Knapp elf Monate nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd stehen im Prozess gegen den weißen Ex-Polizisten Derek Chauvin an diesem Montag die Abschlussplädoyers an. Staatsanwaltschaft und Verteidigung in dem Verfahren in Minneapolis im Bundesstaat Minnesota werden dabei versuchen, die Geschworenen zu überzeugen. Die Anhörung von Zeugen im Hauptverfahren war nach drei Wochen am Donnerstag zu Ende gegangen.

Nach den Plädoyers werden die zwölf Mitglieder der Jury beraten, um über Schuld oder Unschuld Chauvins zu befinden. Dafür gibt es keine Zeitvorgabe - sie könnten innerhalb einer Stunde entscheiden oder nach einer Woche, wie Richter Peter Cahill erklärte. Die Geschworenen werden während der Beratungen nicht mehr nach Hause gehen dürfen, sondern werden in einem Hotel untergebracht werden. Die Geschworenen bleiben aus Sicherheitsgründen bis auf Weiteres anonym.

Der schwerwiegendste Anklagepunkt gegen Chauvin lautet Mord zweiten Grades ohne Vorsatz. Darauf stehen bis zu 40 Jahre Haft. Nach deutschem Recht entspräche dies eher dem Totschlag. Zudem wird Chauvin auch Mord dritten Grades vorgeworfen, was mit bis zu 25 Jahren Haft geahndet werden kann. Auch muss er sich wegen Totschlags zweiten Grades verantworten, worauf zehn Jahre Haft stehen. Chauvin, der nach dem Vorfall aus der Untersuchungshaft entlassen worden war und auf Kaution frei ist, hat auf nicht schuldig plädiert.

Der 46-jährige Floyd war am 25. Mai vergangenen Jahres in Minneapolis bei einer brutalen Festnahme ums Leben gekommen. Videos dokumentierten, wie Polizisten den unbewaffneten Mann zu Boden drückten. Chauvin presste dabei sein Knie rund neun Minuten lang in Floyds Hals, während dieser flehte, ihn atmen zu lassen. Floyd verlor der Autopsie zufolge das Bewusstsein und starb. Die Beamten hatten Floyd wegen des Verdachts festgenommen, mit einem falschen 20-Dollar-Schein bezahlt zu haben.

Chauvins Verteidiger argumentierten, dass Floyds Tod nicht primär auf Gewalteinwirkung zurückgehe, sondern vor allem auf dessen vorbelastete Gesundheit und Rückstände von Drogen in seinem Blut. Experten der Staatsanwaltschaft wiesen dies zurück. Ein Lungenspezialist etwa erklärte, Floyd sei an den Folgen von Sauerstoffmangel gestorben. Der niedrige Gehalt an Sauerstoff habe Hirnschäden verursacht und Floyds Herz zum Stillstand gebracht. Der Polizeichef von Minneapolis, Medaria Arradondo, bezeichnete Chauvins Gewaltanwendung als unverhältnismäßig und vorschriftswidrig.

Floyds Schicksal hatte in den USA mitten in der Pandemie eine Welle der Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt ausgelöst - und wurde damit zur größten Protestbewegung seit Jahrzehnten.

Der Prozess findet unter großen Sicherheitsvorkehrungen statt. Die Erwartungen an das Verfahren sind immens. Viele Menschen, wohl auch die meisten Schwarzen, hoffen auf ein Urteil, das ein Zeichen gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA setzen wird - und dagegen, dass Sicherheitskräfte oft straffrei davonzukommen scheinen. Sollte Chauvin freigesprochen werden oder eine geringe Haftstrafe bekommen, weil die Geschworenen ihn zum Beispiel nur des Totschlags für schuldig befinden sollten, dürfte es zu massiven Protesten kommen.

In einem Vorort von Minneapolis hat am Samstagabend den siebenten Tag in Folge Proteste gegen Polizeigewalt gegeben. Rund 300 Menschen beteiligten sich an der Demonstration vor dem Kommissariat von Brooklyn Center. Die Polizei blieb hinter den Absperrgittern. Am Vortag wurden bei einer Kundgebung fast einhundert Teilnehmer festgenommen. Die Proteste wurden durch den Tod des 20jährigen Daunte Wright ausgelöst, der bei einer Verkehrskontrolle von einer Polizistin erschossen worden war.

Maxine Waters, demokratische Abgeordnete des US-Repräsentantenhauses aus Kalifornien sagte, sie habe sich zur Teilnahme an den Protesten entschlossen, weil sie nicht bleiben könne, "ohne irgendetwas zu tun". Die Polizei müsse im ganzen Land "verändert" werden. Es müsse möglich sein, den Problemen in der Gesellschaft zu begegnen, ohne dass jemand "von der Polizei getötet wird, die wir dafür bezahlen, dass sie uns schützt und dient".

Die Polizistin Kimberley Ann Potter, die Daunte Wright erschoss, verwechselte nach eigenen Angaben bei dem Vorfall ihre Pistole mit einem Elektroschocker. Sie soll wegen fahrlässiger Tötung angeklagt werden.

Die Tötung in Brooklyn Center im Nordwesten von Minneapolis ereignete sich knapp ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd. (apa)