Jesus Santrich (53) war der "Popstar" der kolumbianischen Farc-Guerilla, der später auch im politischen Komitee saß. Er hatte das Friedensabkommen mitverhandelt, von dem er sich aber später wieder abwandte.

Nun ist er tot. Getötet offenbar auf venezolanischem Staatsgebiet. Das allein ist im ewigen Dauerkonflikt zwischen den beiden ideologischen Todfeinden Kolumbien und Venezuela eine Nachricht mit viel Sprengkraft. Denn allein dass sich ehemalige ranghohe gesuchte Guerilleros aus Kolumbien im Nachbarland offenbar unter dem Schutz Venezuelas frei bewegen können, ist schon politisch hoch brisant.

Noch brisanter ist die Frage, wie Santrich, mit bürgerlichem Namen Seuxis Hernandez, starb. Waren es Kopfgeldjäger, war es eine Spezialeinheit der kolumbianischen Armee, war es das venezolanische Militär, waren es rivalisierende Guerillagruppen? Das alles wird derzeit in den örtlichen Medien spekuliert, je nach politischer Ausrichtung mit unterschiedlicher Schuldzuweisung.

Die Umstände des Todes haben eine große Relevanz, denn in der hoch militarisierten Zone zwischen beiden Ländern, deren Regierungen im eigenen Land umstritten sind und die einen außenpolitischen Konflikt zur Ablenkung gut gebrauchen könnten, reicht ein Funke, um das Pulverfass zur Explosion zu bringen. Dahinter stecken zudem die Interessen der Großmächte, China und Russland stützen Venezuela, Kolumbien ist globaler Nato-Partner, der einzige in Lateinamerika.

Kampfzone Grenzgebiet

Schon seit Monaten toben auf venezolanischem Grenzgebiet heftige Kämpfe zwischen der venezolanischen Armee und kolumbianischen Guerillagruppen. Dabei soll es sich um abtrünnige Kämpfer der offiziell befriedeten Farc-Guerilla handeln, die sich dem seit 2016 laufenden Friedensvertrag verweigern und auf eigene Rechnung weiterkämpfen. Zuletzt warf die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) Venezuelas Militärs die gezielte Hinrichtung von Bauern vor, die gemeinsame Sache mit den Guerilleros gemacht hätten. Das führt zu einer anhaltenden Massenflucht von venezolanischen Zivilisten aus dem Grenzgebiet nach Kolumbien.

Die US-Justiz warf Santrich vor, tief in den Drogenhandel verwickelt zu sein, und fahndete nach ihm. Es gibt ein Video, das zeigt, wie Santrich bereit gewesen sein soll, über eine Lieferung von Tonnen von Kokain zu sprechen. Das sei eine Falle, ein Fake gewesen, erklärte dieser anschließend. Für die kolumbianischen Sicherheitskräfte, deren gestellte Falle aufflog, als auch für Santrich war der Vorfall eine Blamage.

Der Guerillero erschien stets mit einer dunklen Sonnenbrille, die er nach eigenen Angaben wegen einer Augenkrankheit tragen musste und die zu seinem Markenzeichen wurde.

Santrich’ Guerilla-Einheit wirft dem kolumbianischen Militär vor, ihn auf Befehl des kolumbianischen Präsidenten Ivan Duque eliminiert zu haben. Santrich hatte sich, wie andere Farc-Dissidenten, "in die Berge Kolumbiens" zurückgezogen, tatsächlich wohl aber nach Venezuela. Die Dissidenten kritisieren die schleppende Umsetzung des Friedensprozesses durch die Regierung, die ihnen wiederum kriminelle Machenschaften vorwirft. Auch von den eigenen ehemaligen nun aber pazifistischen Farc-Weggefährten werden die Abtrünnigen für ihre Rückkehr zum bewaffneten Kampf scharf kritisiert. Die Duque-Regierung, deren Sicherheitskräfte teilweise brutal gegen die derzeit herrschenden Sozialproteste vorgehen, warf den Farc-Dissidenten ihrerseits vor, gezielt urbanen Terrorismus zu verbreiten.

Angst vor einem Krieg

Deswegen wäre es wichtig, dass der Fall Santrich nun von einer unabhängigen internationalen Kommission geklärt wird, damit in der hoch angespannten Atmosphäre nicht auch noch ein Krieg zwischen den beiden Nachbarländern ausbricht. Es steht allerdings zu befürchten, dass in dieser Region Lateinamerikas das passiert, was immer passiert: Die unterschiedlichen ideologischen Lager präsentieren ihre eigene Wahrheit - für die tatsächliche bleibt dann kein Platz mehr.