Die weitgehend kampflose Niederlage der afghanischen Armee gegen die radikalislamischen Taliban hat im Westen offenes Entsetzen ausgelöst. Von mangelnder Kampfmoral ist vielfach die Rede. Doch bei einer genaueren Ursachenforschung stellt sich rasch heraus, dass vor allem das US-Verteidigungsministerium über Jahre schwere Fehler beim Aufbau der afghanischen Streitkräfte und bei der Einschätzung ihrer Kampffähigkeit gemacht hat:

Die falsche Ausrüstung

Die USA gaben in den vergangenen 20 Jahren rund 83 Milliarden Dollar für den Aufbau und die Ausrüstung der afghanischen Armee aus - in Anlehnung an die eigenen Streitkräfte. In der Praxis bedeutete dies eine hohe Abhängigkeit von Luftunterstützung und eine High-Tech-Ausrüstung etwa für die Kommunikation in einem Land, in dem nur rund 30 Prozent der Bevölkerung überhaupt über eine zuverlässige Stromversorgung verfügt.

Flugzeuge, Hubschrauber, Drohnen, gepanzerte Fahrzeuge und Nachtsicht-Geräte: Die USA sparten nicht bei den Ausgaben. Zuletzt bekamen die Afghanen sogar das letzte Modell des Black Hawk Kampfhubschraubers.

Doch die afghanischen Soldaten - viele von ihnen junge Männer, die Analphabeten sind - hatten gar nicht die Infrastruktur, um modernste Militärtechnik am Laufen zu halten. Letztlich waren sie unfähig, einen wirkungsvollen Widerstand gegen die weit schlechter ausgerüsteten Taliban zu organisieren, die noch dazu in der Unterzahl waren.

Die Fähigkeiten der afghanischen Armee seien gnadenlos überschätzt worden, sagt John Sopko, der US-Generalinspekteur für den Wiederaufbau Afghanistans (Sigar). Er ist sich sicher, dass die US-Militärs "wussten, wie schlecht die afghanische Armee war".

In seinem letzten Bericht für den US-Kongress von vor wenigen Tagen schrieb er, dass "die hochentwickelten Waffensysteme, Fahrzeuge und Logistik des westlichen Militärs über die Fähigkeiten der in weiten Teilen analphabetischen und schlecht ausgebildeten afghanischen Streitkräfte hinausgingen".

Übertriebene Armeestärke

Monatelang sprachen Vertreter des Pentagon von der zahlenmäßigen Überlegenheit der afghanischen Armee gegenüber den Taliban: Angeblich 300.000 Angehörige in Armee und Polizei, während für die Taliban 70.000 angegeben wurden.

Aber diese Zahlen waren nach Einschätzung des Anti-Terror-Zentrums an der renommierten US-Militärakademie von West Point massiv aufgeblasen. Nach dessen Zahlen vom Juli 2020 waren lediglich 185.000 der 300.000 Soldaten oder Spezialkräfte unter Kontrolle des afghanischen Verteidigungsministeriums, der Rest waren Polizisten und anderes Sicherheitspersonal. Von den Soldaten wiederum waren demnach kaum 60 Prozent für den Kampf ausgebildet.

Eine treffendere Schätzung der Armeestärke liege daher bei 96.000 Kräften, wenn die 8.000 Luftwaffen-Angehörigen abgezogen werden, schlussfolgerten die Analysten von West Point.

Hinzu kamen massive Beeinträchtigungen durch die vielen Deserteure - laut einem Sigar-Bericht ein Dauerproblem der afghanischen Armee. Demnach musste die Armee jedes Jahr rund 25 Prozent ihrer Angehörigen ersetzen, meist wegen Fahnenflucht.

Ohne Bezahlung und Unterstützung

Die Gehälter der afghanischen Soldaten wurden jahrelang vom US-Verteidigungsministerium bezahlt. Doch nach der US-Ankündigung des Abzugs der eigenen Truppen im April ging dies auf die Regierung in Kabul über. Zahlreiche afghanische Soldaten beschwerten sich in den Online-Netzwerken darüber, dass sie seit Monaten keinen Lohn bekommen hätten. Und in vielen Fällen hätten ihre Einheiten auch kein Essen mehr oder sonstige Unterstützung bekommen - nicht einmal Munition. Der rasche US-Truppenabzug gab ihnen den Rest.

