Mit einem Großangriff hat Israels Armee ein bedeutendes Tunnelsystem der im Gazastreifen herrschenden Hamas attackiert. "Viele Kilometer" des Netzes seien beschädigt worden, teilte das Militär am Freitag mit. Militante Palästinenser setzten unterdessen den Beschuss Israels aus dem Gazastreifen fort. Nach Angaben der Armee wurden inzwischen insgesamt 2.000 Raketen abgefeuert. Das Abfangsystem "Iron Dome" fing davon nahezu 1.000 ab, wie die Armee am Freitagabend mitteilte.

Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden in Gaza seit Beginn der Eskalation des Konflikts am Montagabend mehr als 120 Menschen getötet. Wie die israelische Armee mitteilte, kamen in Israel durch den Raketenbeschuss der vergangenen Tage acht Menschen ums Leben.

Ägyptischen Sicherheitskreisen zufolge lehnte Israel ein Angebot der Regierung in Kairo zur Vermittlung einer Feuerpause ab. Die Vereinten Nationen forderten, die Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen für Treibstoff- und Hilfslieferungen zu öffnen. In dem abgesperrten Gebiet leben etwa zwei Millionen Palästinenser.

Konflikt in Jerusalem

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hatte sich während des muslimischen Fastenmonats Ramadan und nach der Absage der palästinensischen Parlamentswahl zugespitzt. Als Auslöser gelten etwa Polizei-Absperrungen in der Jerusalemer Altstadt, die viele junge Palästinenser als Demütigung empfanden.

Hinzu kamen Auseinandersetzungen von Palästinensern und israelischen Siedlern im Jerusalemer Viertel Sheikh Jarrah wegen Zwangsräumungen sowie heftige Zusammenstöße auf dem Tempelberg. Die Anlage mit Felsendom und Al-Aksa-Moschee ist die drittheiligste Stätte im Islam. Sie ist aber auch Juden heilig, weil dort früher zwei jüdische Tempel standen. Die islamistische Hamas hat sich zum Verteidiger Jerusalems erklärt.

Israel macht die zweitgrößte Palästinensergruppe für alle Angriffe aus dem Küstengebiet verantwortlich. Die Hamas wird von Israel und der EU als Terrororganisation eingestuft.

Nach Angaben der Armee hat die Hamas das in der Nacht auf Freitag attackierte Tunnelsystem über Jahre aufgebaut. Es liegt zu Teilen unter der Stadt Gaza. Es handle sich um eine Art "Stadt unter der Stadt", sagte ein Armeesprecher. An dem komplexen, rund 40 Minuten dauernden Angriff seien 160 "Luftfahrzeuge" und auch Panzer beteiligt gewesen, die von israelischer Seite Ziele in dem Küstengebiet beschossen hätten. Kein israelischer Soldat betrat demnach den Gazastreifen.

Ausschreitungen in Israel

Im Westjordanland gab es am Freitag an mehreren Orten neue Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften. Dabei sind nach palästinensischen Angaben acht Menschen im Westjordanland getötet worden. Zwei Palästinenser seien durch Schüsse von Soldaten in Bauch beziehungsweise Brust getroffen worden und gestorben, teilte das palästinensische Gesundheitsministerium am Freitag mit.

Nach der Eskalation kam es in den vergangenen Tagen auch in israelischen Städten, in denen ein hoher Anteil arabischer Israelis lebt, zu Ausschreitungen. In Lod gilt inzwischen eine Ausgangssperre, zusätzliche Sicherheitskräfte wurden im Land verteilt. Ganz beruhigt hat sich die Lage noch nicht: In der Nacht auf Freitag nahm die Polizei erneut Randalierer fest, die Steine und Brandsätze warfen.

Am Samstag ist Tag der Nakba (Katastrophe). Die Palästinenser gedenken dann der Vertreibung und Flucht Hunderttausender Palästinenser im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948. Befürchtet werden neue gewaltsame Proteste. In diesem Jahr fällt der Tag zusammen mit dem dritten Tag des Eid-al-Fitr-Festes, des sogenannten Zuckerfestes zum Ende des Ramadan.

Toter im Südlibanon

Ein Demonstrant hat im Südlibanon die Grenze nach Israel überquert und ist durch Panzerfeuer tödlich verletzt worden. Der 21-Jährige sei getroffen worden, nachdem er mit Dutzenden anderen am Freitag über den Grenzzaun auf israelisches Gebiet gelangte, berichtete die staatliche libanesische Agentur NNA. Laut Augenzeugen wurde er am Bauch getroffen und starb später im Krankenhaus.

Die israelische Armee bestätigte, dass Panzer Warnschüsse auf eine Gruppe von Randalierern abfeuerten. Diese hätten den Zaun beschädigt und Feuer gelegt, ehe sie in libanesisches Gebiet zurückkehrten. Die Demonstranten hatten ihre Solidarität mit den Menschen in Gaza und Jerusalem gezeigt und palästinensische Flaggen mit Blick auf das Dorf Metula im Norden Israels geschwenkt.

Libanons Präsident Michel Aoun verurteilte den Angriff. Die UN-Friedensmission UNIFIL teilte mit, im Kontakt mit der israelischen und libanesischen Armee zu stehen zur Vermeidung einer weiteren Eskalation. Der Vorfall würde "sofort" untersucht. "Wir fordern jeden auf, ruhig zu bleiben und eine Gefährdung weiterer Menschenleben zu vermeiden." Die Blauhelme überwachen seit 1978 das Grenzgebiet der beiden Länder.

In Wien wurden am Freitag das Bundeskanzleramt (im Bild) und das Außenministerium mit der israelischen Fahne als Zeichen der Solidarität beflaggt. - © APA / HELMUT FOHRINGER
In Wien wurden am Freitag das Bundeskanzleramt (im Bild) und das Außenministerium mit der israelischen Fahne als Zeichen der Solidarität beflaggt. - © APA / HELMUT FOHRINGER

Israelische Flaggen in Wien

In Wien hissten unterdessen am Freitag das Bundeskanzleramt und das Außenministerium die israelische Fahne als Zeichen der Solidarität. Bundeskanzler Sebastian Kurz und Außenminister Alexander Schallenberg (beide ÖVP) verurteilten die Angriffe auf Israel aus dem Gazastreifen scharf. Israel habe "das Recht auf Selbstverteidigung gegen diese Angriffe", sagte Kurz und sprach von einem "Zeichen der Solidarität mit den Frauen, Kindern und Männern, die in Israel täglich in Luftschutzbunkern Schutz suchen müssen."

Scharfe Kritik an dem Schritt Wiens übte umgehend die Türkei, "die gespannte Beziehungen zu Österreich hat und im Nahost-Konflikt offen die Palästinenser unterstützt", wie die Nachrichtenagentur AFP formulierte. Die israelische Flagge zu hissen, sei "nicht moralisch", erklärte Präsidentensprecher Ibrahim Kalin im Onlinedienst Twitter. Durch solch ein Verhalten werde Israel in seiner "Aggression" bestärkt.

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde um 21:10 mit den neuesten Entwicklungen aktualisiert.