Steuern Israelis und Palästinenser schnurstracks auf einen Krieg zu oder gelingt es doch noch, die Notbremse zu ziehen? Die USA und Ägypten versuchen auf diplomatischem Weg, die Kontrahenten zum Einlenken zu bewegen. Dass diese Bemühungen rasch zu Erfolg führen, gilt als unwahrscheinlich.

Denn Israel will die Militärstrukturen der Hamas in einem solchen Ausmaß zerstören, dass sich die Radikalislamisten davon lange nicht erholen. Und die Hamas selbst kann nicht einlenken, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Die kriegerischen Handlungen gegen Israel haben den Islamisten einen Prestigegewinn verschafft. Sie gelten jetzt als entschlossen und mutig im Vergleich zur gemäßigten Fatah, die im Westjordanland das Sagen hat. In Jerusalem schwenken Palästinenser, die das Ende des Fastenmonats Ramadan feiern, jetzt Hamas-Fahnen.

Israels Armee bringt Bodentruppen in Stellung

Nach israelischen Angaben hat die Hamas bisher über 1.600 Raketen abgefeuert. Rund 400 davon sollen noch im Gaza-Streifen niedergegangen sein. Im dicht besiedelten Großraum Tel Aviv heulten auch am Donnerstag die Sirenen, tausende Menschen suchten in Luftschutzbunkern Zuflucht. Nach Angaben des israelischen Militärs starben bisher sieben Menschen in Israel, sechs Zivilisten und ein Soldat. Die Behörden in Gaza sprechen von bisher mindestens 83 Toten.

Die israelische Armee hat Bodentruppen mit schwerer Artillerie und Panzern an der Grenze zum Gaza-Streifen in Stellung gebracht - um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, wie es heißt. Ein Bodenkrieg wäre aber für Israel mit großen Verlusten verbunden und soll vermieden werden.

Israelische Kampfjets haben rund 600 Ziele im Gaza-Streifen beschossen, darunter offenbar Stätten zur Produktion von Raketen, Lagerräume und ein 14-stöckiges Hochhaus. Angegriffen wurde nach israelischen Angaben auch ein Tunnel, der palästinensischen Kämpfern unter anderem als Versteck gedient habe. Dieser sei unter einer Schule in besiedeltem Gebiet gegraben worden.

Zuletzt hat das israelische Sicherheitskabinett die Ausweitung des Militäreinsatzes beschlossen. Die Armee soll jetzt gezielt "Symbole der Hamas-Herrschaft" in dem Palästinensergebiet angreifen. Sämtliche Polizeigebäude in den Küstenstreifen dürften bereits zerstört sein.

Hamas und Islamischer Dschihad haben gemeinsam rund 50.000 Kämpfer, die zwar martialisch auftreten, im Vergleich zu Israels Armee aber eine geringe Kampfkraft haben. Beide Organisationen verfügen allerdings über ein beträchtliches Raketenarsenal. Schätzungen belaufen sich auf 6000 Stück. Israel setzt dem mit "Iron Dome" ein Abwehrsystem entgegen und kann die meisten Geschosse mit eigenen Boden-Luftraketen abfangen. Der Raketenhagel, den Hamas losgelassen hat, überfordert aber die ausgefeilte Technik. Immer wieder dringen Geschosse durch. Das israelische Abwehrsystem errechnet dabei, ob eine palästinensische Rakete Siedlungsraum bedroht, - wenn ja, steigen Abfangraketen auf, die 50.000 Euro pro Stück kosten. Die Effizienz des Systems wird mit 90 Prozent angegeben.

Die Hamas hat ganz unterschiedliche Raketen in ihrem Arsenal, die meisten sind selbst produziert, einige iranischer Bauart. Sie werden über den Seeweg oder Ägypten in den Gaza-Streifen geschmuggelt. Hier kommen unterirdische Tunnel zur Anwendung.

Laut israelischem Geheimdienst kann die Mehrzahl der Hamas-Raketen nur für Angriffe auf israelische Ortschaften an der Gaza-Grenze sowie auf Ortschaften in bis zu 40 bis 55 Kilometer Entfernung verwendet werden. Darüber hinaus besitzt die Hamas vermutlich hunderte Raketen mit einer Reichweite von 70 bis 80 Kilometern. Diese bedrohen etwa den Großraum Tel Aviv, den internationalen Flughafen Ben Gurion und Jerusalem. Einige Dutzend Raketen mit einer Reichweite von 100 bis 160 Kilometern könnten laut israelischem Geheimdienst sogar weit über Tel Aviv hinaus etwa bis zur nördlichen Hafenstadt Haifa fliegen.

Angesichts dieser Lage haben die Behörden den internationalen Flughafen Ben Gurion gesperrt, die Flüge werden in den Süden, nach Eilat, umgeleitet. Austrian Airlines hat ihre Flüge annulliert.

Brennende Synagoge, Angriff mit Knüppeln

Was in Israel zudem große Besorgnis auslöst, ist der Umstand, dass es seit Tagen zu Gewalt im israelischen Kernland zwischen jüdischen und arabischen Israelis kommt. Trotz einer Ausgangssperre kam es zu Unruhen in Lod in der Nähe von Tel Aviv, ein Polizeifahrzeug ging in Flammen auf. Bürgermeister Yair Revivo sprach von "Bürgerkrieg". In Akkon, im Norden des Landes, wurde ein jüdischer Einwohner von arabischen Demonstranten lebensgefährlich verletzt. In Lod war zuvor eine Synagoge in Brand gesetzt worden.

In Bat Yam attackierten ultrarechte Juden arabische Geschäfte. Ein arabischer Einwohner wurde von einer jüdischen Menge brutal mit Knüppeln angegriffen. In Haifa bewarfen jüdische Demonstranten einen arabischen Autofahrer mit Steinen, der dann einen Angreifer anfuhr. Auch in Tiberias wurde ein arabischer Fahrer von jüdischen Demonstranten mit Steinen angegriffen und verletzt.

"Nichts rechtfertigt das Lynchen von Arabern durch Juden und nichts rechtfertigt das Lynchen von Juden durch Araber", so die eindringliche Warnung von Israels Premier Benjamin Netanjahu.

Die Befürchtung steht im Raum, dass es zu einem neuen großen Palästinenser-Aufstand, der dritten Intifada kommt.(ag./schmoe)