Bogota. Es ist ein Ergebnis, das für sich spricht und Hoffnung macht: Mit 96 von 155 Stimmen wurde Elisa Loncon zur Präsidentin der verfassungsgebenden Versammlung in Chile gewählt. Sie steht damit einem Gremium vor, das gewählt wurde, um dem südamerikanischen Land eine neue Verfassung zu geben. Die alte stammt in Teilen noch aus der brutalen rechten Militärdiktatur von General Augusto Pinochet aus dem vergangenen Jahrhundert. Sie wurde auch dazu benutzt, unter dem Vorwurf des Terrorismus aufständische Ureinwohner zu verhaften und einzusperren.

Nun wird eine Frau das Gremium leiten, die selbst aus dem Volk der Mapuche stammt. Eine historische Chance für das Land, die verschiedenen kulturellen Gruppen und Ethnien verfassungsrechtlich gleichzustellen und damit eine Versöhnung einzuleiten.

Welche Strahlkraft die Meldung kontinental hatte, ist aus der Tatsache herauszulesen, wie viele Grußbotschaften aus anderen Ländern in Chile eintrafen. "Loncon hat die Führung dieser Institution in Repräsentation der indigenen Völker übernommen, mit dem Ziel, den Traum von einer plurinationalen Gesellschaft in unserem Brudervolk umzusetzen", schrieb beispielsweise die Nationale Indigenen-Organisation Coanie aus Ecuador. Die indigenen Völker Lateinamerikas schauen genau hin, was nun in Chile passieren wird.

Damit ist die Messlatte allerdings gleich sehr hochgelegt. Loncon ist zunächst einmal als Vermittlerin gefragt, die die unterschiedlichen gesellschaftlichen Fliehkräfte eines Landes nun unter einen Hut bringen soll. Die Herausforderungen wie auch die Erwartungshaltung sind enorm: Die Wirtschaft muss mit dem Umweltschutz versöhnt werden. Die europäisch-stämmige Bevölkerung und die Mapuche müssen eine Art neuen Gesellschaftsvertrag aushandeln. Es geht um Privilegien, um Zugang zu Bildung, zur Macht, zum Gesundheitswesen. Es geht um Geschlechtergerechtigkeit, um historische Ungerechtigkeiten. Das ist eine immense Aufgabe, die auch ein gewisses Gefahrenpotenzial mit sich bringt. Es ist nämlich auch theoretisch denkbar, dass die verfassungsgebende Versammlung bei diesem Versuch scheitert.

Gleich nach ihrer Wahl kündigte Loncon an, sich für ein diverses, multikulturelles und multi-ethnisches Chile einzusetzen. Indirekt forderte sie eine Amnestie für jene, die während der Demonstrationen verhaftet worden waren. Mit einer "inhaftierten Jugend und inhaftierten Mapuche lebt die Demokratie nicht", sagte Loncon. "Ich möchte allen dafür danken, dass sie eine Mapuche und eine Frau gewählt haben, um die Geschichte dieses Landes zu verändern." Sie hielt die Ansprache auf Mapudungun, der Sprache der Mapuche, und auf Spanisch. Ein erster Fingerzeig, dass diese Sprachen und damit auch die gesellschaftlichen Kräfte künftig gleichberechtigt nebeneinander stehen sollen. "Dieser Konvent wird Chile in ein plurinationales Chile, in ein interkulturelles Chile verwandeln." Ein Versprechen, an dem sich Loncon messen lassen muss.

Die Bedeutung dieses Momentes ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. In jüngerer Vergangenheit gab es keine indigene Frau in Lateinamerika, die vom politischen Rang her eine ähnlich hohe Position eingenommen hätte. Gelingt es Loncon, eine Verfassung auszuarbeiten, mit der die Mehrheit der Chilenen einverstanden ist, wäre das ein Schritt zu einer bemerkenswerten Versöhnung, mehr als 500 Jahre nach der Eroberung der Neuen Welt durch die Europäer.