Das Datum hat Symbolkraft. Spätestens am 11. September 2021, ganze zwanzig Jahre nach den verheerenden Terroranschlägen von New York und Washington, soll der Abzug der US-Truppen aus Afghanistan abgeschlossen und die verbliebenen 10.000 Soldaten der internationalen Koalition in ihre Heimat zurückgekehrt sein. Die Terroranschläge hatten damals den Startschuss für den US-Angriff auf Afghanistan gegeben, das von islamistischen Gotteskriegern regiert wurde. Der rasch verkündete Sieg am Hindukusch über die berüchtigten Taliban erwies sich für die westliche Supermacht allerdings rasch als Pyrrhussieg. Den US-Soldaten gelang es - ganz wie zuvor den Sowjettruppen - nie, das Land zu kontrollieren und in Afghanistan dauerhaft Frieden zu schaffen. Am Ende musste man sich mit den Taliban, den ehemaligen Todfeinden, an einen Tisch setzen, um wenigstens einen ordnungsgemäßen Abzug der US- und Nato-Truppen sicherzustellen.

Doch selbst dieser geordnete Rückzug scheint jetzt gefährdet. Denn ursprünglich hatte die Administration von Ex-US-Präsident Donald Trump mit den Gotteskriegern ein anderes Datum für das Ende der US-Präsenz am Hindukusch vereinbart: nämlich den 1. Mai 2021. Dieser ist inzwischen verstrichen - Trumps Nachfolger Joe Biden entschied, die US-Truppen etwas länger in Afghanistan zu belassen. Am 1. Mai hat der US-Abzug begonnen, nicht geendet.

Neuer Bezirk erobert

Den immer stärker werdenden Taliban gefiel diese Entscheidung Bidens gar nicht: Landesweit kam es letztes Wochenende rund um den 1. Mai zu Anschlägen und Angriffen der islamistischen Gotteskrieger auf afghanische Sicherheitskräfte. Am Mittwoch fiel mit dem Gebiet Burka in der Provinz Baghlan im Norden des Landes ein weiterer Bezirk an die Taliban. Seit drei Jahren schon hatten die Islamisten weite Teile des Gebietes kontrolliert, nunmehr fiel auch das Bezirkszentrum an die Gotteskrieger. In anderen Landesteilen schlugen die Sicherheitskräfte der Regierung offenbar mehrere Offensiven der Taliban zurück. Am Sonntag gab das afghanische Verteidigungsministerium bekannt, dass binnen 24 Stunden mehr als 80 Taliban getötet worden seien.

Nervosität in der afghanischen Armee

Trotz solcher Erfolgsmeldungen zweifeln viele Beobachter, dass es der afghanischen Regierung nach dem Abzug westlicher Truppen gelingen wird, sich lange an der Macht zu halten. Auch die kommunistische Regierung Afghanistans verlor nach dem Abzug der Sowjettruppen 1989 rasch an Rückhalt. Machthaber Mohammed Nadschibullah behielt in Kabul zwar noch drei Jahre die Oberhand. 1992 wurde er jedoch gestürzt und 1996 von den Taliban gefoltert und ermordet. Seine Leiche wurde in Kabul öffentlich zur Schau gestellt.

Trotz modernster Ausrüstung ist es den US-Soldaten am Hindukusch nicht gelungen, die Oberhand zu behalten. - © APAweb / afp, Patrick Baz
Trotz modernster Ausrüstung ist es den US-Soldaten am Hindukusch nicht gelungen, die Oberhand zu behalten. - © APAweb / afp, Patrick Baz

Der gegenwärtigen afghanischen Führung könnte bei einer neuerlichen Machtübernahme der Taliben ein ähnliches Schicksal drohen - und zwar noch deutlich rascher als es bei Nadschibullah der Fall war. Unter den afghanischen Soldaten wächst die Unruhe. Die Deutsche Presse-Agentur zitierte einen Soldaten, der davon berichtete, dass seine Einheit seit der Ankündigung des US-Abzugs "in Schockstarre" verharre. Lediglich einige Spezialkräfte seien in der Lage, das Land gegen die Gotteskrieger zu verteidigen.

 

Geheimer Deal mit Islamisten

Die demonstrierten rund um den 1. Mai wieder ihre Stärke - weniger gegenüber den ausländischen Truppen als den afghanischen Sicherheitskräften. Die Angriffe der Taliban gegen ihren Hauptgegner nach dem Abzug der westlichen Truppen, die Armee der Regierung in Kabul, haben sich in diesem Jahr intensiviert. Umgekehrt verhalten sich die Gotteskrieger gegenüber den Nato-Truppen noch weitgehend ruhig. Das hat Gründe: Laut der Nachrichtenagentur Reuters haben die USA mit den Taliban im Februar 2020 zu ihrem gemeinsamen Abkommen einen geheimen Anhang vereinbart. Der sehe vor, dass die Islamisten ausländische Militärbasen vor Angriffen anderer militanter Gruppen schützen.

Drohungen gegen Nato-Truppen

Angriffe auf US-Militärbasen blieben bisher also aus. Dennoch ist die Lage angespannt, niemand weiß, wie sehr sich die Taliban noch an das Abkommen gebunden fühlen. Seit dem 1. Mai gebe es laufend Drohungen der Islamisten gegen die internationale Truppe, sagte der österreichische Oberstleutnant Michael Grafl, einer von 14 Angehörigen des Bundesheeres in Afghanistan, der APA. Er berichtet davon, dass man Gebäude mit Sandsäcken und Betonblöcken abgesichert habe, um die Soldaten bestmöglich zu schützen. Ob das reichen wird, ist ungewiss. Der Abzug Grafls und seiner österreichischen Kollegen soll im Juli beendet sein.