Es ist ein weiterer Beleg dafür, mit welcher Grausamkeit der Krieg in der äthiopischen Region Tigray geführt wird: Einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge sind rund 30 Leichen in einem Fluss im Sudan angeschwemmt worden, die offenbar aus dem benachbarten Äthiopien stammen. Viele von ihnen waren gefesselt und wiesen Schusswunden auf. Tewodros Tefera, ein aus Tigray geflohener Arzt, sagte, dass er vier Leichen als Tigriner aus seiner Heimatstadt Humera identifiziert habe. Die äthiopische Armee oder äthiopische Behörden waren vorerst zu keinem Kommentar bereit.

Die Situation in Tigray ist offenbar dem äthiopischen Premier Abiy Ahmed vollkommen entglitten. Im November vergangenen Jahres ist er in die Schlacht gezogen und wollte mit einer kurzen Offensive den aufständischen Tigrinern klarmachen, wer Herr im äthiopischen Vielvölkerstaat ist. Mittlerweile ist die Region in einem bereits mehrere Monate anhaltenden Bürgerkrieg versunken - und dieser hat Abyi schon enorm viel Ansehen gekostet und könnte ihn sogar um sein Amt bringen.

Angelobung neuer Soldaten: Äthiopien muss immer mehr Kämpfer rekrutieren. 
- © APAweb / AFP / Amanuel Sileshi

Angelobung neuer Soldaten: Äthiopien muss immer mehr Kämpfer rekrutieren.

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Die TPLF hat viel Erfahrung auf ihrer Seite

Denn das Blatt hat sich zusehends gewendet: Anfänglich sah es so aus, als würde die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) tatsächlich schnell besiegt sein. Mit der äthiopischen Armee, mit Milizen der Amhara-Volksgruppe und offenbar auch mit Hilfe von Kämpfern aus Eritrea hatten Abyis Kräfte die TPLF zunächst überrannt, deren Kämpfer in die Berge flohen. Doch Mitte Juni hat die TPLF eine Gegenoffensive gestartet und mittlerweile hat sie die Provinzhauptstadt Mekele zurückerobert. Die bewaffneten Kräfte der Tigriner sind auch schon in benachbarte Provinzen eingedrungen und könnten sogar wichtige Versorgungswege in die Hauptstadt Addis Abeba blockieren - was innenpolitisch eine Katastrophe für Abiy wäre.

Es hat sich erwiesen, dass die TPLF nicht so leicht zu besiegen ist, weil sie viel Erfahrung in ihren Reihen hat. Denn die Tigriner hatten die Rebellion gegen das kommunistische Militärdiktatur Anfang der 1990er Jahre angeführt. Nach deren Sturz waren sie fast drei Jahrzehnte lang die einflussreichste Ethnie in Politik und Militär. Abyi, der halb Oromo und halb Amhara ist, hat sie entmachtet, wogegen sich die TPLF gewehrt hat. Das ist die Wurzel des gegenwärtigen Konflikts - der immer unheilvoller eskaliert.

Es spielt sich eine humanitäre Katastrophe ab

Es habe leider eine gewisse Tradition in Äthiopien, dass man den Gegner zunächst zerstöre - und dann vielleicht verhandle, zitiert die "Süddeutsche Zeitung" einen Analysten der Region. Die Tigriner haben während ihrer Herrschaft gezeigt, wie brutal sie gegenüber Gegnern sein können - viele Konflikte wurden mit Gewalt gelöst. Abiy wiederum hört sich überhaupt nicht mehr wie ein Friedensnobelpreisträger - er hat die Auszeichnung für den Aussöhnungsprozess mit Eritrea erhalten - an und bezeichnet die TPLF nun als "Krebsgeschwür", das vernichtet werden müsse.

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Im gegenwärtigen Konflikt werfen beide Seiten einander massive Übergriffe, auch an Zivilisten, vor - da Äthiopiens Regierung keine unabhängigen Beobachter in die Region lässt, ist eine Überprüfung schwierig. Auf alle Fälle rückt das unaufhaltsame Morden eine Versöhnung in weite Ferne und verschärft ethnische Konflikte, etwa zwischen Tigrinern und Amharen, noch einmal.

Die Zivilbevölkerung zahlt bereits einen hohen Preis für die Kriegstreiberei: In Tigray spielt sich eine humanitäre Katastrophe ab. Nach UN-Angaben droht mehr als 100.000 Kindern eine lebensbedrohliche Unterernährung, viel zu wenige Hilfskonvois würden in die betroffenen Regionen durchgelassen werden.