Halbherzige Versprechungen

US-Vertreter versicherten wiederholt, dass Washington die afghanische Armee auch nach dem vollständigen US-Abzug am 31. August unterstützen werde. Aber sie führten nie aus, wie das logistisch zu bewerkstelligen sein sollte.

US-Verteidigungsminister Lloyd Austin sprach bei seinem Besuch in Kabul im Mai von der Möglichkeit, die afghanische Luftwaffe mittels "Über den Horizont"-Logistik zu unterstützen. Dieses schwammige Konzept umfasste den Einsatz von virtuellen Trainingseinheiten via Video-Zoom-Konferenzen. Angesichts der Tatsache, dass dazu Computer und Smartphones mit sehr guter WLAN-Verbindung nötig wären, schien dieser Ansatz recht illusorisch.

Der frühere US-Botschafter in Kabul, Ronald Neumann, hätte sich gewünscht, dass sich die US-Truppen "mehr Zeit genommen hätten" beim Abzug. Dass US-Präsident Joe Biden auch den Abzug von US-Subunternehmen im Bereich Logistik beschloss, kann Neumann nicht verstehen: "Wir haben eine Luftwaffe aufgebaut, die von der Wartung durch Subunternehmen abhängig war - und dann haben wir die Subunternehmer abgezogen."

China sucht Verständigung mit den Taliban

Erst vor wenigen Wochen zeigte sich Chinas Außenminister Wang Yi in der nordchinesischen Stadt Tianjin mit Taliban-Vertretern. Auch in chinesischen Staatsmedien wurden Fotos veröffentlicht, wie er Schulter an Schulter mit Vertretern der radikal-islamischen Bewegung steht. Denn Chinas Propagandamaschinerie hatte damit begonnen, die Bevölkerung auf das immer wahrscheinlicher werdende Szenario vorzubereiten, dass Peking die Taliban als legitimes Regime anerkennen muss.

Damit wählt China einen pragmatischen Ansatz, hat aber ganz eigene Probleme mit dem Sieg der Taliban im Nachbarland. Denn China hat eine direkte Grenze zu Afghanistan und fürchtet eine Radikalisierung der eigenen muslimischen Bevölkerung in der nordwestlichen Region Xinjiang.

Der Umgang mit den Taliban wird in China auch in sozialen Medien breit diskutiert. "Selbst wenn sie nicht das ganze Land kontrollieren können, wären sie eine bedeutende Kraft, mit der man rechnen muss", hatte ein einflussreicher Kommentator in den sozialen Medien erst am Donnerstag auf seinem WeChat-Kanal geschrieben. "Chinas oberste Priorität ist es, dass die Kämpfe aufhören, da Chaos religiösen Extremismus und Terrorismus begünstigt", sagt Zhang Li, Professor für Südasienwissenschaften an der Universität Sichuan.

Destabilisierende Kraft in Xinjiang

Dabei ist das Erstarken der Taliban im Zuge des Abzugs der US-Streitkräfte für China durchaus unangenehm. Denn Peking sieht den religiösen Extremismus als destabilisierende Kraft in Xinjiang und fürchtet seit langem, dass Separatisten von den Taliban kontrollierte Gebiete als Unterschlupf nutzen könnten. Auch dies erklärt die direkten Kontakte der Führung in Peking mit den Taliban - die es übrigens auch bereits 2019 gab. Außenminister Wang sagte nach dem Treffen, er hoffe, dass Afghanistan eine "gemäßigte islamistische Politik" verfolgen könne.

