Carlos hat es geschafft. Monatelang war der Zwölfjährige aus Guatemala unterwegs. Jetzt ist er in den Vereinigten Staaten angekommen - allein. Verängstigt und hungrig steigt er aus dem Schlauchboot, in dem ihn Schlepper über den Grenzfluss Rio Grande nach Texas brachten. "Ich bin gekommen, weil wir nichts mehr zu essen hatten", erzählt der schmächtige Bub mit den großen braunen Augen, während die Nacht über dem Tal hereinbricht.

Seine Mutter, mit der er allein lebte, habe ihre Arbeit als Putzfrau wegen der Corona-Pandemie verloren, sagt Oscar. Beim Abschied habe sie ihm gesagt: "Weine nicht." "Aber ich habe geweint", sagt er und dann schießen ihm wieder die Tränen in die Augen. Oscar hofft, dass er bald zu seinem Onkel kann, der seit 15 Jahren in den USA lebt.

Zehntausende Migranten kamen in den vergangenen Wochen über die Südgrenze in die USA, die Anlagen der Grenzpolizei und die Haftanstalten sind längst überfüllt. Der Andrang der Flüchtlinge hat sich in den zwei Monaten seit Amtsantritt zu einer der größten Herausforderungen für Präsident Joe Biden entwickelt.

Der schrecklichste Teil der Reise seien die zwölf Stunden in einem mit Menschen vollgestopften Anhänger gewesen, sagt Oscar. "Es war heiß und alle fielen in Ohnmacht", sagt er. Auch Oscar selbst.

Aber es gibt auch schöne Erinnerungen an die Flucht. Wie die an den Freund, den er unterwegs kennenlernte und später wieder aus den Augen verlor. "Er sagte mir, ich solle nicht aufgeben, wir müssten es schaffen, mit Gottes Gnade", erzählt Oscar. Eines Tages will Oscar in den USA studieren - und seine Mutter nachholen.

Unbegleitete Jugendliche

Zusammen mit Oscar überquerten am Samstagabend mehr als 70 Migranten die Grenze. Die meisten stammen aus Guatemala und Honduras, zwei aus dem EU-Land Rumänien. Über 20 waren unbegleitete Jugendliche und Kinder, manche erst sieben Jahre alt.

Vom Flussufer führt ein sandiger Weg durch Dornengestrüpp zu den wartenden Grenzpolizisten. Überall liegen die bunten Plastikarmbänder, die die Schlepper den Flüchtlingen anlegen, um sie zu identifizieren. Dazwischen einzelne Schuhe, eine Babyrassel, honduranisches Geld.

Bidens Vorgänger Donald Trump wollte die 3.200 Kilometer lange Grenze zu Mexiko völlig abriegeln. Biden hat diese Politik der Abschottung kritisiert und fährt einen neuen Kurs in der Einwanderungspolitik. Doch auch er will die Grenze nicht öffnen. Aber der Umgang mit den Migranten hat sich mit dem Machtwechsel in Washington verändert.

"Wir werden keine Kinder unter 18 Jahren auf diese gefährliche Reise zurückschicken", sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki. "Das bedeutet nicht, dass sie in den Vereinigten Staaten bleiben dürfen. Wir wollen sie menschlich behandeln und sicherstellen, dass sie an einem sicheren Ort sind, während ihre Fälle entschieden werden."

Im Februar überquerten fast 100.000 Migranten illegal die Grenze, unter ihnen mehr als 9.400 Minderjährige. Viele träumen davon, wieder mit ihren Eltern vereint zu sein. Die Mutter des 17-jährigen Diego aus Guatemala ging in die USA, als er ein Monat alt war. Sobald er US-Boden betreten hat, leiht er sich ein Handy und ruft sie an. Beide fangen an zu weinen.(afp)