Die Flaggen in Beirut sind heute auf Halbmast gesenkt.

Ein Jahr nach der gewaltigen Explosion in der libanesischen Hauptstadt tragen viele Bürger noch immer Trauer. Bei dem Unglück gab es 200 Tote und mehr als 6.000 Verletzte. Die Beiruter warten noch immer auf Antworten seitens der Politik. 

Denn bis heute sind die genauen Umstände der Explosion am Hafen der Hauptstadt ungeklärt: Verursacher der Detonation soll die falsche Lagerung der hochexplosiven Chemikalie Ammoniumnitrat gewesen sein. Diese soll jahrelang ungeschützt am Hafen aufbewahrt worden sein. 

Die Vereinten Nationen fordern eine Aufklärung der Explosionsursache ein. Michelle Bachelet, die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, verlangt, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, besonders da die Explosion die Not im Land noch vergrößerte. 

Bevölkerung in immer größerer Armut

Der Libanon ist kein wohlhabender Staat, und die Bevölkerung ist seit dem Unglück in noch größere Armut gerutscht. "Die Situation ist extrem dramatisch: der Staat ist pleite, die Landeswährung hat 90 Prozent ihres Werts verloren, es wurden immer noch keine höheren Entscheidungsträger nach der Explosion zur Rechenschaft gezogen", sagt Simona Mencinger, die für das Österreichische Rote Kreuz (OeRK) im Libanon arbeitet, im Gespräch mit der Austria Presseagentur. Ganze Familien haben nur noch rund 50 Dollar pro Monat zur Verfügung, davon könnten sie sich nicht einmal die Grundnahrungsmittel leisten. 

Laut einer Telefonstudie mussten sieben von zehn Haushalten nach der verheerenden Explosion grundlegende Hilfe beantragen. Besonders Bargeld und Lebensmittel waren gefragt. 

Diese Notlage zwinge immer mehr Libanesen dazu, ihre Heimat zu verlassen: "Jene Leute, die keinen Glauben mehr an eine gute Zukunft im Libanon haben, verlassen bei erster Gelegenheit das Land", berichtet die Delegierte des OeRK weiter. Davon betroffen seien auch die rund 1,5 Millionen Flüchtlinge, von denen die meisten aus Syrien stammen. 

Das Coronavirus als neue Hürde

Auch das Coronavirus machte vor dem kleinen Staat am Mittelmeer keinen Halt: Ganze Krankenhäuser waren ausgelastet, es herrschte ein Sauerstoffmangel, und nur ein harter Lockdown konnte die Lage vor einer Eskalation bewahren. Bei einer Impfrate von lediglich 14 Prozent bleibt die Angst, besonders vor der Delta-Variante des Virus, weiterhin bestehen. (apa)