Die radikal-islamischen Taliban kontrollieren eigenen Angaben zufolge inzwischen 85 Prozent von Afghanistan. Dies erklärte ein Taliban-Abgesandter am Freitag in Moskau. Die Taliban rücken seit Wochen vor. Vorausgegangen war der Beginn des Abzuges ausländischer Truppen. US-Präsident Joe Biden verteidigte die Entscheidung, die US-Soldaten bis Ende August vollständig zurückzuholen.

Die Afghanen müssten selbst entscheiden, wie ihre Zukunft und ihr Land gestaltet werden sollte, sagte er am Donnerstagabend in Washington. Er werde keine weitere Generation von Amerikanern in den Krieg nach Afghanistan schicken. Die deutsche Bundeswehr, die in Kunduz im Norden stationiert war, hatte am 30. Juni ihren Einsatz beendet und die letzten Soldaten abgezogen.

Die Taliban nahmen unterdessen zwei Orte an den Grenzen zum Iran und zu Turkmenistan ein, durch die wichtige Handelsrouten verlaufen. Dies teilten Vertreter der westafghanischen Provinz Herat am Freitag mit.

Kommerzielle Aktivitäten gestoppt

Der Ort Islam Kala sei ohne Widerstand der Sicherheitskräfte gefallen. Den Angaben zufolge betrugen die Zolleinnahmen der Regierung trotz verbreiteter Korruption dort umgerechnet mehr als drei Millionen Euro täglich. Alle kommerziellen Aktivitäten würden nun gestoppt. Islam Kala galt als wichtiger Knotenpunkt für den Handel per Lastwagen mit dem Iran.

Auch Torghundi im Norden von Herat sei an die Taliban gefallen. Durch die Grenzstadt verläuft eine für Afghanistan wichtige Handelsroute, über die das Land bisher unter anderem einen Großteil seines Gases und Treibstoffs einführt. Torghundi war bisher auch für den Export afghanischer Produkte ins Ausland bedeutend, auch nach Europa.

Von 1996 bis zu ihrem Sturz durch die US-geführten Truppen 2001 hatten die Taliban Afghanistan beherrscht und die Menschenrechte, vor allem die Rechte der Frauen, massiv beschnitten. Die USA intervenierten in Afghanistan an der Spitze eines NATO-Bündnisses kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Die Taliban-Regierung in Kabul hatte sich geweigert, gegen die Al-Kaida von Osama bin Laden, dem Drahtzieher der Anschläge in den USA, vorzugehen und wurden rasch gestürzt. Allerdings zogen sich ihre Kämpfer unter anderem ins Nachbarland Pakistan zurück und formierten sich neu. (apa)