Patrouillierende Soldaten, Kampfjets in Alarmbereitschaft und weiträumige Absperrungen: Das Treffen von US-Präsident Joe Biden und Russlands Staatschef Wladimir Putin in Genf wurde von massiven Sicherheitsvorkehrungen begleitet. Tausende Polizisten und Soldaten prägten am Mittwoch das Stadtbild, die Bewohner mussten mit zahllosen Einschränkungen zurechtkommen.

Insgesamt waren 4.000 Polizisten, Soldaten und andere Sicherheitskräfte im Einsatz. Die eidgenössische Luftwaffe überwachte den abgesperrten Luftraum in einem Umkreis von 50 Kilometern, Kampfjets, Hubschrauber und auch Flugabwehrraketen standen bereit.

Metallzaun und Spürhunde

Wladimir Putin (l.) und Joe Biden in Genf. Die Gespräche gestalteten sich schwierig, beide Seiten waren um eine Art der Normalisierung bemüht. - © afp / Zemlianichenko
Wladimir Putin (l.) und Joe Biden in Genf. Die Gespräche gestalteten sich schwierig, beide Seiten waren um eine Art der Normalisierung bemüht. - © afp / Zemlianichenko

Die strengsten Vorkehrungen herrschten rund um den Ort des Gipfeltreffens, die historischen Mauern der Villa La Grange. Um das Tagungsgebäude und den angrenzenden Park wurde ein zwei Kilometer langer Metallzaun mit Stacheldraht aufgebaut, die Polizei kontrolliert geparkte Autos mit Spürhunden. Die Einwohner Genfs waren aufgerufen, möglichst von zu Hause aus zu arbeiten, um das sich abzeichnende Verkehrschaos zu verhindern.

Kurz nach 13 Uhr bewegten sich die US-amerikanische und die russische Delegation in jeweils langen Konvois in Richtung Konferenzgebäude, die Straßen waren gesäumt mit Schaulustigen, die mit ihren Handys Fotos schossen. Biden reiste mit seiner schwer gesicherten Limousine an, in den Vereinigten Staaten "The Beast" genannt. Der Schweizer Präsident Guy Parmelin begrüßte beide Politiker vor der Villa La Gange, um 13.26 Uhr schüttelten Biden und Putin einander die Hände. Das Treffen startete um 13.30 Uhr.

Diplomaten waren zu diesem Zeitpunkt bemüht, die Erwartungen niedrig zu halten. Man gehe nicht davon aus, dass man große Fortschritte erzielen werde, so ein hochrangiger US-Offizieller zu Beginn der Verhandlungen, an denen auch die jeweiligen Außenminister, Sergej Lawrow und Antony Blinken, teilnahmen.

Spott von Trump

Vor dem und im Gebäude drängten sich unzählige Kameraleute und Reporter, um das historische Treffen möglichst gut ins Bild zu bekommen. Der Platz war limitiert, es kam zu Rangeleien zwischen amerikanischen und russischen Journalisten.

Biden war zum Start der Gespräche um ein Lächeln bemüht, während Putin als ehemaliger KGB-Offizier kaum eine Miene verzog. Beide Politiker gaben sich betont reserviert und waren bemüht, Stärke auf der einen und Gelassenheit auf der anderen Seite auszustrahlen. Es war die Symbolik, die bei diesem als "historisch" etikettierten Treffen in erster Linie zählte - und Putin und Biden waren sich dessen bewusst.

In Erinnerung geblieben ist jene fatale Pressekonferenz, in der Ex-US-Präsident Donald Trump im Beisein Putins Erkenntnisse der US-Geheimdienste zur russischen Einmischung in den US-Wahlkampf in Zweifel zog. Trump hat seine Niederlage gegen Biden immer noch nicht verwunden. So spottete der Ex-Präsident in einem Mail an seine Unterstützer: "Viel Glück für Biden im Umgang mit Präsident Putin - schlafen Sie während des Treffens nicht ein, und bitte richten Sie ihm meine herzlichsten Grüße aus!"

Es war so gut wie ausgeschlossen, dass Biden dem Folge leistete. Er hatte schon vor der Wahl einen härteren Kurs gegenüber Putin angekündigt - und Trump als "Putins Welpen" bezeichnet.

Trumps Charakterisierung von Biden als "Sleepy Joe" wird von den russischen Medien jedenfalls dankbar übernommen: Sie zeigen den US-Präsidenten am liebsten mit Versprechern oder beim Stolpern. Der Kremlpropagandist Dmitri Kisseljow meinte, Biden versuche, auf unbeholfene Weise energisch aufzutreten, errege aber eher Mitleid. Da wolle ihm jeder einfach nur Gesundheit wünschen.

Immer auf Distanz

Biden und Putin waren während der Unterredung, die sich bis in den Abend zog, um Distanz bemüht. Ein gemeinsames Abendessen war zunächst nicht vorgesehen. Es gab keine Pläne für Mahlzeiten in der Villa La Grange. Die Gesprächspausen verbrachten die Staatschefs getrennt.

Diese Reserviertheit hat eine Vorgeschichte: Schon in den frühen Jahren von Putins Präsidentschaft hatte Biden im Senat gemeint: "Ich traue Putin nicht."

"Biden mochte Putin schon nicht, bevor das cool war", brachte es die US-Nachrichten-Seite "Politico" zuletzt auf den Punkt. Folgerichtig wurde Biden vor dem Beginn der Gespräche von Reportern gefragt, ober er Putin denn jetzt traue. Laut dem Fernsehsender CNN habe Biden genickt. US-Quellen gaben aber bekannt, dass Biden Putin nicht traue. Dann meinte der Präsident der Vereinigen Staaten im Blitzlichtgewitter, es sei immer besser, sich direkt - "face to face" - zu treffen und sprach von einem Treffen zweier großer Mächte. Damit kam er Putin entgegen, dem vor allem Respekt wichtig ist. Der Kremlchef meinte, in den bilateralen Beziehungen hätten sich "viele Fragen angestaut".

Beim Nato-Gipfel zuvor hatte Biden seinen Fahrplan für die Gespräche klar definiert. "Ich werde Präsident Putin zu verstehen geben, dass es Bereiche gibt, in denen wir zusammenarbeiten können, wenn er sich dafür entscheidet", so Biden. "Und in den Bereichen, in denen wir nicht übereinstimmen, klarmachen, was die roten Linien sind."