Ich habe viel von Kritik profitiert - und ich hatte niemals zu wenig davon." Diesem Satz, der Winston Churchill zugeschrieben wird, zitierte Donald Rumsfeld bei seiner Rücktrittserklärung am 8. November 2006.

Doch Kritik focht den neokonservativen US-Verteidigungsminister nicht an: Rumsfelds Rücktritt kam im Gefolge der Zwischenwahlen, als die Wählerinnen und Wähler die Republikaner für das Desaster, in das die USA im Irak-Krieg versunken sind, abstraften. Der Krieg im Irak wurde mit Lügen verkauft: Der irakische Diktator Saddam Hussein sei in die Terroranschläge des 11. September 2001 verwickelt und verfüge über Massenvernichtungswaffen. US-Präsident George W. Bush, Vizepräsident Dick Chaney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gelang es freilich nicht, die Weltgemeinschaft zu überzeugen, die Vereinten Nationen versagten den Amerikanern ein Mandat für eine Militärintervention. Und so schlugen die USA eben ohne Sicherheitsratsmandat zu.

Die Offensive war ein Erfolg, am 20. März 2003 fielen die Bomben und am 9. April markiert der Fall einer Saddam-Statue in Bagdad vor den Augen von Journalisten medienwirksam den Sturz des Regimes. Rumsfeld hatte dafür gesorgt, dass die Irak-Experten des Außenamts für die Nachkriegsplanung kaltgestellt waren, denn das Verteidigungsministerium wollte die Geschicke des Irak allein bestimmen. Doch nach dem Sieg über Saddams Armee versank das Land im Morast von Plünderungen, Terroranschlägen und Bürgerkrieg. Folter und Missbrauch von irakischen Gefangenen im gefürchteten Gefängnis von Abu Ghraib durch US-Soldaten (2003), eine rücksichtslose Offensive in Falluja (2004) und Massaker an irakischen Zivilisten (in Haditha 2005) haben das Image der USA in aller Welt schwer beschädigt. Reaktion des vehementen Irak-Krieg-Verfechters Rumsfeld bei seiner Rücktrittsrede: "Der Krieg ist zu komplex für die Leute, um ihn zu verstehen."

Selbst wenn man der kalten, zynischen Machtlogik der Geopolitik folgt, bleibt es unverständlich, welchen Zweck die USA mit dem Irak-Krieg verfolgen wollten. Ging es den USA darum, gleich den nächsten Krieg gegen den Iran und Syrien vorzubereiten und dafür Basen im Irak aufzubauen? Oder war es ein Krieg um Öl? Ein Krieg um Öl wäre - zumindest aus heutiger Sicht - unverständlich, denn die USA sind heute neben Saudi-Arabien und Russland unter den drei größten Erdölproduzenten der Welt.

Was die Militärpräsenz in der Region betrifft: Der Bush-Administration war klar, dass die US-Präsenz in Saudi-Arabien das Königshaus destabilisierte und Al Kaida als Propagandawaffe diente. Es gab zwar auch eine US-Basis in Katar, dem kleinen Emirat fehlt es aber an strategischer Tiefe. Mit Basen im Irak - so das Kalkül der Militärplaner - könnte man den militärischen Einfluss in die gesamte Nahost-Region ausdehnen.

Doch die Bedeutung des Nahen Ostens wird in Zukunft schwinden: Je mehr die Welt auf erneuerbare Energiequellen umschwenkt, umso mehr rückt diese Weltregion in die Peripherie des Gesichtsfeldes von Geostrategen.

Der Irak-Krieg markiert auch den ersten offenen Bruch mit den US-Verbündeten Deutschland und Frankreich, die über den US-Angriffskrieg erzürnt waren. Jene, die vor einer Destabilisierung der Region gewarnt haben, sollten recht behalten - sie verwiesen später auf den Bürgerkrieg in Syrien und den Aufstieg des IS.

Die US-Generäle haben ihr Augenmerk längst auf China gerichtet. Interessante Reminiszenz: Die erste außenpolitische Herausforderung in George W. Bushs Amtszeit war eine Krise um ein US-Spionageflugzeug, das im April 2001 nach einer Konfrontation mit chinesischen Jets auf der chinesischen Insel Hainan notlanden musste. Heute sagen US-Strategen, die USA hätten während der Amtszeit von Bush, Cheney und Rumsfeld die Herausforderung durch das Reich der Mitte verschlafen, weil das Weiße Haus im Irak abgelenkt war.

Die Kritik an Rumsfeld wird auch nach seinem Tod vor wenigen Tagen nicht verhallen.