Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern nimmt gefährliche Ausmaße an. Seit Wochen kommt es in Jerusalem zu blutigen Zusammenstößen, die radikalislamische Hamas eskalierte zuletzt die Lage und setzte Israel mit Raketen unter Dauerbeschuss. Wobei rund ein Drittel dieser improvisierten Waffen im Gazastreifen selbst niedergegangen ist und dort Opfer gefordert hat. Die Hamas nimmt immer wieder den Raum Jerusalem ins Visier.

Die Israelis reagieren mit Luftschlägen auf Ziele im Gazastreifen. 26 Palästinenser, darunter neun Kinder, fanden bis Dienstagnachmittag laut "Haaretz" den Tod. Ziel der Angriffe waren Einrichtungen der Hamas.

Zwei israelische Frauen wurden von Raketen aus Gaza tödlich getroffen, es gab rund 30 Verwundete. Die Geschosse schlugen in ein Wohngebiet in Ashkelon im Süden Israels ein. Hier wurde nach israelischen Angaben auch ein Schulgebäude getroffen, in dem sich niemand befand. Warnsirenen heulten im ganzen Land, Menschen suchten in Panik Schutz in Kellern und Bunkern.

Nach den ersten israelischen Todesopfern kündigte Israel eine Verschärfung der Angriffe auf Gaza an. Bei einem israelischen Luftangriff im Gazastreifen wurde am Dienstagabend ein Hochhaus zerstört. Das zwölfstöckige Haus im Stadtzentrum von Gaza, in dem sich auch mehrere Büros der radikalislamischen Hamas befanden, stürzte vollständig ein, wie Journalisten der französischen Nachrichtenagentur AFP berichteten.

Indes hat die Hamas am Dienstagabend nach eigenen Angaben 130 Raketen auf die israelische Großstadt Tel Aviv abgefeuert. Die Hamas, erklärte, die Raketenangriffe seien die Antwort auf jenen israelischen Luftangriff, bei dem zuvor ein Hochhaus im Gazastreifen zerstört worden war. In Tel Aviv heulten die Alarmsirenen.

Israel beruft Reservisten ein

Israel bereitet sich mittlerweile auf einen längeren, blutigen Konflikt vor und hat 5.000 Reservisten einberufen. Die Hamas habe eine "rote Linie" überschritten, so Israels Premier Benjamin Netanjahu, man werde die Angriffe auf eigenes Territorium "nicht dulden". Die "Terroristen" würden "einen hohen Preis zahlen".

Die Spannungen, die jetzt eskalieren, haben sich über viele Wochen aufgebaut. Beteiligt an dem Fiasko sind ebenso radikale Israelis, die unter "Tod den Arabern"-Rufen durch Jerusalems Altstadt gezogen waren. Im April sperrten israelische Sicherheitskräfte den Platz vor dem Damaskus-Tor - ein beliebter Treffpunkt für Palästinenser während des Ramadan. Erst nach mehrtägigen gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen protestierenden Palästinensern und Polizisten wurden die Sperren wieder entfernt.

Am Montag - an jenem Tag, an dem Israelis die Eroberung von Ost-Jerusalem 1967 feiern - eskalierte die Situation. In unmittelbarer Nähe zum Tempelberg kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen mit hunderten Verletzten. Zur Verschärfung der Lage trug bei, dass der sogenannte "Jerusalem-Tag" zeitlich mit dem Ende des Ramadan zusammengefallen ist. Geplante Zwangsräumungen palästinensischer Häuser in Ost-Jerusalem brachten das Fass dann zum Überlaufen.

Das militärisch weit überlegene Israel versucht nun in einem riskanten Drahtseilakt, die Hamas in die Schranken zu weisen und gleichzeitig eine unkontrollierbare Eskalation der Gewalt zu verhindern. Denn mittlerweile kommt es auch in arabischen Gemeinden in Israel selbst zu schweren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei. Im Norden wie im Süden wurden bei nächtlichen Protesten Steine auf Polizisten geworfen, Autos gingen in Flammen auf. Ein 25-jähriger Araber wurde durch Schüsse tödlich verletzt. Die Furcht vor einer dritten Intifada ist spürbar da - und sie ist nicht unbegründet.

Auch der Rektor des Österreichischen Pilger-Hospizes in der Jerusalemer Altstadt, Markus Stephan Bugnyar, zeigt sich hier pessimistisch: Die aktuelle Eskalation habe ein Ausmaß, wie man es in der Altstadt von Jerusalem seit zehn Jahren nicht mehr erlebt habe, sagte Bugnyar dem Ö1-Radio. Und: "Ich sehe ehrlich gesagt im Moment nicht, wie man das wieder einfangen kann."

Stillstand ohne Ende

Die Gewaltausbrüche führen deutlich vor Augen, dass die in den letzten Monaten stattgefundene Annäherung Israels an die arabischen Nachbarländer am Grundproblem für den Nahost-Konflikt nichts geändert hat. Ein Funke genügt - und die ganze Szenerie steht in Flammen.

Die Ära von US-Präsident Donald Trump war für den Nahost-Friedensprozess verlorene Zeit, an den grundlegenden Problemen hat sich nichts geändert. Die Palästinenser im Gazastreifen sind immer noch zusammengepfercht und haben keine Perspektiven. Die Zwei-Staaten-Lösung ist in weite Ferne gerückt, die israelische Regierung hält an ihrer offensiven Siedlungspolitik fest. Radikale Siedler üben weiterhin großen Einfluss aus. Die reichen arabischen Golfstaaten können nach der vordergründigen Aussöhnung mit Israel nicht zur Beruhigung der Lage beitragen. Sie verurteilen wie in der Vergangenheit das militärische Vorgehen Israels.

Dazu kommt, dass sowohl Israelis als auch Palästinenser seit langem mit politischem Stillstand konfrontiert sind. Israel stolpert erfolglos von Wahl zu Wahl und ist auch jetzt scheinbar nicht in der Lage, eine stabile Regierung zu bilden. Im Westjordanland klammert sich der greise und zunehmend unbeliebte Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas an die Macht. Die Wahlen, auf die er sich mit der verfeindeten Hamas geeinigt hatte, hat er auf unbestimmte Zeit verschoben. Rahmenbedingungen, die auf beiden Seiten für Hoffnungslosigkeit und Frust sorgen und jetzt in Gewalt gipfeln.