Brände, Schüsse, Chaos und machtlose Polizisten: In Südafrikas Wirtschaftszentrum rund um Johannesburg sowie in der östlichen KwaZulu-Natal-Provinz tobt seit Tagen die Gewalt. Es gibt Tote und Verletzte, brennende Einkaufszentren und blockierte Autobahnen und Fernstraßen.

Die Ausschreitungen bringen wichtige Logistikketten, aber auch Busse und Bahnen in Afrikas stärkster Wirtschaftsnation zum Stillstand. Die Gewaltbereitschaft schockiert. Am Montagabend sprach Präsident Cyril Ramaphosa in seiner Rede an die Nation noch von insgesamt zehn Toten und vier verletzten Polizisten, wenige Stunden später lag die Zahl der ums Leben gekommenen Menschen schon bei fast 40. "Anarchie", titelte die Zeitung "The Citizen" auf ihrer ersten Seite.

Während Ramaphosas Rede an die Nation zeigte das Fernsehen Live-Bilder aus einem Einkaufszentrum in Durban, in dem Menschen ungehindert mit Körben und anderen Behältern zum Plündern schlenderten. "Das sind nicht wir", sagte ein ernst dreinblickender Präsident.

Machtlose Polizisten

Was als örtliche Proteste gegen die Inhaftierung von Ex-Präsident Jacob Zuma begann, hat sich längst verselbstständigt und eine neue Dynamik entfaltet. Vor dem Hintergrund der allgemeinen Frustration vieler Südafrikaner über die durch Covid-Beschränkungen noch verstärkte Arbeits- und Perspektivlosigkeit sowie krasse Ungleichheit brach sich plötzlich eine Art kollektiver Rausch Bahn.

"Das wirkt wie ein Schlussverkauf kurz nach Weihnachten", sagte ein Reporter, der mit Polizisten ganze Menschenscharen beim Plündern beobachtete. Augenzeugen berichteten vor laufender Kamera über Menschen, die mit Mittelklassewagen vorfuhren und Kühlschränke, Betten, Kleider, Schuhe oder selbst Möbel wegschafften. Die Ordnungshüter mussten angesichts der krassen Überzahl machtlos zusehen oder vor Steinewerfern in Deckung gehen. Plünderer spielten Katz und Maus und kamen zurück, sobald die Polizisten weg waren.

Weggetragen wurde alles, was sich irgendwie mitnehmen ließ: Handys, TV-Geräte, Taschen voller Lebensmittel, aber auch Türen oder Kassen. Selbst das Bild eines jungen Plünderers mit einem großen Sexspielzeug in der Hand machte die Runde in den Sozialen Medien. Dort organisierten sich - etwa in Durban - Nachbarschaftshilfen, um ein Überschwappen der Anarchie in die Wohngebiete zu verhindern.

Die Küstenstadt in der Provinz KwaZulu-Natal verfügt über einen der wichtigsten Häfen des Kontinents - die Autobahn N3 von Durban ins Industriezentrum rund um Johannesburg ist daher eine der wichtigsten Verkehrsachsen des Landes. Nun ist sie angesichts der vielen abgefackelten Lastwagen auf unbestimmte Zeit geschlossen. Präsident Ramaphosa warnte davor, dass dadurch die Nahrungssicherheit wie auch die Impfkampagnen gegen Covid-19 nachhaltig gefährdet seien.

Kampf an mehreren Fronten

Obwohl Nelson Mandelas Traum einer friedvollen Regenbogennation in der Vergangenheit schon immer wieder getrübt wurde durch fremdenfeindliche Gewaltexzesse gegen Afrikaner aus anderen Teilen des Kontinents, droht nun ein Alptraum. "Ramaphosa erklärt uns, dass er keine Kontrolle mehr hat", sagte der Sprecher der oppositionellen Economic Freedom Fighters (EFF), Vuyani Pemba, in einem TV-Interview.

Tatsächlich kämpft der Präsident gleich an mehreren Fronten: Einerseits muss er galoppierende Infektionszahlen der mittlerweile dritten Corona-Welle stoppen, andererseits muss er seinen Afrikanischen Nationalkongress (ANC) reformieren, der in der Amtszeit seines Vorgängers Jacob Zuma zunehmend zum Sumpf einer Klientel- und Günstlingsclique wurde. Zumas Inhaftierung galt daher als wichtige Bewährungsprobe für die noch junge Demokratie.

Ramaphosa, der als ehemaliger Unternehmer wirtschaftliche Erfahrung mitbringt, muss zudem dringend für eine Belebung des Arbeitsmarktes sorgen. Denn eine der weltweit härtesten Ausgangssperren hat die Wirtschaftskrise der Vor-Pandemie-Zeit noch verschärft. Ganze Industrien - etwa im Tourismus - ächzten unter Restriktionen. Viele Betriebe gaben auf. Wer durchhielt, ist nun mit neuen Sorgen konfrontiert: Ladeneinrichtungen werden zerstört, Waren geplündert, Geld fehlt in der Kasse. Zahlreiche Jobs drohen wegzufallen. Das Militär soll nun mit der Polizei Ruhe und Ordnung wieder herstellen - was wiederum dem populistischen EFF-Chef Julius Malema missfällt. Er kündigte für den Fall der Mobilisierung der Armee Proteste seiner Anhänger an.(dpa)