Sind die internationalen Streitkräfte einmal komplett aus Afghanistan abgezogen, dann ist mit der Rückkehr der Taliban zu rechnen. "Und zwar schneller, als wir uns umdrehen können", prophezeite der deutsche Militärexperte Rolf Clement im Februar 2020 gegenüber der "Wiener Zeitung".

So wie die Dinge stehen, wird er recht behalten. Der Rückzug der Nato hat am 1. Mai begonnen, wobei Waffen, Fahrzeuge, andere Ausrüstungsgegenstände bis hin zu Lebensmitteln einfach zurückgelassen werden. Soldaten besteigen die Transportmaschinen, Basen leeren sich - und die Taliban feiern im Stakkato militärische Erfolge. Zuletzt haben die Islamisten die Bezirke Daulatabad und Jaghatu im Handstreich erobert; damit sind in wenigen Wochen elf Bezirke an die Gotteskrieger gefallen. Und die afghanischen Behörden warnen bereits, dass weitere Bezirke kurz vor dem Fall stehen.

"Taktischer Rückzug"

Die Niederlagen der Armee haben stets das gleiche Muster: Das betroffene Gebiet ist von den Taliban umstellt, diese ziehen den Belagerungsring dann enger. Die Armeesoldaten können nicht mehr versorgt werden, weil die Taliban die Zufahrtsstraßen sperren. Schließlich ergreifen Armee- und Polizeieinheiten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Flucht: Ein "taktischer Rückzug", wie dann die Eigendefinition lautet. Zuvor war militärische Unterstützung von außen angefordert worden, die aber nicht kommt. Die Soldaten befolgten die Befehle ihrer Kommandanten nicht und zeigten keine Kampfbereitschaft mehr.

Westliche Experten kennen dieses Muster und sind nicht überrascht. Bereits 2010, als die Taliban noch weit schwächer waren, endeten die in Eigenregie ausgeführte Militäraktionen der afghanischen Armee regelmäßig in einem Fiasko. Mittlerweile haben die Taliban viele wichtige Verkehrswege im Land mit Sprengfallen gespickt, was die Bewegungsfreiheit der Sicherheitskräfte zusätzlich einschränkt. Seitdem klar ist, dass die Nato-Soldaten spätestens mit dem 11. September aus dem Land sind, ist die Moral in der Armee am Nullpunkt.

Denn die Taliban führten von Beginn an einen Kleinkrieg, in dem die afghanische Armee schrittweise aufgerieben wurde. Die Soldaten müssen jederzeit mit einem Angriff aus heiterem Himmel rechnen, Einheiten geraten in einen Hinterhalt, dann wird das Feuer eröffnet. Eine Zermürbungstaktik, die aufgeht.

Die Kriegsführung der Islamisten wurde im Laufe der vergangenen Jahre immer effizienter, immer öfter gewannen sie die Oberhand. Die Taliban greifen dabei alles an, was sie vorfinden - von Schulen über Regierungsgebäude und Kasernen bis hin zu ausländischen Botschaften. Sie graben Tunnel, um so ungesehen an Posten der Armee heranzukommen. Die unterirdischen Gänge werden dann mit Sprengstoff gefüllt und in die Luft gejagt.

Die Stärke der Taliban resultiert aus der unübersehbaren Schwäche der afghanischen Armee. Diese verfügt zwar über eine hohe Mannzahl und ist von den USA gut ausgerüstet. Das gilt aber nur auf dem Papier. Viele der offiziell angeführten Bataillone gibt es in der Realität nicht, wobei Offiziere und Beamte in Kabul den Sold der "Geistersoldaten" kassieren.

Taliban sehen sich als Sieger

Die Moral der afghanischen Armee war stets schlecht, jetzt ist sie im Sinkflug. Die militärische Kompetenz der Offiziere ist niedrig und die Geheimdienstinformationen sind unzuverlässig. Die Streitkräfte bestehen zu einem Großteil aus Analphabeten und waren wenig empfänglich für Ratschläge ihrer westlicher Ausbilder. Kommt es zu einem Angriff, "sind die Armeesoldaten relativ schnell weg", wie Experte Clement sagt. Teile der Führung stecken mit den Taliban unter einer Decke, die Islamisten wissen im Voraus von Militäraktionen und Operationsplänen. Dazu kommt, dass eine große Zahl an hochwertigen Waffen aus den Depots der Streitkräfte verschwinden und bei den Taliban wieder auftauchen.

Die Taliban fühlen sich heute angesichts des fast überstürzten Abzugs der ausländischen Streitkräfte als Sieger, sie sind von ihrer Mission überzeugt und hoch motiviert. Von Kriegsmüdigkeit ist hier nichts zu spüren. Jetzt haben sie den Sieg vor Augen, der Dschihad wird mit aller Kraft durchgezogen.

"Ihr habt die Uhren, wir die Zeit", war in den vergangenen Jahren die Botschaft der Taliban an den Westen, jetzt naht für sie die Stunde der Ernte.

Die Islamisten geben sich in ihrer politischen Linie zwar etwas moderater als vor 20 Jahren. Doch Wahlen, Schulen für Mädchen und Frauenrechte - die gesamten, neu geschaffenen staatlichen Strukturen in Afghanistan - werden erbittert bekämpft. Die Taliban wollen die Kontrolle über Kabul und über das ganze Land und sehen sich fast am Ziel.