Vom einstigen Verbündeten zum politischen Widersacher: Der rechte Hardliner Naftali Bennett wird aller Voraussicht nach seinen früheren Mentor Benjamin Netanjahu als Regierungschef in Israel ablösen. Im Wechsel mit Yair Lapid, dem Chef der Partei Yesh Atid (Es gibt eine Zukunft), soll Bennett künftig das Amt des Ministerpräsidenten ausüben. Durch geschickte Manöver inszenierte Bennett sich zunächst als "Königsmacher" - und griff dann selbst nach der Macht.

"Mit Gottes Hilfe werden wir tun, was gut für Israel ist, und wir werden Israel wieder auf Kurs bringen", sagte Bennett, nachdem Oppositionsführer Lapid den israelischen Präsidenten Reuven Rivlin über die erfolgreichen Koalitionsverhandlungen informiert hatte. Die religiöse Rhetorik ist typisch für Bennett, der die religiös-nationalistische Yamina-Partei anführt.

Bennett begann seine politische Karriere als rechte Hand von Netanjahu. Kurz nachdem der smarte Unternehmer mit der markanten Glatze und dem breiten Lächeln im Jahr 2005 sein erfolgreiches Internet-Start-up für 145 Millionen Dollar (heute 119 Millionen Euro) verkauft hatte, wurde er Netanjahus Stabschef. Beide überwarfen sich jedoch und gingen vorerst getrennte Wege.

Kernthema: Siedlungspolitik

Bennett machte die Siedlungspolitik zu seinem Kernthema und führte lange Jahre als oberster Funktionär den Rat der jüdischen Siedlungen im besetzten Westjordanland. Im Jahr 2012 übernahm der Sohn von US-Einwanderern die damals sieche Gruppierung Jüdisches Heim und hauchte ihr neues Leben ein. Jüdisches Heim bildete die Plattform für den rasanten Aufstieg Bennetts, der sein Image als Ex-Offizier eines Spezialkommandos sorgsam pflegt.

Bei der Parlamentswahl Anfang 2013 vervierfachte Jüdisches Heim die Zahl seiner Sitze. Bennett machte damals insbesondere mit aufwieglerischen Aussagen über Palästinenser Schlagzeilen. Palästinensische "Terroristen sollten getötet und nicht freigelassen werden", sagte er. Und dass das Westjordanland nicht von Israel besetzt sei, weil "hier niemals ein palästinensischer Staat war".

Ab 2013 hatte der stramm rechte Hardliner, der für eine ultraliberale Wirtschaftspolitik steht und eine harte Linie gegenüber dem Erzfeind Iran vertritt, fünf Ministerien in verschiedenen Regierungen unter Ministerpräsident Netanjahu geführt. Doch im vergangenen Mai holte Netanjahu Bennett nicht mehr in die von ihm gebildete Einheitsregierung, was angesichts der zahlreichen Gemeinsamkeiten als Ausdruck seiner Unzufriedenheit mit ihm gewertet wurde.

Bennett steht inzwischen an der Spitze der Yamina-Partei, die 2018 aus Jüdisches Heim und anderen Kleinstparteien hervorgegangen ist. Eigentlich schien der 49-Jährige politisch abgeschrieben, zumal seine Partei bei den Wahlen im März nur sieben Mandate geholt hatte.

Gewiefter Stratege

Doch der gewiefte Stratege Bennett hat in den vergangenen Wochen gut taktiert. Er ließ zunächst Zweifel daran aufkommen, ob er Netanjahu, der insgesamt 15 Jahre und davon zwölf Jahre in Folge Regierungschef war, aus dem Amt vertreiben will oder nicht. Anfang Mai lehnte er Netanjahus Angebot ab, im Wechsel mit ihm Regierungschef zu werden.

Dann schlug sich der vierfache Vater Bennett auf die Seite Lapids - und führte als Begründung die jüdische Geschichte ins Feld: "Vor 2000 Jahren gab es einen jüdischen Staat, der hier wegen interner Querelen zugrunde gegangen ist. Dies wird nicht erneut passieren, nicht unter meiner Aufsicht."

Lapid gelang es dann, die Mehrheit der Stimmen in der Knesset zusammenzubekommen, um seine "Regierung des Wandels" - ein Bündnis von links bis rechts, unterstützt von arabischen Abgeordneten - auf die Beine zu stellen. Für dieses Projekt zahlte er einen hohen Preis: Denn erster Regierungschefs dieses Bündnisses mit rotierender Führung soll nicht er werden, sondern Bennett. Nun fehlt Hardliner Bennet nur noch die Zustimmung einer Mehrheit der Abgeordneten im Parlament zu der ungewöhnlichen Koalition am Sonntag - dann hat er Netanjahu die Macht abgenommen. (afp)