Der Iran will nach dem mutmaßlich israelischen Angriff auf seine Atomanlage in Natanz den Grad seiner Urananreicherung auf 60 Prozent erhöhen. Der Iran hat bis jetzt sein Uran schon auf 20 Prozent angereichert, obwohl nach dem Atomabkommen von 2015 eigentlich nur weniger als 4 Prozent erlaubt sind. Die ursprünglich für Mittwoch geplante Fortsetzung der Wiener Gespräche über eine Wiederbelebung des Abkommens sind nach Angaben Russlands auf Donnerstag verschoben worden.

Frankreichs Präsidialamt teilte mit, die iranischen Pläne seien eine gravierende Entwicklung, die eine Abstimmung der drei involvierten europäischen Staaten Deutschland, Frankreich und Großbritannien (E3) sowie Russlands und Chinas benötige. Die Verhandlungen würden "am 15. April in physischem Format" fortgesetzt, schrieb der russische UN-Botschafter Michail Uljanow am Dienstag im Onlinedienst Twitter. Es bestehe "kein Zweifel" daran, dass dann auch über "die jüngsten Maßnahmen des Iran im Nuklearbereich" beraten werde. Der Iran habe die IAEA über seine Pläne informiert, sagte ein Sprecher der UNO-Atombehörde am Dienstag in Wien.

Irans Vizeaußenminister und Chefverhandler Abbas Araqchi hatte zuvor gegenüber dem Sender "Press TV" angekündigt, dass sein Land mit der Anreicherung auf 60 Prozent am Mittwoch starten und 1.000 weitere Zentrifugen in Natanz installieren werde. Der Schritt erfolgte drei Tage nach einem Angriff auf die Anreicherungsanlage in Natanz, für den Teheran seinen Erzfeind Israel verantwortlich macht. Araqchi ist derzeit in Wien, um die iranische Delegation bei neuen Gesprächen über die Zukunft des Atomabkommens am Donnerstag zu leiten. Nach Angaben der iranischen Atomorganisation AEOI sollen die Vorbereitungen für die 60-prozentige Anreicherung in Natanz noch am Dienstagabend beginnen. Für eine Atombombe werden etwa 90 Prozent benötigt.

"Für medizinische Zwecke"

AEOI-Sprecher Behrouz Kamalvandi zufolge soll das Uran für medizinische Zwecke verwendet werden. Gleichzeitig startet auch die Produktion der neuen Zentrifugen, die die bei dem Angriff beschädigten Teile umgehend ersetzen sollen, so der Sprecher laut Nachrichtenagentur Fars. Der Iran hatte sich 2015 verpflichtet, den Anreicherungsgrad unter 4 Prozent zu halten. Doch nach dem 2018 erfolgten Ausstieg der USA aus der Vereinbarung - damals unter Präsident Donald Trump - kam der Iran schrittweise seinen Verpflichtungen nicht mehr nach.

Zuvor schon hatte Teheran vor negativen Auswirkungen des Angriffs auf die Bemühungen zur Rettung des Abkommens gewarnt. "Der Vorfall in Natanz erschwert die Verhandlungen", sagte Außenminister Javad Zarif am Dienstag am Rande von Gesprächen mit Russlands Außenminister Sergej Lawrow. Lawrow warnte bei seinem Iran-Besuch sogar vor einem Scheitern der internationalen Gespräche über die Zukunft des 2015 geschlossenen Abkommens. Zugleich kritisierte er die Europäer.

Der Iran sprach nach dem Angriff auf die Atomanlage am Sonntag von einem "Terrorakt" und machte Israel verantwortlich. Auch US-Geheimdienste vermuten Israel dahinter. Nach Angaben der iranischen Atomorganisation AEOI richtete der Vorfall keine größeren Schäden an. "Das war nur eine leichte Brise, die uns nicht mal zum Zittern bringt", behauptete ein Sprecher. Die "New York Times" hingegen berichtete unter Berufung auf US-Geheimdienstler, die Uran-Anreicherung des Iran werde um mindestens neun Monate zurückgeworfen.

Russland will Abkommen retten

Russland zählt zu den Ländern, die sich um die Rettung des Abkommens bemühen, das 2015 zwischen dem Iran, den fünf UN-Vetomächten und Deutschland in Wien geschlossen wurde. Es soll sicherstellen, dass der Iran nicht die Fähigkeiten zum Bau einer Atombombe erlangt. Seit vergangener Woche laufen dazu neue Verhandlungen.

Erst am Montag verhängte die EU schärfere Sanktionen gegen den Iran wegen Verstößen gegen grundlegende Menschenrechte. Diese Angelegenheit werfe viele Fragen auf, kritisierte der russische Außenminister Lawrow. "Wenn es in der Europäischen Union keine Koordination gibt und die rechte Hand nicht weiß, was die linke macht, ist das eine Katastrophe." Wenn diese Entscheidung aber bewusst inmitten der Gespräche über eine Rettung des Atomabkommens getroffen worden sei, sei das ein Fehler.

Aus Verärgerung über die Sanktionen zitierte der Iran am Dienstag den portugiesischen Botschafter als Vertreter der EU-Präsidentschaft ins Außenministerium. Anstatt der Sanktionspolitik Washingtons "blind zu folgen", sollten die Europäer die Strafmaßnahmen der USA verurteilen, forderte Außenminister Zarif bei einer Pressekonferenz in Teheran. (apa)