Die Bilder sollten Einigkeit demonstrieren. Am 100. Jahrestag der Staatsgründung Jordaniens besuchten Monarch Abdullah II. bin al-Hussein und sein Halbbruder Hamza bin Hussein am vergangenen Sonntag gemeinsam die königlichen Gräber. Nichts sollte mehr an die Palastfehde Anfang April erinnern. Der König hatte eine Verschwörung aus dem Umkreis Hamzas geortet und ließ diesen mitsamt seiner Familie unter Hausarrest stellen, über ein Dutzend vermeintlicher Verbündeter wurde verhaftet. Mit dem ersten offen ausgetragenen Konflikt in der Königsfamilie seit 15 Jahren landete der sonst wenig beachtete Nahost-Staat in den internationalen Schlagzeilen.

Zwar ist es nun nach außen wieder ruhiger. Die Probleme bleiben aber, und Hamzas Vorwürfe wiegen weiterhin schwer. Der 41-Jährige beklagte die seit Jahrzehnten grassierende Korruption, Inkompetenz und die abnehmende Regierungsfähigkeit. Hamza nahm explizit nicht seinen seit 1999 regierenden Halbbruder Abdullah von der Kritik aus, den Nachfolger des 46 Jahre lang herrschenden Königs Hussein.

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Dem Übervater Jordaniens ist sein Lieblingssohn Hamza wie aus dem Gesicht geschnitten. Gemeinsam ist ihnen auch die Sympathie der Beduinenstämme. Die sogenannten Transjordanier aus den ländlichen Gebieten bilden traditionell das Rückgrat der Monarchie. Sie galten stets als loyaler als die palästinensische Bevölkerungsmehrheit, die überwiegend in den Städten lebt und oftmals aus Geflohenen der Kriege gegen Israel 1948 und 1967 und deren Nachkommen besteht. "Früher haben die Transjordanier in der aufgeblähten Verwaltung und im Sicherheitsdienst Jobs gefunden. Ihr hohes Bevölkerungswachstum macht eine derartige Versorgung jedoch mittlerweile unmöglich", erklärt André Bank das Gefühl der Vernachlässigung. Laut dem Forscher des Hamburger GIGA-Instituts für Nahost-Studien sind zudem bei der Privatisierung von Staatsbetrieben unter Abdullah vorwiegend Palästinenser zum Zug gekommen.

200.000 Flüchtlinge aus Syrien dürfen legal arbeiten

Wirtschaftlich knirscht es längst im wüstenreichen, aber ressourcenarmen Jordanien. Das zeigten auch die Massenproteste 2018. Erst wurden die Preise für Brot und Benzin sowie die Steuern auf Zigaretten und Internetanschlüsse erhöht. Im Sommer begehrten die Bürger auf, weil die Einkommensteuer um fünf und die Unternehmenssteuern um bis zu 40 Prozent erhöht werden sollte. Der damalige Premier Hani al-Mulki wollte so die Staatsverschuldung in den Griff bekommen und den Internationalen Währungsfonds zufriedenstellen. Abdullah kassierte angesichts der Proteste das Vorhaben und opferte seinen Regierungschef.

Zusätzlich lastet der Krieg im Nachbarland Syrien auf dem Zwölf-Millionen-Staat, in dem Anfang des Jahres fast jeder Vierte arbeitslos war. Laut UN beherbergt Jordanien mehr als 660.000 Flüchtlinge, von 1,3 Millionen Personen spricht die Regierung in Amman. Da Jordanien die Genfer Flüchtlingskonvention nicht unterzeichnet hat, besitzen die Flüchtlinge offiziell keinen formellen Schutz, sondern einen "Gast-Status". Aufgrund einer Absichtserklärung zwischen dem Land und der UN-Flüchtlingshilfsorganisation UNHCR erhalten Syrer erleichterten Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung. "Im Vergleich zum Libanon ist die Lage für Syrer weniger schlecht", analysiert André Bank. "200.000 Personen wurde sogar legaler Zugang auf dem Arbeitsmarkt gewährt. Allerdings kommt es nun zu Verdrängungseffekten: Im Norden arbeiten Syrer in Bau- und Landwirtschaft statt Ägyptern und Sudanesen, in der Textilindustrie kämpfen sie mit Personen aus Südostasien um Jobs und im Osten Ammans treten sie in Konkurrenz zu den Palästinensern."


