Eine Mutter weint um ihren Sohn. Er liegt in einem Sarg, der gleich unter die Erde kommt. Nur 13 Jahre war er alt, aber damit schon alt genug, um dafür büßen zu müssen, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Polizisten haben auf ihn geschossen, weil sie ihn als Teil der gegen das Militär protestierenden Masse wahrgenommen hatten. Und da macht es mittlerweile keinen Unterschied mehr, wie alt jemand ist. Polizisten und Soldaten schießen in Myanmar nun auch auf Kinder.

Knapp zwei Monate, nachdem sich das Militär an die Macht geputscht hat, scheinen aber nicht nur in dieser Hinsicht alle Schranken gefallen zu sein. Die Bilder und Augenzeugenberichte aus dem bitterarmen südostasiatischen Land muten nach einem Blutrausch an. Soldaten drohen Menschen auf der Straße und über Videos auch auf sozialen Medien. Mal feuern sie offenbar wahllos von draußen in Wohngebäude, dann wieder schießen sie Demonstranten gezielt in den Kopf oder in die Brust. Allein an diesem Samstag, dem bisher blutigsten Tag seit dem Staatsstreich, kamen 114 Menschen ums Leben.

Die Brutalität, mit der die waffenmäßig klar überlegenen Streitkräfte vorgehen, verblüfft jedes Mal aufs Neue. Sie dürfte allerdings auch damit zu tun haben, dass die Armee eben nur in Sachen Ausrüstung die Oberhand hat. Zahlenmäßig beeindruckt nämlich vielmehr das demokratische Lager. Hundertausende Menschen begeben sich seit Wochen in Lebensgefahr und protestieren für die junge Demokratie im Land.

Hohe Beteiligung an Streiks

Die Demokratie will offiziell auch das Militär wahren. Der Oberbefehlshaber und derzeitige De-facto-Regent Minh Aung Hlaing erklärte dieser Tage auf einem Galabankett für das Militär: "Um die Demokratie zu schützen, reicht das Militär der ganzen Nation die Hand." Nachdem die Armee Anfang Februar die Macht an sich gerissen hatte, weil sie ein Wahlergebnis vom November nicht hatte anerkennen wollen, ist ein zunächst einjähriger Ausnahmezustand verhängt worden. Danach soll es laut den Generälen aber wieder Wahlen und eine Rückkehr zur Demokratie geben.

Die Wut über den Putsch scheint bei den Menschen in Myanmar allerdings nicht weniger zu werden. So sind den Aufforderungen der Gewerkschaften für Generalstreiks große Teile der Bevölkerung nachgekommen. Damit tobt allerdings nicht nur auf der Straße ein brennender Konflikt. Zugleich ist auch die Wirtschaft lahmgelegt. Mit Statistiken ist der Einbruch der ökonomischen Aktivität im Land bisher allerdings kaum zu beschreiben. Das liegt einerseits daran, dass sich die Auswirkungen der Proteste derzeit mit den Folgen der Pandemie vermischen, zu der derzeit wiederum kaum Zahlen veröffentlicht werden - seit Beginn des Putsches zählt Myanmar kaum noch Neuinfektionen. Andererseits fehlen bisher auch klare Quantifizierungen der wirtschaftlichen Wertschöpfung. Was aber auf der Hand liegt: Das 54-Millionen-Einwohner-Land liegt ökonomisch darnieder. Bereits Mitte Februar berichtete die die von burmesischen Exiljournalisten gegründete Nachrichtenseite "Irrawaddy" von Bank-Runs in Rangun, der wichtigsten Finanzmetropole des Landes. Viele Menschen hoben damals ihre ganzen Ersparnisse ab, weil sie dem Finanzsystem nicht mehr trauten.

Inflationsanstieg droht

Dass die Geldinstitute wegen der Streiks größtenteils geschlossen bleiben, hat aber nicht nur Auswirkungen auf die enorm wichtigen Geldsendungen von Familienmitgliedern aus dem Ausland, die nun auf einmal nicht mehr ankommen. Immer öfter werden auch ausländische Währungen als Zahlungsmittel genutzt, was faktisch zu einer Abwertung des myanmarischen Kyat führt. Analysten erwarten, dass die Zentralbank früher oder später neues Geld drucken muss, damit wieder vermehrt auf die heimische Währung umgestiegen wird. Allerdings dürfte dies den Anstieg der Inflation beschleunigen, der sich für einige Güter und Dienstleistungen schon zeigt. Vor allem Importware - von so grundlegenden Gütern wie Öl bis zu diversen Nahrungsmitteln - sind bisher von Preissteigerungen betroffen.

Schwer vorzustellen ist unter diesen Umständen, wie in Myanmar in naher Zukunft Stabilität hergestellt werden kann. Auch für das Ausland, das mit Ausnahme Chinas schnell gewesen ist, den Putsch zu verurteilen, stellen sich damit neue Fragen. Womöglich genügt es nicht, wie bisher beschlossen, die Vertreter des Militärs mit Sanktionen zu belegen. Ein weiterer Schritt wäre die gezielte Unterstützung des demokratischen Lagers. Schließlich droht in den kommenden Wochen nicht nur ein weiterer Anstieg der Todesopfer, sondern wohl auch schon der Beginn einer Hungerkrise.