Trotz der zwei Jahrzehnte währenden internationalen Truppenpräsenz am Hindukusch haben die Taliban nur wenige Monate gebraucht, um weite Teile Afghanistans zurückzuerobern. Im Norden des Landes erobern die Islamisten Provinzhauptstadt um Provinzhauptstadt, zuletzt ist das strategisch wichtige Kunduz in die Hände der Taliban gefallen.

Der Westen schaut dem Vormarsch tatenlos zu, wendet sich ab - ohne Plan, wie es weitergehen soll. Fehlende Langzeit-Strategien und unrealistische Ziele gepaart mit persönlichen Eitelkeiten von Generälen - allen voran in den Reihen des US-Militärs - sind nach Einschätzung von Experten als Gründe des Scheiterns in Afghanistan hervorzuheben.

Die Entscheidung zum Rückzug "wurde im vollen Bewusstsein getroffen, dass das, was wir jetzt sehen, passieren könnte", sagt Laurel Miller, die frühere US-Sondergesandte für Afghanistan und Pakistan unter Präsident Barack Obama und in den ersten Monaten der Regierung von Donald Trump, der 2020 ein Abkommen mit den Taliban schloss.

Bis Ende August will die Regierung von Trumps Nachfolger Joe Biden trotz der instabilen Lage vor Ort alle Soldaten aus dem Land abgezogen haben - und damit den längsten Krieg der USA endgültig beenden.

Zu kurzfristig gedacht

"Wir sind mit der Idee nach Afghanistan gekommen, eine starke Zentralregierung zu schaffen. Das war ein Fehler", sagte der US-Sondergeneralinspekteur für den Wiederaufbau Afghanistans, John Sopko, Ende Juli im Gespräch mit Journalisten. Die Experten hätten gewusst, dass das Land für eine solche Regierungsstruktur nicht geeignet ist, aber "niemand hat auf sie gehört".

Sopkos Aufgabe besteht seit 2012 darin, die Wirksamkeit der militärischen und entwicklungspolitischen Anstrengungen zu überwachen und den US-Kongress zu beraten. Nach seiner Einschätzung setzten sich die Generäle in Afghanistan vor allem kurzfristige Ziele, um bei ihrem Abgang zwei oder drei Jahre später einen Erfolg präsentieren zu können. Dabei hätten die Wiederaufbaubemühungen Zeit und Aufmerksamkeit erfordert angesichts der logistischen Herausforderungen in einem Land, in dem nur 30 Prozent der Bevölkerung rund um die Uhr Strom haben.

Der Sondergeneralinspekteur warf den Generälen vor, das Ausmaß der Probleme ignoriert zu haben. "Immer wieder änderte das Militär die Ziele, sodass es einfacher war, einen Erfolg zu verkünden", sagte der Jurist. "Und als das nicht mehr möglich war, stuften sie die Ziele als geheim ein." Der ehemalige Pentagon-Berater Carter Malkasian beschreibt in seinem kürzlich veröffentlichten Afghanistan-Buch verschiedene Fehlannahmen auf US-Seite, die zum Scheitern führten. "Die bloße Anwesenheit der Amerikaner in Afghanistan setzte sich über die Idee einer afghanischen Identität hinweg, die auf Nationalstolz, einer langen Geschichte des Kampfes gegen Eindringlinge und einer religiösen Verpflichtung zur Verteidigung des Heimatlandes beruht", schreibt Malkasian. "Wir dachten, dass bestimmte Dinge in Afghanistan möglich wären: die Taliban zu besiegen oder die Unabhängigkeit der afghanischen Regierung zu ermöglichen", schreibt er weiter. "Doch sie waren es offenbar nicht."

Auch ein kürzlich veröffentlichter Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) benennt klar die Fehler Washingtons: "Die Tendenz der USA, kurzfristigen militärischen Erfolgen Vorrang vor der Schaffung wirklich demokratischer Institutionen oder dem Schutz der Menschenrechte zu geben, hat der US-Mission und allen Wiederaufbaubemühungen nach 2001 einen tödlichen Schlag versetzt." Das Misstrauen der Bevölkerung ermögliche nun den Taliban ihren Vormarsch.

Verfall in rasantem Tempo

Bei den diplomatischen Gesprächen in Doha versuchten die USA bisher ohne Erfolg, die Taliban mit der Drohung als "Paria-Staat", also einer geächteten, isolierten Nation, unter Druck zu setzen - weil sie keine anderen Mittel mehr zur Verfügung haben, sagt Miller.

Den radikalen Islamisten wären zwar Legitimität und finanzielle Unterstützung der internationalen Gemeinschaft lieber, führt die Expertin weiter aus. "Aber ihre Priorität ist es, die Macht zu übernehmen - und wenn sie zwischen Legitimität und Macht wählen müssen, werden sie die Macht wählen."

Unterdessen gehen die US-Geheimdienste davon aus, dass Kabul noch rascher als bisher angenommen in die Hände der Aufständischen fallen wird. Der Zusammenbruch könnte in 30 bis 90 Tagen erfolgen, berichtete die "Washington Post" unter Berufung auf nicht genannte Quellen in den US-Geheimdiensten. Noch im Juni hatten US-Geheimdienstmitarbeiter die Lage so eingeschätzt, dass Kabul in einem Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten nach dem Abzug des US-Militärs unter Kontrolle der Taliban geraten könnte.

Zuletzt hat US-Präsident Joe Biden die Afghanen aufgerufen, den Taliban endlich echten Widerstand entgegenzusetzen. Die Afghanen müssten nach den Nato-Abzug nun "selbst kämpfen, um ihren Staat kämpfen". Ihre Streitkräfte seien den Taliban militärisch überlegen, auch in Bezug auf die Truppenstärke, so der US-Präsident. (afp)