Geplant war ein schneller und auch begrenzter Einsatz in der abgelegenen Provinz im Norden Äthiopiens: die herrschende Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) verdrängen, Ordnung schaffen, die Machtbalance wiederherstellen. Doch Äthiopiens Regierungschef Abiy Ahmed, der 2019 den Friedensnobelpreis für die von ihm initiierte Aussöhnung mit Eritrea bekommen hat, scheint sich mit seinem militärischen Abenteuer in Tigray auf ganzer Linie verkalkuliert zu haben.

Bereits in den vergangenen Monaten wurde deutlich, dass es der Regierung in Addis Abeba nach der Eroberung der Provinzhauptstadt Mekelle im November 2020 nicht und nicht gelingt, die Lage in Tigray zu stabilisieren. Millionen von Menschen litten unter dem fast vollständigen Zusammenbruch der Grundversorgung, aus der Versorgungskrise wuchs dann rasch eine Hungerkrise mit hunderttausenden Betroffenen. Gleichzeitig gingen die Kampfhandlungen weiter. Die TPLF, die mit ihren gut ausgebildeten Truppen im Jahr 1991 maßgeblich daran beteiligt war, den kommunistischen Diktator Mengistu Haile Mariam zu verjagen, verlegte sich wie in früheren Zeiten auf Guerilla-Einsätze, die äthiopische Regierung versuchte nicht zuletzt mit Hilfe eritreischer Soldaten, den immer wieder aufflammenden Widerstand in Tigray zu brechen.

Wie wenig erfolgreich diese Versuche waren, zeigt sich derzeit. Die TPLF verkündete am in der Nacht auf Montag die Rückeroberung von Mekelle, das mittlerweile auch schon vollständig von den Regierungstruppen geräumt worden sein soll. Man habe einen "atemberaubenden Sieg" errungen, hieß es in einer Erklärung der Rebellen. Der Feind habe erniedrigende Verluste erlitten.

Unbestätigten Berichten zufolge haben die Regierungstruppen nach tagelangen heftigen Kämpfen bereits am Samstag mit ihrem Rückzug aus Mekelle begonnen. Die Repräsentanten der äthiopischen Zentralregierung sollen die 360.000-Einwohner-Stadt in den folgenden Stunden dann geradezu überstürzt verlassen haben.

Auf eine große Gegenoffensive deutet derzeit wenig hin. So hat
Abiys Regierung bereits am Montagabend eine einseitige Waffenruhe ausgerufen, die bis zum September gelten soll. Damit soll es den Bauern in der Region möglich sein, ihre Felder zu bestellen und dann zum Ende des Sommers die Ernte einzubringen.

Kampf um Macht und Geld

Schon jetzt ist allerdings klar, dass die Waffenruhe ein äußerst fragiles Provisorium ist. Denn die Konfliktlinien in Äthiopien sind heute noch dieselben wie in der Vergangenheit. So waren die Tigray bis vor kurzem noch die mächtigste Ethnie im ganzen Land, in der fernen Hauptstadt Adis Abeba besetzten ihrer Vertreter knapp drei Jahrzehnte lang die wichtigsten Posten in Politik, Militär und Verwaltung. Abiy gelang es mit der Übernahme des Premiersamts allerdings, die TPLF zu marginalisieren und von der Macht zu verdrängen.

Die Tigray, die nur knapp 6 Prozent der Bevölkerung im 112 Millionen Einwohner zählenden Vielvölkerstaat Äthiopien ausmachen, fühlen sich seitdem von der Zentralregierung in Addis Abeba nicht mehr vertreten und bringen, das auch immer wieder zum Ausdruck. So eskalierte der aktuelle Konflikt nicht zuletzt deswegen, weil sich die TPLF im September der Zentralregierung widersetzte und trotz der Corona-Pandemie eine Regionalwahl abhielt.

Eine Stabilisierung der Lage im Norden Äthiopiens wäre allerdings eine zentrale Voraussetzung, um die schon jetzt in der Region schwelende humanitäre Katastrophe zumindest etwas zu lindern. So hat das UN-Kinderhilfswerks Unicef erst vor zwei Wochen vor den dramtatischen Folgen gewarnt, wenn es Helfern nicht rasch ermöglicht werde, ihre Hilfsaktionen auszuweiten. Mehr als 30.000 schwer unterernährte Kinder in besonders unzugänglichen Regionen Tigrays würden dann in Lebensgefahr schweben, sagte Unicef-Sprecher James Elder damals.(rs)