Nach der Eroberung von Kunduz durch die radikalislamischen Taliban sind viele Bewohner aus Angst um ihr Leben in andere Teile des Landes geflohen. Die Kämpfer der islamistischen Miliz patrouillieren in den Straßen der Stadt im Nordosten Afghanistans auf Motorrädern und Militärfahrzeugen, die sie der afghanischen Armee abgenommen haben. Der Triumph nach der Einnahme der strategisch wichtigen Stadt am Sonntag stand vielen ins Gesicht geschrieben.

Einige posierten mit erbeuteten Waffen und Ausrüstung für Fotos. Ein bärtiger Kämpfer in Tarnkleidung, das Gewehr geschultert, grinste bis über beide Ohren, als er eine Hand schüttelte, die ihm aus dem Fenster eines Autos entgegengereckt wurde.

Willkürliche Hinrichtungen

Seit dem Beginn des Abzugs der internationalen Truppen haben die Taliban weite Teile des Landes erobert. In den vergangenen Tagen trieben sie ihre Offensive rasch voran und eroberten binnen weniger als einer Woche insgesamt neun der 34 Provinzhauptstädte. Dabei gelang ihnen mit der Übernahme von Kunduz auch ihr bisher wichtigster militärischer Erfolg. Das afghanische Militär scheint dem rasanten Vormarsch der Taliban machtlos gegenüberzustehen.

In der 100 Kilometer südlich von Kunduz gelegenen Provinzhauptstadt Pul-i-Kumri wurden die Extremisten teilweise mit offenen Armen empfangen. Junge Männer scharten sich nur wenige Stunden nach der Niederlage der afghanischen Armee um die Taliban-Kämpfer, um Selfies mit ihnen zu machen. Auf dem zentralen Platz der Stadt wehte die weiße Fahne der Miliz, kaum etwas deutete auf die schweren Gefechte hin, die noch kurz zuvor dort stattgefunden hatten.

Doch Flüchtlinge berichteten von Gräueltaten der Islamisten, von willkürlichen Hinrichtungen, Enthauptungen und Entführungen von Mädchen zur Zwangsverheiratung. "Wir haben Leichen in der Nähe des Gefängnisses auf dem Boden liegen sehen", erzählte die 36-jährige Witwe Friba, die Kunduz am Sonntag mit ihren sechs Kindern Hals über Kopf verlassen hatte. Um die Leichen seien bereits Hunde gestreift. Wie viele Augenzeugen will auch sie ihren vollen Namen aus Angst vor Vergeltung nicht nennen.

Abdulmanan, auch er ein Vertriebener aus Kunduz, berichtete, dass einer seiner Söhne von den Taliban enthauptet worden sei. Sie hätten ihn gepackt, "als ob er ein Schaf wäre, haben ihm den Kopf mit einem Messer abgeschlagen und weggeworfen", sagte er. "Ich weiß nicht, ob seine Leiche von Hunden gefressen oder begraben wurde."

Die Berichte der Überlebenden lassen sich von unabhängiger Seite nicht überprüfen. Die Taliban leugnen jegliche Gräueltaten in den von ihnen eroberten Gebieten. Während ihrer Herrschaft von 1996 bis 2001 hatten sie jedoch ein brutales Regime mit einer ultrakonservativen Auslegung islamischen Rechts etabliert. Frauen durften das Haus ohne männlichen Begleiter nicht verlassen, auch das Arbeiten war ihnen untersagt. Mädchen war der Schulbesuch verboten, und selbst geringfügige Vergehen wurden mit öffentlichen Auspeitschungen und Hinrichtung bestraft.

Erdogan sucht das Gespräch

Trotz der Anwesenheit der gefürchteten Miliz nimmt das Leben in Kunduz jedoch langsam wieder seinen normalen Lauf. Rikscha-Fahrer warteten am Mittwoch unweit eines durch eine Explosion zerstörten Gebäudes auf Kunden, und das Hupen der Taxifahrer durchdrang die Luft. Doch die Bewohner haben Angst angesichts dessen, was sie unter einer neuen Taliban-Herrschaft erwarten könnte. "Die Menschen öffnen ihre Läden und Geschäfte wieder, aber man kann immer noch die Angst in ihren Augen sehen", berichtete der Ladenbesitzer Habibullah.

Kaum Berührungsängste scheint jedenfalls der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zu kennen. Er hat jetzt angekündigt, mit der Taliban-Führung über eine Deeskalation reden zu wollen. "Vielleicht werde ich sogar in der Lage sein, die Person zu treffen, die ihr Anführer ist", so Erdogan hoffnungsfroh.(afp)