Begleitet von Gewalt hat am Samstag nach einem fast 20 Jahre langen Einsatz der offizielle Abzug internationaler Truppen aus Afghanistan begonnen. Aus mehreren Provinzen des Landes wurden Zwischenfälle und Gefechte gemeldet, denen afghanische Zivilisten und Sicherheitskräfte zum Opfer fielen. Die rund 10.000 NATO-Soldaten der Ausbildungsmission "Resolute Support", darunter 2.500 Soldaten aus den USA und rund 1.100 aus Deutschland, werden bis spätestens September das Land verlassen.

Die Taliban erklärten am Samstag, sie würden sich eine Reaktion auf den verspäteten Abzug offenhalten. Da der Abzug der ausländischen Streitkräfte nicht wie im USA-Taliban-Abkommen zum 1. Mai abgeschlossen worden sei, habe dieser "Verstoß" ihnen "im Prinzip den Weg geebnet, jegliche Gegenmaßnahme" gegen die internationalen Truppen zu ergreifen, die man für angemessen halte, so der Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid. Man warte nun auf eine Entscheidung der Taliban-Führung.

Ein Sprecher des US-Militärs twitterte, der Flugplatz Kandahar sei am Nachmittag (Ortszeit) mit "ineffektivem indirektem Feuer" beschossen worden. Dabei sei niemand verletzt worden und es habe auch keine Schäden gegeben. Mörsergranaten etwa zählen als indirektes Feuer. Bisher bekannte sich niemand dazu.

Die USA, Russland, China und Pakistan hatten am Freitag gemeinsam die Taliban dazu aufgerufen, den Abzug nicht durch Anschläge zu stören. Nach einem Vierertreffen in Doha appellierten sie an die Konfliktparteien, das Ausmaß der Gewalt zu verringern und eine Verhandlungslösung zu suchen. Eine gewaltsam installierte Regierung werde man nicht unterstützen.

Kämpfe und Anschläge

Die Gewalt ging allerdings auch in der Nacht auf Samstag weiter. Schwere Gefechte wurden aus dem Bezirk Schindand in der Provinz Herat gemeldet. In der zentralen Provinz Gasni überrannten die Taliban einen Kontrollposten und eine Basis der Sicherheitskräfte. Verlässliche Angaben zu Opfern gab es zunächst keine.

Bei einer Explosion auf einer Militärbasis am Luftwaffenstützpunkt Bagram wurden in der Nacht zudem mindestens zwei Soldaten getötet. Internationale Truppen befinden sich rund 500 Meter in einer separaten, hoch geschützten Basis. In der Provinz Nangarhar starben eine Frau und zwei Kinder, als ihr Haus von einer Mörsergranate getroffen wurde. Erst am Freitagabend hatte es einen massiven Autobombenangriff in der Provinz Logar mit zahlreichen Toten gegeben. Am Samstag wurde von mindestens 24 Opfern berichtet, in früheren Berichten war sogar von mehr als 30 Toten die Rede.

Angst und Freude in der Bevölkerung

Von afghanischen Bürgern wird der Abzug mit gemischten Gefühlen wahrgenommen. Lokale Medien berichteten von Menschen, die sich darüber freuten und einen neuen Unabhängigkeitstag feiern wollen, wenn der letzte Soldat das Land verlassen hat. Bei anderen löst der Abzug blanke Angst aus. Vor allem finanziell gut situierte und liberale Afghanen wollen das Land verlassen. Sie befürchten eine Rückkehr des repressiven Regimes der Taliban oder einen neuen Bürgerkrieg.

Afghanische Soldaten haben zu Beginn des Abzugs der internationalen Truppen von Unruhe innerhalb der eigenen Reihen berichtet. Man habe "kein sonderlich gutes Gefühl", sagte ein Soldat in Kabul. Lediglich die Spezialkräfte seien wirklich in der Lage, das Land zu verteidigen. Man habe bis zuletzt nicht geglaubt, dass die USA wirklich abziehen würden. Man wisse aber, man müsse für das Land kämpfen - "sei es jetzt mit oder ohne Amerikaner", sagte der Soldat. Er habe zudem Sorge, dass nun Munitions- und Waffenbestände der Armee zunehmend "verschwinden". Manche Kameraden würden sich offenbar schon auf einen Bürgerkrieg vorbereiten.

Der Nationale Sicherheitsberater Hamdullah Mohib sagte, der Abzug sei kein Grund zur Sorge, denn man sei "nicht mehr sehr" abhängig von den internationalen Truppen gewesen. Die afghanischen Sicherheitskräfte würden 96 Prozent der Operationen unabhängig durchführen, und es gebe ja Zusagen, dass die Sicherheitskräfte weiter finanziell unterstützt würden.

36 Staaten beteiligt

Faktisch hatte der Abzug nach Angaben der NATO und deutschen Bundeswehr bereits davor begonnen. Schon seit Wochen wird Material aus dem Land gebracht. Die NATO erklärte, dass die Sicherheit der Truppen höchste Priorität habe. Daher teile man keine Details zu der Operation mit, etwa Truppenzahlen oder Zeitpläne für einzelne Staaten. Zuletzt waren 36 NATO-Staaten und Partnerländer an dem Einsatz beteiligt.

Militärstrategen rechnen mit zusätzlichen Gefahren durch mögliche Angriffe der militant-islamistischen Taliban auch auf Soldaten des Bündnisses. Die US-Armee hält schwere Waffen bereit. Für Deutschland soll das Kommando Spezialkräfte (KSK) den Abzug absichern. Jegliche Taliban-Angriffe während des Rückzugs wolle man mit einer "entschiedenen Reaktion" beantworten, hieß es von der NATO.

Die US-Regierung und die Taliban hatten im Vorjahr noch unter Ex-Präsident Donald Trump im Golfemirat Katar ein Abkommen unterzeichnet und einen Abzug aller US- und NATO-Truppen bis 1. Mai vereinbart. Allerdings hat der neue US-Präsident Joe Biden den Abzug verschoben - dieser soll nun bis spätestens 11. September abgeschlossen sein. Dafür setzte Biden den offiziellen Beginn des endgültigen Truppenabzugs auf den 1. Mai. Unmittelbar nach den USA hatte die NATO verkündet, das Bündnis werde den Einsatz vollständig beenden. (apa/dpa/red)