demonstrierende Regimegegner und töteten dabei mindestens 114 Menschen, darunter auch Kinder. Allein in Mandalay im Zentrum des Landes seien mindestens 40 Personen ums Leben gekommen, darunter ein 13-jähriges Mädchen, berichtete das Nachrichtenportal Myanmar Now. In der Wirtschaftsmetropole Yangon seien mindestens 27 Menschen getötet worden. Dennoch hat die Opposition für Sonntag weitere Proteste angekündigt.

Westliche Länder haben das Vorgehen des Militärs in Myanmar scharf verurteilt. Doch das Militär hat weiterhin Unterstützer in Russland und China, Veto-Mächte im UN-Sicherheitsrat. Diplomatische Vertreter aus acht Ländern, Russland, China, Indien, Pakistan, Bangladesh, Vietnam, Laos und Thailand hatten am Samstag einer Militärparade in der Hauptstadt Naypyitaw beigewohnt.

USA "entsetzt" über "Terrorregime" der Militärs in Myanmar

Die USA zeigten sich über das brutalste Vorgehen der Sicherheitskräfte in Myanmar "entsetzt". Die gewaltsame Niederschlagung von Protesten gegen die Militärherrscher am Samstag habe gezeigt, dass die Junta im Interesse einiger weniger "das Leben des Volkes opfern will", erklärte am Samstag in Washington US-Außenminister Antony Blinken. "Das mutige Volk von Myanmar lehnt das Terrorregime der Militärs ab."

Medienberichten und Augenzeugen zufolge wurden mindestens 114 Menschen getötet. Laut den Vereinten Nationen waren auch Kinder unter den Opfern: "Wir erhalten Berichte über Dutzende von Toten, einschließlich Kindern, hundert Verletzte an 40 Orten und Massenverhaftungen", erklärte das Büro des UN-Hochkommissars für Menschenrechte.

Seit dem Militärputsch am 1. Februar sieht sich die Junta in Myanmar massiven Protesten gegenüber, gegen die sie äußerst brutal vorgeht. Mehr als 2.600 Demonstranten wurden seit Beginn der Proteste festgenommen, insgesamt fast 420 Menschen wurden nach Angaben von örtlichen Menschenrechtsaktivisten getötet. Die Demonstranten fordern unter anderem die Freilassung der entmachteten De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi und eine Rückkehr zur Demokratie.

Internationale Militärchefs verurteilen die Gewalt

Die Militärchefs von einer Reihe westlicher Staaten haben in einer gemeinsamen Erklärung die Gewalt gegen friedliche Demonstranten in Myanmar scharf verurteilt. Gleichzeitig forderten sie die Militärjunta in dem in der Nacht auf Sonntag veröffentlichten Schreiben auf, internationale Standards der militärischen Professionalität anzuwenden.

"Ein professionelles Militär hält sich an internationale Verhaltensstandards und ist dafür verantwortlich, die Menschen, denen es dient, zu beschützen, und nicht, ihnen zu schaden", hieß es in dem Schreiben. Die Militärchefs forderten die Streitkräfte Myanmars zudem auf, die Gewaltanwendung einzustellen und daran zu arbeiten, "den Respekt und die Glaubwürdigkeit, die sie durch ihre Aktionen verloren haben, bei den Menschen in Myanmar wiederherzustellen". Die Erklärung wurde von Mark Milley, dem Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs der USA, und seinen Kollegen aus Australien, Kanada, Deutschland, Griechenland, Italien, Japan, Dänemark, den Niederlanden, Neuseeland, Südkorea und Großbritannien unterzeichnet.

"Die Gewalt ist völlig inakzeptabel und muss sofort aufhören", hieß es auch in einer Mitteilung der UNO. Die EU-Delegation in Myanmar erklärte, der Feiertag in diesem Jahr werde "als ein Tag von Terror und Entehrung" in die Geschichte eingehen. Auch der US-Botschafter verurteilte das Vorgehen des Militärs: "Das Blutvergießen ist grauenvoll", schrieb Thomas Vajda auf Twitter. Das Militär Myanmars habe Schande über sich gebracht, indem es auf "unbewaffnete Zivilisten" geschossen habe, schrieb der britische Botschafter Dan Chugg auf Twitter. Der Chef der Militärregierung erklärte, das Militär wolle das Volk schützen und strebe nach Demokratie.

Kein Datum für Wahlen genannt

Nach der jährlichen Parade in der Hauptstadt Naypyitaw, sagte der Chef der Junta, General Min Aung Hlaing im staatlichen Fernsehen: "Die Armee will sich mit der ganzen Nation zusammentun, um die Demokratie zu sichern." Gewalthandlungen, die die Stabilität und Sicherheit beeinträchtigen würden, seien unangebracht. Er wiederholte sein Versprechen Wahlen abzuhalten, nannte aber kein Datum. Tags zuvor hatte es im staatlichen Fernsehen eine Drohung gegen die Demonstranten gegeben. "Sie sollten lernen, dass man Gefahr läuft, in den Kopf und den Rücken geschossen zu werden", hieß es über den Sender MRTV.

Dass diese Drohungen mehr als ernst zu nehmen sind, beweisen die jüngsten Todesfälle. Allein in Mandalay sollen 29 Menschen getötet worden sein, mindestens 24 waren es in der Metropole Yangon als Sicherheitskräfte das Feuer eröffneten. Auch in anderen Teilen des Landes starben Medienberichten zahlreiche Menschen bei Protesten.

"Dieser Krieg ist erst zu Ende, wenn wir ihn gewonnen haben"

"Dieser Krieg ist erst zu Ende, wenn wir ihn gewonnen haben", sagte ein Aktivist, der anonym bleiben wollte, bei einer Demo in der Nähe der berühmten Sule-Pagode in der größten Stadt Yangon. "Wir hören nicht auf, bis es Freiheit und Gerechtigkeit gibt."

Seit dem Militärputsch gibt es fast täglich Proteste gegen die Machtübernahme. Die Demonstranten fordern Demokratie sowie die Freilassung der festgesetzten De-Facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi. Ihre Partei Nationale Liga für Demokratie (NLD) hatte bei der Wahl im November einen erdrutschartigen Sieg gefeiert. Das Militär erkennt diesen jedoch nicht an, da es nach seiner Darstellung Wahlbetrug gegeben haben soll, und entmachtete Anfang Februar die zivile Regierung.

"Wahrer Freund" Russland

Zu der Parade am Samstag entsandten Diplomaten zufolge acht Staaten Vertreter - Russland, China, Indien, Pakistan, Bangladesch, Vietnam, Laos und Thailand. Für die Regierung in Moskau sei Vize-Verteidigungsminister Alexander Fomin anwesend gewesen. "Russland ist ein wahrer Freund", sagte Min Aung Hlaing. Die Unterstützung der Regierungen in Moskau und Peking ist für die Armee in Myanmar besonders wichtig, weil beide Staaten ein Veto-Recht im UN-Sicherheitsrat haben. Die USA und europäische Staaten erließen dagegen in der vergangenen Woche neue Sanktionen.

(apa/dpa/reuters)