Osterruhe in Rio de Janeiro: Für zehn Tage hat die Stadt des Karnevals und des Sambas wieder einmal alle Lebensgeister aus den Clubs, Restaurants und vom Strand verbannt. Diese Maßnahme soll helfen, die nächste und bisher schlimmste Pandemie-Welle zu brechen, denn fast jeder Tag endet in dieser Woche mit neuen Hiobsbotschaften.

Am Dienstag hat Brasilien erneut einen Tageshöchstwert bei den Corona-Toten registriert. 3780 Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 in den vergangenen 24 Stunden meldete das Gesundheitsministerium in Brasília am Dienstagabend (Ortszeit).

Das Konsortium der brasilianischen Medien meldete am Montagmorgen einen neuen Rekord-Durchschnittswert von 2.598 Toten in den letzten sieben Tagen. Denn wichtige Zeitungen haben sich zusammengeschlossen und recherchieren die Zahlen selbst, weil sie dem Gesundheitsministerium in Brasilia misstrauen. Dort hat es vor wenigen Tagen den insgesamt dritten Personalwechsel an der Spitze gegeben. Immerhin ist es mit Marcelo Queiroga jetzt wieder ein Mediziner, der den Kampf gegen die Pandemie führen soll. Es ist der vierte Gesundheitsminister seit Pandemiebeginn vor einem Jahr. Stabilität sieht anders aus. Aber auch anderswo rollen Köpfe. Präsident Jair Bolsonaro kommt immer mehr in Bedrängnis wegen des fehlenden Krisenmanagements. Und so besetzte er am Montag gleich sechs Kabinettsposten neu. Unter anderem tauschte er den Außenminister sowie die Minister für Justiz und Verteidigung aus.

Evangelikale Brasilianer (auf dem T-Shirt steht: "Jesus wird zurückkehren") beten für die Covid-Patienten in der Stadt Belem. - © afp / T. Sarraf
Evangelikale Brasilianer (auf dem T-Shirt steht: "Jesus wird zurückkehren") beten für die Covid-Patienten in der Stadt Belem. - © afp / T. Sarraf

Während über eine Entlassung von Außenminister Ernesto Araújos bereits spekuliert worden war, kam der Austausch der anderen Minister für Beobachter überraschend.

Der 53-jährige Araújo stand zuletzt vor allem wegen der Corona-Politik und der mangelhaften Impfkampagne in Brasilien massiv unter Druck. Zahlreiche Parlamentarier hatten seinen Abgang gefordert: wegen seiner nicht vorhandene Impfstoff-Diplomatie und seiner schlechten Beziehungen zum wichtigsten Handelspartner China. Besonders verärgerte das Parlament Araújos Ablehnung eines Angebots von 70 Millionen Impfdosen von Biontech/Pfizer im August vergangenen Jahres.

Unterdessen droht die Corona-Krise im größten Land Lateinamerikas komplett außer Kontrolle zu laufen. Vor allem die schiere Masse an frischen Infektionen in so kurzer Zeit beunruhigt die Wissenschafter, ist sie doch ein idealer Nährboden für immer neue Mutationen, die schneller sein könnten als die zur Verfügung stehenden Impfmittel. Zusammengerechnet infizierten sich in den letzten sieben Tagen rund 500.000 Brasilianer und die Tendenz ist weiter steigend. Mehr als 18.000 Tote in einer Woche sorgen für Schichtbetrieb an den Friedhöfen.

Ethel Maciel von der Universität UFES in Espirito Santo sieht schwere Wochen auf Brasilien zukommen: "Leider ist die Gefahr real, dass sich durch die vielen Neuinfektionen neue Mutationen bilden können", sagt die Wissenschaftlerin im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Ihre Kritik: In Brasilien wurden die Infektionen zu wenig sequenziert. Es gäbe Länder, in denen bis zu 10.000 Test täglich genauestens untersucht würden, in Brasilien beschränkte sich dies allerdings lange Zeit nur auf wenige tausend Infektionen. "Wir müssen wissen, was passiert. Mit welcher Variante sind die Menschen erkrankt? Wir brauchen diese Antworten", sagt Maciel. Inzwischen sehen internationale Medien Brasilien als eine Art Zeitbombe für die Welt.

Höhere Todesrate deutet auf gefährlichere Variante hin

Tatsächlich ist die Lage in Brasilien aber ähnlich der in Europa. Vergleicht man die Zahlen, dann waren die bestätigten Neuinfektionen am vergangenen Donnerstag nahezu identisch. Brasilien meldete 362 neue Fälle pro eine Millionen Einwohner, in der EU gab es 358 (Quelle: Our World in Data). Deutlich unterschiedlicher sind allerdings die Todeszahlen: In Brasilien gab es zehn Tote pro eine Million Einwohner, in der EU waren es knapp sechs. Nun spekulieren die brasilianischen Medien, dass die brasilianische Variante P1 deutlich gefährlicher und aggressiver sein könnte. Eine Erfahrung, die Krankenschwester Polyena Silveira aus persönlicher Erfahrung teilt: "Dieses Virus ist viel stärker als das, das wir vor einem Jahr hatten." Silveira wurde in diesen Tagen bekannt, weil ein Foto von ihr durch die brasilianischen Medien ging. Es zeigt die Krankenschwester in einer Erstaufnahmestation in Teresina im nordöstlichen Bundesstaat Piaui auf dem Boden sitzend. Neben ihr ein sterbender Patient, dem niemand mehr helfen kann, weil alle Betten belegt sind. Der Andrang von Patienten sei inzwischen so groß, dass die Kapazitäten längst nicht mehr ausreichen. Es sind einfach viel zu viele Menschen krank.

