Die kommunistischen Alleinherrscher auf Kuba sind mit einem Aufbegehren konfrontiert, das sie nur selten erleben. Tausende Menschen sind gegen die Machthaber auf die Straßen gegangen, und das gleich in mehreren Städten: in der Hauptstadt Havanna, in San Antonio de los Banos oder auch in Holguin und Santiago de Cuba. Die Demonstranten brachten dabei nicht nur ihren Unmut mit dem Corona-Management der Regierung und der wirtschaftlichen Misere zum Ausdruck, sondern auch umstürzlerische Töne waren zu hören. "Wir wollen Freiheit", skandierten die Demonstranten vor dem Kapitol in Havanna. Selbst der Slogan "Nieder mit der Diktatur!" wurde laut Zeugen gerufen. Zuletzt gab es Mitte der 1990er Jahre derart große Proteste.

Die Demonstrationen blieben großteils friedlich, doch Aufnahmen im Internet zeigen, wie wütende Demonstranten Polizeiautos umwerfen. Die Sicherheitskräfte wiederum gingen mit viel Härte vor: Die Polizei setzte Tränengas gegen die Protestierenden ein und nahm willkürlich einzelne Demonstranten fest. Reporter der Nachrichtenagentur AFP beobachteten, wie die Einsatzkräfte mit Plastikrohren auf die Demonstranten einschlugen. Die Amerika-Direktorin von Amnesty International, Erika Guevara-Rosas, stellte auf Twitter ein Video, das schießende Polizisten zeigt. Menschenrechtsorganisationen berichteten, dass Demonstranten von Kugeln verwundet wurden.

"Sie müssen über unsere Leichen gehen"

Zudem reagierte das Regime mit brachialer Rhetorik: "Wenn sie die Revolution bezwingen wollen, müssen sie über unsere Leichen gehen", verkündete Präsident und KP-Chef Miguel Diaz-Canel, der auch selbst nach San Antonio de los Banos fuhr. "Wir rufen alle Revolutionäre dazu auf, auf die Straßen zu gehen und die Revolution an allen Orten zu verteidigen."

Diaz-Canel hat die Führung der Kommunistischen Partei Kubas (PCC) von Raul Castro erst im April übernommen. Erstmals seit dem Sieg der Revolution von 1959 ist damit auf der sozialistischen Karibikinsel kein Mitglied der Familie Castro in einer Führungsposition. Allerdings ging der Wechsel an der Parteispitze nicht mit einer politischen Liberalisierung einher.

Und nun hat offenbar auch der Umgang der Partei mit dem Coronavirus den Zorn auf die Machthaber angefacht. Das 11-Millionen-Einwohner-Land hat zuletzt einen sprunghaften Anstieg der Fälle erlebt und meldete am Sonntag einen neuen Höchststand an Infektionen und Todesfällen. Binnen 24 Stunden verzeichnete Kuba 6.923 Neuinfektionen und 47 Todesfälle. "Wir wollen Impfungen", haben laut Medienberichten einige Demonstranten auch gerufen.

Zudem befindet sich die Karibinsel in einer wirtschaftlichen Misere. Unter Donald Trump haben die USA ihre Sanktionen kräftig verschärft, um Kuba noch stärker zu isolieren. Besonders hart triff das Land, dass Auslandsüberweisungen der in den USA lebenden Exil-Kubanern ein Riegel vorgeschoben wurde.

Mit der Corona-Krise ist eine weitere wichtige Säule für Kuba zusammengebrochen: der Tourismus, der mit den ausländischen Gästen auch Devisen ins Land gebracht hat. Mittlerweile haben sich die Lebensmittel verteuert und sind teilweise auch immer schwerer zu bekommen. "Patria y Vida" (Vaterland und Leben) schrien daher manche Demonstranten - eine Anspielung auf Fidel Castros Leitspruch "Patria o Muerte" (Vaterland oder Tod).

Ob die Demonstrationen nur eine einmalige Unmutsäußerung waren oder daraus eine länger anhaltende Protestwelle entsteht, wird sich erst weisen. Beunruhigend für das Regime ist, dass die Proteste gleich an mehreren Orten stattfanden und somit bereits weite Teile des Landes erfasst haben.

Zwar war aus den Reihen der KP auch Verständnis für die Anliegen der Demonstranten zu hören. Mit seiner brachialen Rhetorik hat Präsident Diaz-Canel aber vor allem eine deutliche Warnung an die Demonstranten ausgesprochen. Zudem gibt es Berichte, dass die Staatsführung bereits Teile der Streitkräfte mobilisiert und Einheiten in die Städte entsandt hat. Das Regime will offenbar die Proteste so schnell wie möglich im Keim ersticken.(apa/klh)