Die Provinzhauptstädte fallen wie die Dominosteine, die Taliban erstürmen in Afghanistan eine nach der anderen. Die Offensive der Radikalislamisten vollzieht sich in einem derart atemberaubenden Tempo, dass die Radikalislamisten bald das ganze Land eingenommen haben könnten. Die afghanische Armee, die 20 Jahre lang von der internationalen Staatengemeinschaft ausgebildet wurde, scheint zusehends hilf- und wehrlos.

So haben die Taliban am Freitag Firuzkoh und Pul-i Alam eingenommen und haben damit schon mehr als die Hälfte der Provinzhauptstädte erobert. Und, ganz entscheidend  - sie haben die zweitgrößte Stadt Kandahar eingenommen. Diese ist von großer strategischer und auch symbolischer Bedeutung - hier sind die Taliban einst entstanden.

Auch Herat, die drittgrößte Stadt Afghanistans, ist nach Angaben eines Regierungsbeamten nun größtenteils in der Hand der Taliban. Die Regierungstruppen würden in der Stadt mit ihren 600.000 Einwohnern an der Grenze zum Iran nur noch den Flughafen und ein Armeelager kontrollieren, sagt ein Regierungs-Beamter. "Familien haben die Stadt entweder verlassen oder verstecken sich in ihren Häusern."

Die Taliban kontrollieren mittlerweile zwei Drittel des Landes, stehen nun vor den Toren der Hauptstadt Kabul und einer zusehnds demoralisierten afghanischen Armee gegenüber, die offenbar Auflösungserscheinungen zeigt. Es gibt immer mehr Berichte aus Afghanistan, dass Soldaten desertieren oder zu den Taliban überlaufen.

Die Taliban hatten ihre Ziele nie verhehlt: Sie wollen die Wiedererrichtung des islamischen Emirats, mit dem sie 1996 bis 2001 in Afghanistan herrschten. Es gab verschiedene Meinungen darüber, wie die Radikalislamisten ihr Ziel erreichen könnten - durch Gespräche, pure Gewalt oder eine Mischung von beidem.

Am Ende erwies sich ihre Militärstrategie als ausgesprochen effizient: Sie lähmten die Regierungstruppen durch Angriffe auf zahllose Ziele im ganzen Land.

"Der Ring um Kabul zieht sich weiter zu", sagte der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig von der Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network. Die Taliban hätten nun zwei Optionen: "direkter Angriff oder abwarten, bis die Regierung in Kabul kollabiert", sagte Ruttig weiter. Angesichts der Lage könne man nur hoffen, dass noch der Ausweg zu Verhandlungen gefunden werde, um weitere Opfer und Zerstörungen zu vermeiden. Aus Diplomatenkreisen werden mittlerweile Zweifel laut, dass das politische Team der Taliban, das für die Friedensgespräche zuständig ist, noch viel zu melden hat. Vielmehr schlage nun die Zeit der Kommandanten.

3.000 zusätzliche US-Soldaten

Angesichts der prekären Lage werden die USA rund 3.000 zusätzliche Soldaten zeitweise nach Afghanistan verlegen, um die Sicherheit am Flughafen Kabul zu verstärken. Es gehe darum, die Reduzierung des US-Botschaftspersonals zu unterstützen, erklärte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, am Donnerstag. Dies könne auch die Sicherung von Konvois von und zum Flughafen umfassen. "Das ist eine zeitlich begrenzte Mission mit eng begrenztem Auftrag", ergänzte er. Später kündigte auch Großbritannien an, mehrere hundert Streitkräfte nach Afghanistan zu schicken, um bei der Rückführung von Briten aus dem Land zu helfen. Der BBC zufolge befinden sich schätzungsweise noch rund 4.000 Briten im Land.

Das Außenministerium in Wien weiß aktuell von insgesamt zwei österreichischen Staatsbürgern, die sich derzeit in Afghanistan aufhalten, wie eine Sprecherin am Freitagabend der APA mitteilte. Bei den beiden Österreichern handle es sich um reiseregistrierte Personen, und man versuche, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Auslandsösterreicher, also längerfristig dort lebende Österreicher, halten sich nach Wissen des Außenministeriums keine mehr in Afghanistan auf.

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell drohte den Taliban mit Isolation, sollten sie die Macht in Afghanistan mit Gewalt an sich reißen. Zudem forderte der EU-Chefdiplomat die Taliban auf, unverzüglichen wieder Gespräche aufzunehmen und einen dauerhaften Waffenstillstand herbeizuführen. "Die anhaltenden Angriffe verursachen unannehmbares Leid für die afghanische Bevölkerung", erklärte der Spanier am späten Donnerstagabend. Die EU sei bestrebt, eine Unterstützung für das afghanische Volk fortzusetzen. Zudem sei von entscheidender Bedeutung, dass Errungenschaften wie der Zugang von Frauen und Mädchen zu Bildung erhalten blieben.

