Demografen sind nicht die optimistischste Spezies der Wissenschaft - lange dominierte die Sorge vor einer Überbevölkerung der Erde den Diskurs. Doch Wolfgang Lutz glaubt daran, dass es der Menschheit gelingen kann, die Weltbevölkerung zu stabilisieren.

"Wiener Zeitung": Welche Folgen hat die aktuelle Corona-Pandemie auf die Bevölkerungszusammensetzung in den europäischen Staaten?

Wolfgang Lutz: Der Einfluss auf die Lebenserwartung ist relativ gering. Es ist eine gewisse Verlagerung der Todesfälle festzustellen - es sind Menschen verfrüht verstorben. Dennoch: Der langfristige Trend höherer Lebenserwartungen wird dadurch vermutlich nicht gebrochen. Interessant sind die USA: Dort stagniert die Lebenserwartung wegen der sozialen Ungleichheit und der Opioidkrise.

In der Pandemie ist die Geburtenrate in vielen Ländern gesunken.

Wolfgang Lutz ist Demograf mit dem Forschungsschwerpunkt internationale Bevölkerungsentwicklung und Bildung. Er ist Gründer des Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital und Leiter des World Population Program am International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA). apa / Herbert Neubauer - © APA/HERBERT NEUBAUER
Wolfgang Lutz ist Demograf mit dem Forschungsschwerpunkt internationale Bevölkerungsentwicklung und Bildung. Er ist Gründer des Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital und Leiter des World Population Program am International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA). apa / Herbert Neubauer - © APA/HERBERT NEUBAUER

Das ist plausibel, denn in Zeiten der Unsicherheit wird der Kinderwunsch seit jeher hinausgeschoben. In Afrika könnte ein anderer Effekt eintreten: Weil die Schulen ein Jahr lang geschlossen waren, gibt es die Hypothese, dass dort junge Frauen eher früher ungewollt schwanger werden und auch der Zugriff auf Verhütungsmittel schwieriger geworden sein könnte. Erstaunlich ist, dass gerade in Europa, etwa in den nordischen Ländern Schweden, Finnland und Norwegen, die Geburtenraten schon vor der Pandemie etwas und jetzt noch weiter gesunken sind.

Wird die Geburtenrate nach der Pandemie wieder ansteigen?

Das ist die Frage. Vielleicht kommt das Kinderkriegen in einer Reihe von Ländern weiter aus der Mode.

Warum ist das so?

Überall dort, wo ein traditionelles Frauenbild und ein konservatives Familienbild zusammenkommen, zeigt der Trend in diese Richtung, etwa in Südeuropa. Immer wenn sich Frauen zwischen Familie und Beruf entscheiden müssen, werden sie vor ein Dilemma gestellt. In den vergangenen Jahren sind die Geburtenraten auch in den nordischen Ländern stark nach unten gegangen.

Warum?

Eine Hypothese, die viel Beachtung findet, ist, dass das auch mit Social Media zu tun haben könnte. Die Leute sind so stark vernetzt, dass sie sozusagen keine Kinder mehr brauchen, um Leben um sich zu schaffen und soziale Netzwerke zu knüpfen. Zweitens: Werteverschiebung. Wir sprechen von der "Low Fertility Trap Hypothesis": Wenn wenige Kinder geboren werden und die jungen Leute in einem Kontext aufwachsen, in dem Ein-Kind-Familien die Norm sind, werden diese zum erstrebenswerten Modell. In Umfragen sagen etwa 85 Prozent der in chinesischen Metropolen lebenden jungen Frauen, dass sie nur ein Kind wollen. In Europa ist die Zwei-Kind-Familie immer noch die Norm; Eltern sagen, dass sie nicht wollen, dass ihre Kinder als verwöhnte Einzelkinder aufwachsen. Was aber in Europa passiert: Der Kinderwunsch wird immer weiter hinausgeschoben und ab 30, 35 Jahren nimmt die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft doch deutlich ab.

Lange dominierte die Angst vor der Überbevölkerung den Diskurs, seit einiger Zeit macht sich Sorge vor Entvölkerung breit. Warum?

Diese Sichtweisen haben emotionale und auch nationalistische Wurzeln. In der Menschheitsgeschichte waren Zeiten des Bevölkerungsrückgangs auch Zeiten von Katastrophen. Heute macht diese Assoziation - Bevölkerungsrückgang ist gleich nationale Katastrophe - keinen Sinn mehr. Denn die Kausalität ist ja eine andere: Kriege und Seuchen haben dazu geführt, dass die Sterblichkeit gestiegen und die Bevölkerungszahl zurückgegangen ist.

Afrika ist der Kontinent mit dem stärksten Bevölkerungsanstieg. Aber auch dort sinkt der Bevölkerungszuwachs.

Die Abnahme der Geburtenrate in Afrika ist eine direkte Konsequenz der verbesserten Bildungschancen. Frauen in Afrika mit Maturaniveau haben weniger als zwei Kinder, während Frauen, die Analphabeten sind, sieben oder acht Kinder haben. Die jüngsten Daten zeigen, dass die Geburtenrate dort nun bei circa 3,6 Kindern pro Frau liegt - vor 20 Jahren waren es noch acht Kinder. In Afrika könnten die Schulschließungen durch Corona die Fortschritte bremsen. Denn weniger Bildung bedeutet eine höhere Kinderanzahl.


Ihr Browser kann derzeit leider keine SVG-Grafiken darstellen!