Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat den Bau der russisch-deutschen Ostseepipeline Nord Stream 2 als einen "Energiekrieg" gegen sein Land kritisiert. "Das ist ein Energiekrieg. Wie auch in jedem anderen Krieg kann man nicht kämpfen, wenn es keine Einigkeit gibt", sagte 43-Jährige in einem am Freitag veröffentlichten Interview der französischen Zeitung "Le Figaro".

Wenn Nord Stream 2 in diesem Jahr eröffnet wird, befürchtet die Ukraine Milliardenverluste, weil sie dann ihre Bedeutung als bisher wichtigstes Transitland für russische Gaslieferungen nach Europa verliert. Bisher sind praktisch alle Lieferungen am Land über die Ukraine gelaufen. Am Freitag reist Selenskyj zu einem Treffen mit Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron nach Paris. Dem Gespräch folgt ein Videoanruf zu dritt mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Beklagt fehlende Front gegen Russland

Selenskyj sagte auch, dass die Sanktionspolitik der USA gegen das Projekt seinem Land helfe. Allerdings nutze Russland es für sich aus, dass die Meinungen zu der Pipeline in der EU auseinandergehen. Er beklagte, dass es keine einheitliche Front gegen Russland gebe.

Zum Konflikt in der Ostukraine sagte Selenskyj im Interview der italienischen Zeitung "La Repubblica", dass dort ein "schonungsloser Krieg" unter anderem mit Drohnen, schwerer Artillerie und Minen geführt werde. In den vergangenen drei Monaten habe die Ukraine 30 Soldaten verloren. Auch Zivilisten würden getötet. Die beste Hilfe für die Ukraine sei ein Nato-Beitritt, sagte er.

Die Lage in der Ukraine erscheint aus Sicht des litauischen Außenministers Gabrielius Landsbergis unterdessen ernster als vor der russischen Annexion der Schwarzmeer-Halbinsel Krim. "Es kann den Eindruck erwecken, dass die Situation gefährlicher ist als 2013 oder 2014, als die Ukraine zum ersten Mal angegriffen und die Krim besetzt wurde. Der Grund ist wahrscheinlich, dass Russland zu dieser Zeit versuchte, seine Streitkräfte zu verstecken, um seine Beteiligung an dem Konflikt zu verschleiern", sagte Landsbergis am Freitag im litauischen Rundfunk. "Nun ist es eine klare Machtdemonstration: das Heer, die Luftwaffe und die Marine werden aufgefahren."

Entstanden sei dieser Eindruck aus den Informationen, die Litauen zur Verfügung stehen, und denen, die von der Ukraine vorgelegt wurden, sagte Landsbergis. Der litauische Außenminister war am Donnerstag zusammen mit seinen baltischen Amtskollegen Eva-Maria Liimets (Estland) und Edgars Rinkevics (Lettland) nach Kiew gereist, um die Solidarität der drei EU- und Nato-Staaten mit der Ukraine zu bekunden. In einer gemeinsamen Erklärung forderten die vier Länder Russland dazu auf, seine Provokationen einzustellen.

Wegen eines russischen Truppenaufmarschs unweit der ukrainischen Grenze wächst international die Sorge vor einer Eskalation. Seit knapp sieben Jahren werden Teile der Gebiete Donezk und Luhansk entlang der russischen Grenze von moskautreuen Separatisten kontrolliert. Ein 2015 mit deutsch-französischer Vermittlung vereinbarter Friedensplan liegt auf Eis. (apa,dpa)