Eins vorweg: Es war eine Wahl, für die sich viele Peruaner nicht begeistern konnten. Fast alle ehemaligen Präsidenten sind mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert, eine Kandidatin sitzt sowieso im Hausarrest. In den vergangenen fünf Jahren Legislaturperiode hat das Land vier Präsidenten gesehen. Das Parlament blockierte, wo es konnte. Und dann haben sich im Dezember noch um die 500 Politiker und ihre Verwandten an der Prioritätenliste vorbei gegen das Coronavirus impfen lassen.

Das Ergebnis: 26 Prozent der volljährigen Peruaner gingen erst gar nicht zur Wahl am Sonntag, obwohl es eine Wahlpflicht gibt. Es ist damit die niedrigste Wahlbeteiligung in der Geschichte der Republik. Dann gab es noch rund 14 Prozent, die weiß oder ungültig gewählt haben.

Was blieb, waren 18 Kandidaten, die bei der Präsidentschaftswahl am Sonntag um ein wenigstens zweistelliges Ergebnis kämpften. Und hier wurde die Politikverdrossenheit deutlich: Denn der Gewinner des ersten Urnengangs war jemand, den niemand auf der Rechnung hatte. Pedro Castillo steigt mit sagenhaft niedrigen 16,5 Prozent am besten aus der Wahl aus. Dabei hatte er vor einem Monat Zustimmungswerte im niedrigen einstelligen Prozentbereich.

Politikkrise klebte am Establishment

Doch die linksgeneigten Peruaner wollten offenbar keine der etablierten linken Favoriten ihre Stimme geben. Zu groß ist der Widerwillen gegen die momentane politische Kaste. Der ursprüngliche Favorit für die Stichwahl, Yonhi Lescano, hatte das Problem, dass seiner Partei auch der ungeliebte, vorletzte Kurzzeit-Präsident, Manuel Merino, angehört. Merino hatte die Anti-Regierungsproteste im Herbst vergangenen Jahres blutig niederschlagen lassen, mindestens zwei Tote waren die Folge. Außerdem überboten sich die traditionellen Kandidaten Mitte-links mit schwammigen Botschaften und waren nur schwer unterscheidbar.

Ganz anders der neue Favorit Castillo. Der Populist, der erst seit einem halben Jahr einer Partei angehört, ist für die Peruaner sicherlich eine Protestwahl. Für ihn spricht, dass er nicht zum Establishment gehört und ihn bisher keinerlei Korruptionsgerüchte begleiten. Er will eine dezidiert linke Linie ohne Kompromisse.

Castillo, vom Grundberuf Volksschullehrer, ist 2017 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden, als er in seiner Eigenschaft als Gewerkschaftsführer einen langen Lehrerstreik angeführt hatte, um die Gehälter des Schulpersonals zu verbessern. Einer seiner Forderungen ist übrigens auch, dass das Studium für Peruaner gratis sein soll.

Außerdem will er, ähnlich wie in den umliegenden Andenländern, eine verfassungsgebende Versammlung einberufen, um die Grundgerüste des Landes neu zu überdenken. Wirtschaftlich setzt er sich für eine Verstaatlichung bestimmter Betriebe und öffentliche Interventionen ein. Er will einen "sozialistischen Staat" und setzt sich für die Amnestie des Gefangenen Antauro Humala ein, der - freilich nur möglicherweise - am Tod von vier Polizisten Schuld hatte. Fix ist, dass der Bruder eines ehemaligen Präsidenten zweimal den Aufstand gegen konservative Präsidenten mit Waffen geprobt hatte.

Wieso Castillo trotz allem in den vergangenen zwei Wochen so stark in der Gunst der Peruaner zugelegt hat, erklärt sich ein Kolumnist des "Comercio de Peru" damit, dass Castillo Anfang März festgenommen worden war - und diese Publicity geschickt genutzt hatte. Castillos Vergehen: Er hat bei einer Wahlveranstaltung die Abstandsregeln nicht eingehalten. Selbst dürfte es ihn nicht gestört haben - er hatte das Virus bereits im Winter -, aber andere wurden dadurch gefährdet. Seine Partei Peru Libre nutzte aber diesen Moment, um Castillo als jenen Kandidaten zu inszenieren, der der "antidemokratischen" Staatsgewalt, die keine Veränderung will, mutig in die Augen blickt.

Viele Peruaner werden aber große Angst vor dem "sozialistischen Staat" Castillos haben. Wer auch immer auf Platz zwei in die Stichwahl am 6. Juni kommt - die konservativen Politiker Keiko Fujimori und Hernando de Soto liegen mit 13 Prozent zu Redaktionsschluss gleichauf -, hat gute Chancen, Präsident zu werden.