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Hart trifft auch die Pandemie das Land, da Jordanien stark auf den Tourismus setzt. Die Zahl der Neuinfektionen und Toten ist in der dritten Welle stark gestiegen. Misswirtschaft, die Covid-Krise und Spannungen in der Königsfamilie vermischten sich in einem Skandal um ein nordjordanisches Spital im März. Dort gab es kurzfristig nicht genug Medizin und Beatmungsgeräte. Sechs Patienten starben, wohl weil die Korruption von der Spitalsverwaltung bis hin zu lokalen Behörden reichte. Nicht nur führte der Skandal zu Protesten. Hamza traf sich damals mit trauernden Familienangehörigen - noch vor Abdullah. Politologe Bank zufolge könnte darin der finale Auslöser für den offen ausgetragenen Konflikt im April liegen.

Umgehend solidarisierten sich EU, USA, Israel und arabische Staaten - allen voran Saudi-Arabien - mit dem König. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stellte weitere Unterstützung in Aussicht, um zu Wohlstand und Stabilität beizutragen. US-Präsident Joe Biden betonte die "Bedeutung der Führungsrolle" Abdullahs für die Region. Im Vergleich zu anderen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens ist Jordanien tatsächlich ein Hort der Stabilität - und wird daher auch gerne übersehen. Der letzte Bürgerkrieg datiert aus den beginnenden 1970ern, mit Israel schloss es als zweites arabisches Land 1994 einen Friedensvertrag. Auch in der globalen Koalition zur Bekämpfung der Terrormiliz Islamischer Staat ist Jordanien führend vertreten, sein Geheimdienstapparat gilt in der Region als effektivster nach dem Israels.

Um dem jordanischen Königshaus das Überleben zu sichern, schießen der Westen und Golfstaaten daher 20 bis 40 Prozent des Budgets zu, erläutert André Bank. Genaue Zahlen würden jedoch nicht ausgewiesen. "Die Gelder werden unter anderem verwendet, um die verschiedenen Gruppen im Land an den Staat zu binden", sagt der Forscher im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

USA wollen kein autoritäres Abdriften wie in Ägypten

Dabei gebe es aber immer weniger Zuckerbrot, dafür nehmen die Peitschenhiebe zu: Die Berufsvereinigung der Lehrer wurde für illegal erklärt, ebenso die Muslimbrüderschaft. "Sie hat sich jedoch nicht radikalisiert, sondern befindet sich im inneren Exil", konstatiert Bank. Die immer stärkeren autoritären Tendenzen sind den Partnern jedoch nicht entgangen. "Biden hat klargemacht, er wünscht kein Abdriften Jordaniens in Richtung Ägypten unter Abdel Fattah al-Sisi", sagt der Politikwissenschafter. "Doch die Möglichkeiten, sich politisch frei zu äußern, werden immer geringer." Viele Junge sehen auch keine berufliche Perspektive. Daheim gibt es kein Vorankommen, ins Ausland können sie nur schwer. Der Weg in die Erdölindustrie in den Golfstaaten ist ebenso versperrt wie in die EU. Die Loyalität mit dem Königshaus gerät daher zusehends unter Druck.

Dass das heterogene Land zerfallen könnte, glaubt André Bank zwar nicht: "Sezession führt nur zu Krieg, das haben die Jordanier bei ihren Nachbarn gesehen. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich eine eigene Identität herausgebildet. Sie lebt weniger von positiven Beschreibungen, sondern dass die Situation weniger schlecht ist als bei den arabischen Nachbarn. Und es gibt keine republikanischen Tendenzen, ein politisches Modell außerhalb der Monarchie ist für die meisten nicht vorstellbar. Viele können sich jedoch einen anderen König als Abdullah vorstellen." Dessen Rivale Hamza dürfte zwar in mittlerer Zukunft keine Rolle spielen, schätzt der Nahostforscher. Aber die familiäre Fehde wird andauern.