In den großen Ballungsräumen Sao Paulo und Rio de Janeiro stehen die Spitäler vor dem Kollaps, weil es inzwischen an allem fehlt. Und die zeitlich verzögerten Erkrankungen der Patienten der jüngsten massiven Infektionswelle der vergangenen Tage sind noch gar nicht alle eingepreist.

"Erwarten Sie das Schlimmste", warnt Manaus’ Bürgermeister

Einer, der das alles vorgesagt hatte, ist Manaus’ Bürgermeister David Almeida, weil er diese dritte Welle schon hinter sich hat. Die mutmaßlich aus dem Bundesstaat Amazonas stammende Mutation brach über dessen Hauptstadt Manaus herein. Weil zu früh gelockert wurde, ignorierten die Menschen die neuen Empfehlungen. Und prompt schossen die Infektionen in die Höhe. "Erwarten Sie das Schlimmste, erwarten Sie, was Sie noch nie gesehen haben", sagte Bürgermeister Almeida vor gut zwei Wochen. "Ein Patient, der früher zehn Tage im Krankenhaus war, bleibt jetzt dreißig Tage. Die Variante ist viel ansteckender, viel stärker. Die Patienten bleiben viel länger auf der Intensivstation und brauchen die gesamte Aufmerksamkeit des Personals." Genauso ist es gekommen. Die Patienten sind nun jünger und bleiben deutlich länger.

Eine weitere Parallele zwischen Brasilien und der EU ist das durchwachsene Impfmanagement. Nur im Bundesstaat Amazonas gingen inzwischen die Neuinfektionen spürbar zurück. Dort wurden bereits 14,5 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal geimpft. Ein Spitzenwert für Brasilien, ansonsten hängt das Land ähnlich durch wie Europa. Brasilia hat wie Brüssel bei der Impfstoffbesorgung zu lange gezögert, obwohl das Land sogar Schauplatz zahlreicher Testreihen war.

"Die Situation in Brasilien ist schrecklich. Die Krankenhäuser sind überfüllt, die Intensivbetten reichen nicht und einige Krankenhäuser sind schon ohne Sauerstoff", sagt Yale-Wissenschafterin Akiko Iwasaki dem Sender BBC Brasil. Sie appellierte deswegen an den US-Präsidenten Joe Biden, Impfstoffe des Typs Biontech Pfizer oder Moderna zur Verfügung zu stellen. Ihre Befürchtung: Im Bundesstaat Amazonas sei davon ausgegangen worden, dass nach den ersten Wellen schon eine Herdenimmunität bestehe, doch dann habe die nächste Welle noch einmal mit voller Wucht zugeschlagen. Offenbar seien die Impfmittel, die auf Basis des alten Virus hergestellt worden waren, nicht so wirksam wie Biontech oder Moderna.

Natürlich hat die aktuelle Lage auch eine politische Dimension. Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Bolsonaro wird mehr und mehr für das Chaos verantwortlich gemacht, seine Umfragewerte sinken steil nach unten. Inzwischen scheint Bolsonaro seinen Kurs ändern zu wollen, er tauschte nicht nur seine Minister aus, sondern berief auch eine Krisenkommission ein.

Letzteres war sogar ein Vorschlag von Ex-Präsident Lula da Silva, der seit gut einer Woche nach der Annullierung eines umstrittenen Korruptionsprozesses gegen ihn praktisch wieder auf der politischen Bühne zurück ist. Lula brachte auch einen G20-Impfgipfel ins Spiel. Die reichen Industrieländer müssten die armen Länder des Südens unterstützen. Das ist eine Forderung, die auch aus der Wissenschaft kommt. Weil nur gleichzeitig durchgeimpfte Bevölkerungen weltweit das Risiko minimieren würden, dass weitere gefährliche Mutationen entstehen könnten, dürften die reichsten Länder nicht nur an sich denken.

Erst am Sonntag begannen die USA damit, Impfstoffe nach Mexiko zu liefern. Dies ermöglichte es der Administration von Joe Biden, ein beeindruckend hohes Impftempo zu veranschlagen. Allerdings auf Kosten des Restes der Welt.

In Brasilien sehen das die Bolsonaro-Kritiker anders. Sie machen ihn für die inzwischen über 312.000 Toten verantwortlich, weil Bolsonaro für das Ignorieren von Hygiene-Regeln warb, bei der Impfmittelbeschaffung viel zu langsam war und die meisten Toten aus den armen Bevölkerungsschichten stammen. Bolsonaros Ansicht: "Ein Lockdown macht die Armen nur noch ärmer." Indigene Vertreter berichteten jüngst vor den Vereinten Nationen von der dramatischen Situation und werfen Bolsonaro einen gezielten Völkermord vor.

Roberto Gulart Menezes vom Institut für Internationale Beziehungen der Universität Brasilia sieht im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" tatsächlich geopolitische Konsequenzen: "Durch ihre Corona-Politik steht die Regierung Bolsonaro international isoliert da", sagt der Politikwissenschafter.