Barack Obama hatte noch einen zumindest kleinen Silberstreif am Horizont gesehen. "Auch wenn es in Afghanistan noch dunkle Tage geben wird, ist das Licht eines sicheren Friedens in der Ferne zu erkennen. Diese langen Kriege werden zu einem verantwortungsvollen Ende kommen", sagte der US-Präsident im Juni 2011. Damals waren schon knapp zehn Jahre seit dem Beginn des US-geführten Einsatzes am Hindukusch vergangen.

Ein knappes Jahrzehnt später ist der damals mit zaghafter Hoffnung skizzierte "sichere Friede" immer noch nicht in Sicht, dafür aber das ebenso abrupte wie unmittelbare Ende des militärischen Engagements der USA in Afghanistan. Nachdem am Freitag die Luftwaffenbasis Bagram geräumt und an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben wurde, deutet vieles darauf hin, dass der vollständige Abzug der US-Truppen schon am US-Nationalfeiertag am 4. Juli vollzogen sein könnte.

Sowjetisches Erbstück

Die Schließung von Bagram hat dabei besondere Symbolkraft. Denn wie keine andere Militäreinrichtung stand die größte US-Basis in Afghanistan für das Auf und Ab des militärischen Abenteuers am Hindukusch. Bagram spiegelt den kompromisslosen Drang, die 9/11-Attacken zu sühnen, ebenso wider wie die oft erfolglosen Versuche, in einem aufreibenden Krieg der Guerilla-Strategie der Taliban etwas entgegenzusetzen.

Die Geschichte der Basis reicht allerdings noch viel weiter in die Vergangenheit zurück als die des US-Militäreinsatzes in Afghanistan. Mehr Glück als die Amerikaner hatten aber auch die ursprünglichen Erbauer mit Bagram nicht. Die Sowjets errichteten den Flugplatz in den 1950ern und machten ihn beim Einmarsch in Afghanistan im Jahr 1979 zu ihrer Hauptoperationsbasis. Zehn Jahre lang bekämpften sie von hier aus die Mudschahedin, die - der Logik des Kalten Krieges folgend - von den USA unterstützt wurden. Der damalige US-Präsident Ronald Reagan bezeichnet die Mudschahedin als "Freiheitskämpfer" und schickte Geld und Waffen.

Die Kreml-treue Regierung in Kabul kollabierte schließlich 1992, drei Jahre nach dem Fall der Sowjetunion. Die Mudschahedin als neue Herren über Afghanistan und Bagram verstrickten sich jedoch in Diadochenkriege und ebneten so den Weg für die Taliban, die 1996 die Hauptstadt überrannten. Als die USA und die Nato diese 2001 zurückdrängten und Bagram übernahmen, fanden sie vor allem Ruinen vor, eine Ansammlung bröckelnder Gebäude, gezeichnet von Einschusslöchern und Raketentreffern. In den darauffolgenden Jahren wurde der Luftwaffenstützpunkt mit enormem Mitteleinsatz auf- und ausgebaut. Bagram wuchs explosionsartig, am Ende umfasste die eine Autostunde nördlich von Kabul gelegene Basis eine Fläche von fast 80 Quadratkilometern.

2006 wurde in Bagram um fast 100 Millionen Dollar auch eine zweite Startbahn gebaut, um die Luftschläge, die bis zuletzt das wichtigste Mittel im Kampf gegen die Taliban waren, noch effizienter abwickeln zu können. Ebenfalls auf dem Gelände untergebracht waren neben zahlreichen Wohn- und Versorgungsgebäuden auch eine Traumaklinik, mehrere Fitness-Center und Fastfood-Restaurants. Mehr als 100.000 Menschen haben nach Schätzung des Militäranalysten Jonathan Schroden in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine signifikante Zeit ihres Lebens auf der Basis zugebracht. "Bagram ist für viele US-Militärangehörige ein zentraler Teil ihrer Kriegserinnerung", sagt er zur Nachrichtenagentur AP.

Zurück bleibt Schrott

Aber auch für viele Afghanen spielte Bagram eine wichtige Rolle. Tausende Einheimische, die jeden Tag eine Stunde oder länger in den langen Schlangen vor den Sicherheitsschleusen am Eingang verbrachten, fanden auf dem Stützpunkt einen Job. Gleichzeitig kamen über Bagram unzählige westliche Güter ins Land, die in der Folge auf dem nach dem früheren US-Präsidenten George W. Bush benannten "Bush-Bazar" in Kabul landeten - von Protein-Shakes bis zu Parmesan.

Nun lassen die Amerikaner vor allem Schrott zurück. Ein kleiner Teil der US-Ausrüstung wurde zwar an die afghanischen Sicherheitsbehörden übergeben, der Großteil von dem, was nicht mitgenommen werden konnte, wurde aber zerstört, um zu verhindern, dass es den Taliban, die in den vergangenen Wochen einen Bezirk nach dem anderen zurückerobert haben, in die Hände fällt. Zuletzt verließen täglich dutzende Lkw mit Schrott von zerstörten Fahrzeugen und anderer Ausrüstung die Basis.

In Bagram lassen die USA dennoch ein unmittelbares Sicherheitsproblem zurück. So befindet sich auf dem Gelände ein berüchtigtes Gefängnis, in dem viele tausende - auch zahlreiche hochrangige - Taliban inhaftiert sind. "Wenn die Basis erobert und das Gefängnis überrannt wird, werden die Häftlinge kurz darauf die Ränge der Terrorgruppen verstärken", sagt Bill Roggio von der Denkfabrik Foundation for the Defense of Democracies. Der Fall Bagrams stünde dann wohl am Anfang jenes Endes, das in den USA ohnehin für nahezu unausweichlich gehalten wird. US-Geheimdienste gehen laut "Washington Post" davon aus, dass die afghanische Regierung in sechs bis zwölf Monaten stürzen könnte.