Die Gewalt in Nahost hat binnen weniger Tage das schlimmste Ausmaß seit Jahren erreicht. Radikalislamische Palästinenser feuerten bis Mittwochmorgen Hunderte Raketen auf Israel, dessen Militär Hunderte Ziele im Gazastreifen aus der Luft angriff. Die Zahl der Toten in dem Küstengebiet stieg nach palästinensischen Angaben auf mindestens 35, Israel meldete bislang fünf Tote. Der Nahost-Beauftragte der Vereinten Nationen, Tor Wennesland, forderte, die Gefechte umgehend einzustellen. Die Eskalation steuere auf einen vollständigen Krieg zu.

Der bewaffnete Flügel der Hamas feuerte nach eigenen Angaben 210 Raketen in Richtung der Städte Tel Aviv und Beerscheba. Sirenengeheul warnte die Bevölkerung, die in Deckung ging, während Abfangraketen aufstiegen. Rund ein Drittel der Geschosse aus Gaza schaffte es nach israelischen Angaben nicht über das Gebiet des Küstenstreifens hinaus. Doch in Rischon Lesion, einem Vorort von Tel Aviv, traf eine Rakete ein Gebäude, wodurch nach Krankenhausangaben eine 50-Jährige ums Leben kam. Zwei weitere Frauen seien zudem bei Einschlägen in Aschkelon getötet worden. In dem arabisch-jüdischen Ort Lod starben zwei Menschen, als eine Rakete ein Fahrzeug traf.

Fokus auf Hamas-Ziele

Israel wiederum nahm nach eigenen Angaben von Dienstag auf Mittwoch zahlreiche Hamas-Ziele ins Visier. Büros der militanten Gruppe und Häuser von Hamas-Anführern seien ebenso angegriffen worden wie Raketenstellungen. Auch ein 13-stöckiger Wohn- und Bürokomplex wurde bombardiert. Videoaufnahmen zeigten dicke schwarze Rauchwolken, die von dem Gebäude aufstiegen. Wenig später stürzte es ein. Bewohner des Blocks und in der Umgebung waren nach Angaben von Augenzeugen und des Militärs vor dem Angriff gewarnt worden, sich in Sicherheit zu bringen. Auch ein anderes Gebäude in dem Viertel wurde schwer beschädigt. Bewohner und Journalisten, die dort arbeiteten, hatten das Haus zuvor verlassen.

Dutzende Hamas-Mitglieder seien getötet worden, teilte das israelische Militär mit. Vertreter des Gesundheitsministeriums in Gaza-Stadt hatten am Dienstag, als es bereits zu heftigen Angriffen gekommen war, von zunächst 32 Toten gesprochen, darunter mehrere Kinder. In der Nacht meldete dann ein der Hamas nahestehender Radiosender, drei weitere Menschen, darunter eine Frau und ein Kind, seien bei einem israelischen Luftangriff auf eine Wohnung über einem Restaurant getötet worden.

80 Kampfjets waren nach Angaben des israelischen Militärs an den Angriffen beteiligt. Außerdem seien Infanterieeinheiten zur Verstärkung der bereits an der Grenze zum Gazastreifen postierten Panzer entsandt worden. Zuletzt war der Konflikt 2014 derart eskaliert. Damals wurden in einem siebenwöchigen Krieg nach palästinensischen Angaben mehr als 2100 Gazastreifen-Bewohner getötet und Tausende Gebäude zerstört. Auf israelischer Seite starben 73 Menschen.

Aufruf zur Deeskalation

International mehrten sich die Aufrufe, die neu aufgeflammte Gewalt zu stoppen. Der UN-Sicherheitsrat soll am Mittwoch dazu beraten. Entspannung schien jedoch nicht in Sicht. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu warnte, die Extremisten würden einen "sehr hohen" Preis für den Raketenbeschuss bezahlen. Verteidigungsminister Benny Gantz sagte, es würden auch weiterhin "Gebäude zerbröckeln". Hamas-Anführer Ismail Hanijeh warf Israel vor, die Gewalt ausgelöst zu haben. Es sei daher für die Konsequenzen verantwortlich. Seine Botschaft an die Israelis laute: "Wenn sie eskalieren wollen, ist der Widerstand bereit. Wenn sie aufhören wollen, ist der Widerstand bereit." (reuters)