Alle zwei Stunden ist in Bagdad der Strom weg. Dann gehen die Lichter aus, die Kühlschränke und Gefriertruhen, das Internet und die Klimaanlagen, was bei 50 Grad Außentemperatur schnell die Innenräume aufheizt. Wer Geld hat, kann sich einen eigenen Generator leisten oder Kapazitäten beim Distriktgenerator kaufen, ein professionell betriebener Großgenerator, der mehrere Straßen mit Strom versorgt und die Zeit bis zum nächsten Stadtstromschub überbrückt. 15 Ampere kosten 250.000 irakische Dinar im Monat, etwa 150 Euro. Damit läuft dann eine Klimaanlage pro Wohnung, das Internet, der Kühlschrank und einige Lampen. Zu mehr reicht es nicht, und viele können sich nicht mal das leisten.

Die Pandemie hat auch im Irak die Armut wachsen lassen. Es gibt keine staatliche Unterstützung, jeder ist auf sich selbst gestellt. Und das in einem Land, das zu den ölreichsten der Welt zählt. Es ist ein Skandal. Deshalb gehen die Menschen im Irak jedes Jahr aufs Neue auf die Straße, jeden Sommer, immer wieder. Beamte werden gefeuert, Minister treten zurück. Und jedes Jahr müssen sie feststellen, dass noch immer nichts besser geworden ist.

Korruption und Sabotage

Korruption und Sabotage sind dafür verantwortlich und die rasant wachsende Bevölkerung, die mehr Energie konsumiert, als die Pläne der Ministerien und deren Ausrichtung vorsehen. Auch die durch die Hitze durchgeschmorten Elektrokabel, die das Versorgungsnetz zeitweise zum Erliegen bringen, tragen eine Mitschuld. Doch dies alles zusammen reicht nicht, um zu erklären, dass nur etwa die Hälfte des Strombedarfs gedeckt wird.

Merkwürdig auch, dass gerade in Bagdad und im Süden der Strom besonders knapp ist, dort, wo die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) nie Fuß fassen konnte. Nicht wie im Norden, wo sie ihr Kalifat errichtet hat und verbrannte Erde hinterließ, als sie abzog. Bagdad und der Südirak blieben verschont von der Verwüstung der Dschihadisten. Warum also diese Stromknappheit?

Was in den letzten Jahren gerne verheimlicht wurde, wird jetzt offen ausgesprochen: Der Iran ist schuld an dem Stromdebakel im Irak. Er dreht dem Nachbarn die Energie ab. Gas- und Elektrizitätsexporte in den Irak wurden in den letzten Wochen drastisch eingeschränkt, ja sogar gänzlich ausgesetzt. Dabei steht der Iran für gut ein Drittel der Stromversorgung des Nachbarn.

Teheran gibt an, Bagdad habe seine Rechnungen nicht bezahlt. Irak hält dagegen, dass dies unter den US-Sanktionen schwierig sei, weil die Amerikaner einen Finanztransfer in Dollar nicht dulden. Der Ball wird hin- und hergeschoben. Dass keiner der beiden auf die Idee kommt, den Deal in lokaler Währung abzuwickeln, in irakischen Dinar, der an den Dollar gekoppelt ist und seit Jahren eine erstaunliche Stabilität aufweist, macht deutlich, dass die Gründe vorgeschoben sind.

Denn auch im Iran gehen gerade wieder Menschen auf die Straße, weil zu wenig Strom aus der Steckdose kommt. In Shiraz, Amol und Teheran rufen wütende Demonstranten gar "Tod dem Diktator, Tod für Khamenei", dem alles entscheidenden Ajatollah. Um die aufgebrachten Demonstranten zu beschwichtigen, entschuldigte sich der zuletzt noch amtierende Präsident Hasan Rohani beim Volk. Die Energieknappheit sei auf eine dramatische Dürre und erhöhten Strombedarf zurückzuführen. Die Wasserkraftwerke stünden still, die Hitze ließe den Bedarf ins Unermessliche steigen.

Wechselweise Abhängigkeit

Doch die Leute nehmen ihm das nicht ab. Ein Video, das auf Social Media schnell Verbreitung fand, zeigt eine alte Frau in der nördlichen Stadt Gorgan, die öffentlich die Korruption in den Energiebehörden für die Engpässe verantwortlich macht: "Das Einzige, was ihr für uns getan habt, ist, uns zu zwingen, den Schleier zu tragen", schreit sie aus sich heraus.

Die Geschichte zeigt, wie sehr der Iran mit dem Irak verbunden ist und wie sehr beide Länder voneinander abhängen. Liefert der Iran keine Energie an den Irak, gehen die Lichter in Bagdad und im Süden aus und die Menschen gegen die Regierung auf die Straße. Umgekehrt ist es der Fall, wenn der Iran Energie liefert und sie seinen eigenen Leuten vorenthält.

Und es gibt viele in beiden Ländern, die daran nichts ändern wollen und es vehement hintertreiben, dass der Irak versucht, auf eigenen Beinen zu stehen. Milizen im Irak, die dem Iran zugehörig sind, und die Republikanische Garde Teherans verdienen am Energiegeschäft kräftig mit. So ist die Meldung der irakischen Regierung, sie wolle acht Atomkraftwerke bauen, um die Selbstversorgung zu gewährleisten, mehr als fragwürdig und kann als Wunschdenken abgestempelt werden. Der Iran wird dies nicht zulassen und alles tun, um den Plan zu hintertreiben.