Trotz internationaler Appelle für ein rasches Ende der Gewalt stehen die Zeichen in Nahost weiter auf Eskalation: Aus dem Gazastreifen wurden in der Nacht auf Donnerstag erneut Hunderte Raketen auf Israel abgefeuert, israelische Behörden untersagten die Landung von Passagierflügen am internationalen Flughafen Ben Gurion und leiteten sie zum Flughafen Ramon bei Eilat um. In mehreren israelischen Städten gab es Auseinandersetzungen zwischen jüdischen und arabischen Bewohnern.

Israels Armee verschärfte in der Nacht auf Freitag ihre Angriffe auf den Gazastreifen. "Luft- und Bodentruppen greifen gegenwärtig im Gazastreifen an", teilte die israelische Armee auf Twitter mit. Später gab die israelische Armee bekannt, doch nicht in den Gazastreifen vorgedrungen zu sein.

Nach tagelangem gegenseitigen Beschuss zwischen der radikalislamischen Hamas und der israelischen Armee wächst international die Angst vor einem erneuten Krieg im Nahen Osten. In weiten Teilen Israels wurde in der Nacht auf Donnerstag Raketenalarm ausgelöst. Sirenen ertönten erstmals seit Jahren auch wieder im Norden des Landes - die Armee sprach später von "falschem Alarm". Nach Angaben von Rettungskräften wurden fünf Menschen verletzt, als ein Geschoss in einem Wohnkomplex in Petah Tikva nahe Tel Aviv einschlug.

Ein Mann betrachtet die Zerstörungen an einem Gebäude in Petah Tikva, das im Osten der Küstenmetropole Tel Aviv liegt.  - © APAweb / Reuters / Nir Elias
Ein Mann betrachtet die Zerstörungen an einem Gebäude in Petah Tikva, das im Osten der Küstenmetropole Tel Aviv liegt.  - © APAweb / Reuters / Nir Elias

Seit Montagabend beschießen militante Palästinenser Israel massiv mit Raketen. Die israelische Armee reagiert auf den Beschuss mit dem umfangreichsten Bombardement seit dem Gaza-Krieg des Jahres 2014. Nach israelischen Angaben feuerten militante Palästinenserorganisationen wie die Hamas und der Islamische Jihad seit Montagabend mehr als 1.600 Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel ab. Dabei wurden in Israel sieben Menschen getötet, darunter ein Kind sowie ein Soldat.

Weitere Zerstörung in Petah Tikva.  - © APAweb / AFP / Gil Cohen-Magen
Weitere Zerstörung in Petah Tikva.  - © APAweb / AFP / Gil Cohen-Magen

Vergeltungsangriffe Israels

Auch die israelische Luftwaffe flog erneut Vergeltungsangriffe im Gazastreifen. Armeeangaben zufolge richteten sie sich unter anderem gegen ein Gebäude, das mit der "Spionageabwehr" der Hamas in Verbindung steht, sowie gegen das Haus eines Hamas-Kommandanten.

Am Mittwoch hatte die israelische Luftwaffe bereits bei Hunderten Einsätzen Einrichtungen militanter Gruppen im Gazastreifen bombardiert. Dabei wurde unter anderem ein Hochhaus im Zentrum von Gaza-Stadt komplett zerstört, in dem sich auch mehrere Büros der Hamas befanden. Die Hamas wird von Israel und der EU als Terrororganisation eingestuft.

Nach palästinensischen Angaben wurden bei den israelischen Angriffen seit Montag insgesamt 90 Menschen getötet, darunter 17 Kinder. Zudem meldeten die Gesundheitsbehörde knapp 500 Verletzte. Die Hamas bestätigte den Tod mehrerer ihrer militärischen Anführer, darunter auch der Chef ihres bewaffneten Arms im Gazastreifen, Bassem Issa.

Mittwochabend beschloss das israelische Sicherheitskabinett Ausweitung des Militäreinsatzes gegen die im Gazastreifen herrschende islamistischen Hamas. Die Armee solle von sofort an gezielt "Symbole der Hamas-Herrschaft" in dem Palästinensergebiet angreifen, berichtete der Sender Kanal 12.

Biden schaltet sich ein

US-Präsident Joe Biden äußerte in einem Telefonat mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu die Hoffnung auf ein rasches Ende der Gewalt. Zugleich bekräftigte Biden Israels Recht auf Selbstverteidigung. US-Außenminister Antony Blinken forderte in einem Telefonat mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas ein Ende des Raketenbeschusses aus dem Gazastreifen.

Die Vereinten Nationen warnten den UNO-Sicherheitsrat laut Diplomaten vor einem großen Krieg. Die USA haben eine gemeinsame Stellungnahme des mächtigsten UNO-Gremiums zur eskalierenden Gewalt in Nahost Kreisen zufolge am Mittwoch zunächst blockiert.

Vor dem Hintergrund des Konflikts nahmen auch die Spannungen zwischen jüdischen und arabischen Israelis zu. Die Polizei berichtete am späten Mittwochabend von gewaltsamen Zwischenfällen in Akkon (Akko), Haifa und Lod. Mehr als 370 Menschen wurden festgenommen.

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In Bat Yam südlich von Tel Aviv wurde ein mutmaßlich arabischer Einwohner von einer wütenden Menge ultranationalistischer Juden attackiert. Vom israelischen Sender Kan übertragene Livebilder zeigten, wie dutzende Angreifer den Mann gewaltsam aus seinem Auto zerrten und ihn bewusstlos prügelten.

Raketen aus dem Libanon

Netanyahu prangerte die Gewalt in israelischen Städten als "inakzeptabel" an. "Nichts rechtfertigt das Lynchen von Arabern durch Juden und nichts rechtfertigt das Lynchen von Juden durch Araber", betonte er. Mit Blick auf die Ausschreitungen im Land und den gleichzeitigen Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen sprach Netanyahu von einem Kampf "an zwei Fronten".

Als Auslöser der jüngsten Gewalteskalation gelten etwa Polizei-Absperrungen in der Jerusalemer Altstadt, die viele junge Palästinenser als Demütigung empfanden. Hinzu kamen drohende Zwangsräumungen von Familien und daraus resultierende Auseinandersetzungen von Palästinensern und israelischen Siedlern im Jerusalemer Viertel Sheikh Jarrah sowie heftige Zusammenstöße auf dem Tempelberg.

Am Donnerstag Abend sind drei Raketen aus dem Libanon auf Israel abgefeuert worden. Die Geschosse detonieten im Meer und richteten laut israelischen Angaben keinen Schaden an.