Die Theorie von einem Laborunfall in Wuhan, bei dem das Coronavirus im Herbst 2019 entwichen sein soll, ist nicht vom Tisch. Zwar hat ein Expertenteam der WHO ein derartiges Szenario als "extrem unwahrscheinlich" bezeichnet - jetzt ist es aber US-Präsident Joe Biden, der seine Zweifel hat. Die bisherigen Untersuchungen hätten unterschiedliche Einschätzungen ohne abschließende Folgerungen geliefert, so Biden, er habe US-Geheimdienste damit beauftragt, der Sache auf den Grund zu gehen und binnen 90 Tagen einen weiteren Bericht vorzulegen. Damit offenbarte der US-Präsident, dass das Szenario eines möglichen Laborunfalls zumindest in Teilen des US-Geheimdienstapparates für möglich gehalten wird.

Bidens Amtsvorgänger Donald Trump und Ex-Außenminister Mike Pompeo hatten wiederholt behauptet, sie hätten Hinweise, dass das Virus aus einem Labor in Wuhan stamme. Trump hatte gesagt, womöglich sei ein "schrecklicher Fehler" geschehen, "wahrscheinlich war es Inkompetenz, jemand war dumm." Belege präsentierten aber weder er noch Mitglieder seiner Regierung.

Generell wird davon ausgegangen, dass sich das Virus über Fledermäuse und Schuppentiere verbreitet hat. Auch viele US-Wissenschafter verwiesen die These vom Laborunfall in die Welt der Verschwörungstheorien.

Renommierte Wissenschafter lassen aufhorchen

Zuletzt hat der US-Regierungsbeauftragte Anthony Fauci allerdings aufhorchen lassen: Er sei "nicht überzeugt" von der Hypothese einer natürlichen Übertragung über einen Zwischenwirt auf den Menschen. Er sei dafür, die Sache weiter zu untersuchen. Dazu kommt ein Bericht des "Wall Street Journal", wonach drei chinesische Wissenschafter des Instituts für Virologie in Wuhan im November 2019 so schwer erkrankt seien, dass sie im Krankenhaus behandelt werden mussten. Die Zeitung beruft sich allerdings nur auf ein vertrauliches Papier der Trump-Regierung. Unklar ist zudem, welche Symptome die drei Wissenschafter hatten und ob sie stationär aufgenommen werden mussten.

Es sind mittlerweile zahlreiche renommierte Experten, die eine forensische Untersuchung des Wuhaner Instituts für Virologie fordern. Die Möglichkeit eines Laborunfalls sei nicht ausreichend geklärt und die Übertragung durch einen Zwischenwirt ebenso nicht bewiesen, sagen sie. Hier wird die Offenlegung von Rohdaten aus chinesischen Labors gefordert und eine von unabhängiger Seite beaufsichtigte Untersuchung.

Dass sich China weigert, solche Daten beizustellen, nährt die Zweifel. Interessant ist die Tatsache, dass die amerikanische Regierung über Jahre mit dem Wuhaner Institut kooperiert und dieses auch mitfinanziert hat. Bei gemeinsamen Forschungsprojekten ging es um sogenannte Gain-of-function-Experimente. Dabei werden Viren im Labor verändert und ihre Wirkung auf menschliche Zellen untersucht. Zuletzt wurde bekannt, dass ein Teil dieser Experimente außerhalb des Hochsicherheitslabors durchgeführt wurden.

China spricht von Verleumdungskampagne

China weist nach der Untersuchungs-Ankündigung Bidens alle Schuldzuweisungen von sich und spricht von einer "Verschwörungstheorie". "Die Verleumdungskampagne und die Schuldzuweisungen kehren zurück", so ein Sprecher der chinesischen Botschaft in Washington. "Die Suche nach dem Ursprung - eine Sache der Wissenschaft - zu politisieren, wird es nicht nur schwerer machen, die Herkunft des Virus zu finden, sondern auch dem "politischen Virus" freien Lauf lassen und die internationale Kooperation in der Pandemie ernsthaft behindern." China hingegen unterstütze eine umfassende Studie aller frühen Covid-19-Fälle weltweit und die Untersuchung "einiger geheimer Stützpunkte und biologischer Labors überall in der Welt", sagte der Sprecher. Er spielte damit offenbar auf unbewiesene Hypothesen aus Peking an, wonach das Virus aus einem Labor des US-Militärs in Fort Detrick oder anderswo entsprungen und von Teilnehmern der Militärweltspiele im Oktober in Wuhan eingeschleppt worden sein könnte.

"Wie viele Geheimnisse halten die USA zurück?"

Der chinesische Außenamtssprecher Zhao Lijian verweist in diesem Zusammenhang auf 33 Millionen Infektionen und fast 600.000 Tote allein in den USA. "Die USA reflektieren nicht über ihre eigenen Probleme, sondern versuchen vielmehr, die Schuld China zuzuschieben", so Lijian. "Es gibt viele Zweifel über Fort Detrick - und die USA haben mehr als 200 biologische Labors in der Welt", so Lijian weiter. "Wie viele Geheimnisse halten die USA zurück?" Wenn die USA China aufforderten, sich an einer umfassenden Untersuchung zu beteiligen, fordere China seinerseits die USA auf, dem chinesischen Beispiel zu folgen und internationale Ermittlungen zuzulassen.

Biden geht offenbar davon aus, dass es definitive Antworten auf die Frage nach einem Laborunfall oder anderen Übertragungsarten womöglich nie geben wird. In diesem Zusammenhang beklagt Washington schon seit einiger Zeit, dass China von Anfang an einschränkenden Einfluss auf alle jene internationalen Forscher genommen habe, die versucht hätten, dem Ursprung des Coronavirus auf die Spur zu kommen. Auch von dem nachforschenden WHO-Team kamen Klagen über unzureichenden Zugang und unvollständige chinesische Daten.(red)