Inneminsterium hält an Abschiebungen fest

Nach Deutschland und den Niederlanden setzten am Donnerstag auch Frankreich und Dänemark Abschiebungen nach Afghanistan offiziell aus. Bereits seit Anfang Juli habe es keine Rückführungen mehr in den Krisenstaat gegeben, teilte das Innenministerium in Paris mit. Frankreich beobachte die Situation gemeinsam mit seinen europäischen Partnern genau. Das dänische Migrationsministerium erklärte, der Bitte Afghanistans nachzukommen und die Abschiebung von Asylwerbern bis 8. Oktober auszusetzen.

In Österreich will indes das ÖVP-geführte Innenministerium in Wien weiter an Rückführungen festhalten. Grundsätzlich habe sich an der Linie des Innenministeriums dazu "keine Änderung ergeben", teilte das Ressort am Freitag auf Anfrage der APA mit. Offen ließ das Innenministerium die Frage, ob Österreich auch dann bei seiner Haltung bleiben würde, wenn die Hauptstadt Kabul in die Hände der Taliban fallen sollte Betont wurde, dass Österreich bereit stehe, "Afghanistan im Rahmen konkreter Hilfsersuchen zu unterstützen, um seinen internationalen Verpflichtungen nachkommen zu können".

Zur Entscheidung Deutschlands und anderer europäischer Staaten, derzeit nicht mehr nach Afghanistan abzuschieben hielt, das Innenministerium in Wien fest, dass Deutschland die Abschiebungen nicht generell gestoppt, sondern nur temporär ausgesetzt habe. Und weiter stellt das Ressort Nehammers fest: "Jeder Staat entscheidet hier für sich."

Die Frage, wie Österreich Abschiebungen organisieren könne und ob das faktisch überhaupt noch möglich sei, wenn die bisherigen gemeinsamen Flüge mit anderen europäischen Ländern wie Deutschland über Frontex nicht mehr möglich seien, wurde vom Innenministerium nur indirekt beantwortet: "Grundsätzlich werden Charter-Rückführungen über Frontex abgewickelt, eine Frontex-Organisation der Rückführungen ist aber nicht zwingend notwendig. Möglich wären mitunter bilaterale Abkommen oder direkte Absprachen mit den Ländern", heißt es in der Stellungnahme.

Die Grünen nehmen indes eine andere Haltung ein. Der grüne Vizekanzler Werner Kogler erklärte laut Aussendung gegenüber oe24.TV, dass Abschiebungen "faktisch nicht möglich" seien "weil es für die Flieger gar keine Landeerlaubnis in Afghanistan gibt". Kogler: "Wie es in Afghanistan zugeht, ist richtig schlimm. Das hat auch Konsequenzen. Auch wenn die eine oder andere Stimme aus dem Innenministerium anderes sagt: Abschiebungen gibt es derzeit nicht nach Afghanistan." Abschiebeflüge seien auch in den nächsten Wochen "so gut wie unvorstellbar".

Für die Fortführung von Rückführungsflügen setzte sich gegenüber Ö1 der FPÖ-Abgeordnete Hannes Amesbauer ein. Für den SPÖ-Parlamentarier Reinhold Einwallner sowie NEOS-Mandatar Helmut Brandstätter hingegen sind Abschiebungen derzeit "unmöglich".

Forderung nach Ende der Abschiebungen

 

Auch Rot-Kreuz-Präsident Gerald Schöpfer sprach sich im Ö1-Morgenjournal für ein Ende der Abschiebungen aus und appellierte an die österreichische Regierung, ihre Haltung zu überdenken. "Rot-Kreuz-Vertreter vor Ort und Vertreter des Roten Halbmondes sagen übereinstimmend, das ist die Hölle auf Erden", so Schöpfer. Österreich habe Konventionen zum Schutz der Menschenrechte unterzeichnet. Er wünsche sich Politiker, die diese Verpflichtungen auch in Zeiten, in denen es nicht populär ist, einhalten. Bis sich die Situation in Afghanistan geklärt habe, sei es unhuman Menschen hinzuschicken. 

Vor dem Vormarsch der Taliban sind immer ehr Menschen auf der Flucht in dem von Gewalt geprüften Land. 
- © afp / Wakil Kohsar

Vor dem Vormarsch der Taliban sind immer ehr Menschen auf der Flucht in dem von Gewalt geprüften Land.

- © afp / Wakil Kohsar

Hunderttausende sind in Afghanistan bereits vor den Kämpfen geflohen. In Kabul ist in den vergangenen Tagen eine große Zahl an Vertriebenen eingetroffen, die nun zum Teil in Parks und auf öffentlichen Plätzen campieren. Der deutsche Staatssekretär Niels Annen erwartet Auswirkungen auch für die Migration nach Deutschland. "Es ist naiv zu glauben, dass der Vormarsch der Taliban und die Gewalt in der Kriegsregion keine migrationspolitischen Folgen hat", sagte Annen der Funke Mediengruppe. "Entscheidend ist nun, dass Deutschland und Europa dabei helfen, die fliehenden Menschen vor Ort in der Region, etwa in Tadschikistan, Iran oder Pakistan, aber auch in Afghanistan selbst zu versorgen. Dafür muss schnell Geld bereitstehen." (red,apa)