Gleichzeitig hat die Regierung die Sicherheitsvorkehrungen in Xinjiang in den vergangenen Jahren drastisch verschärft und die Grenzsicherung verstärkt. Nach Schätzungen von UN-Experten und Menschenrechtsgruppen wurde mindestens eine Million ethnische Uiguren und andere Muslime in Xinjiang in Haftanstalten untergebracht, die China als Berufsausbildungsstätten bezeichnet, um islamistischen Extremismus und Separatismus zu bekämpfen. Die Risiken der regionalen Instabilität für China wurden im vergangenen Monat deutlich: Bei einem Selbstmordanschlag auf einen Bus in Pakistan wurden 13 Menschen getötet, darunter neun chinesische Arbeiter.Arbeiter.

Bei der Frage der möglichen Anerkennung einer Taliban-Regierung, die international kritisch gesehen wird, verfolgt China eine Politik der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder. Die staatlichen Medien veröffentlichten in der vergangenen Woche jedenfalls mindestens zwei analytische Berichte, in denen hervorgehoben wurde, dass Afghanistan der "Friedhof der Imperien" gewesen sei. China wurde davor gewarnt, sich einzumischen. Dies unterstreicht die Botschaft, dass China weder die Absicht hat, Truppen nach Afghanistan zu schicken, noch sich der Illusion hingibt, das von den USA hinterlassene Machtvakuum füllen zu können.

"Wie sie ihr Land regieren wollen, ist weitgehend ihre Sache"

"Wir sind da ganz pragmatisch. Wie sie ihr Land regieren wollen, ist weitgehend ihre Sache", argumentiert etwa Lin Minwang, ein Südasienexperte der Fudan-Universität in Shanghai. "Wenn eine asiatische Großmacht wie China zeigt, dass sie die politische Legitimität der Taliban anerkennt, indem sie sich so offen mit ihnen trifft, ist das ein großer diplomatischer Erfolg für die Taliban." Die immer mächtiger werdende Supermacht kann möglicherweise zudem die Tatsache nutzen, dass es im Gegensatz zu Russland oder den Vereinigten Staaten nie gegen die Taliban gekämpft hat.

Ein Grund für die Annäherung dürfte auch sein, dass China seine milliardenschweren Investitionen in Rohstoffe in dem Nachbarland absichern will. Nicht ohne Grund sagten die Taliban-Vertreter nach ihrem Treffen mit Außenminister Wang, sie hofften, dass China eine größere wirtschaftliche Rolle spielen könne.

Aber der Kurs der Annäherung ist auch in China nicht unumstritten. "Sind das nicht dieselben Taliban, die die Buddhas von Bamiyan vor den Augen der Weltmedien in die Luft gesprengt haben? Sollten wir nicht einen Schlussstrich ziehen?", kommentierte ein chinesischer Internetnutzer auf dem Twitter-ähnlichen Weibo unter einem Nachrichtenclip, der Wang neben einem Taliban-Vertreter zeigt. Immerhin hatte China seine Beziehungen zu Afghanistan bereits einmal ausgesetzt und seine Diplomaten 1993 nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs abgezogen - also noch bevor die Taliban 1996 die Macht in dem Land übernahmen.

Die Taliban ist in Russland als Terrororganisation verboten

Russland will nach der Einnahme der afghanischen Hauptstadt Kabul durch die militant-islamistischen Taliban einen Teil seines Botschaftspersonals abziehen. Die Vertretung mit ihren bisher rund 100 Mitarbeitern solle reduziert werden, sagte der Afghanistan-Beauftragte des russischen Präsidenten, Samir Kabulow, dem Radiosender Echo Moskwy.

Details nannte Kabulow nicht, einige würden aber auch beurlaubt. Das russische Außenministerium klärt nach eigenen Angaben, wie die Mitarbeiter trotz der Probleme am Flughafen in Kabul außer Landes gebracht werden könnten.

Nach Darstellung Kabulows, der lange Botschafter in Kabul gewesen war, ist Russland überrascht gewesen von der Geschwindigkeit der Machtübernahme durch die Taliban. Die Bewegung ist in Russland als Terrororganisation verboten. Russland habe erwartet, dass die afghanische Armee - "wie auch immer sie nun war" - zumindest eine Zeit lang Widerstand leiste. "Aber offensichtlich waren wir zu optimistisch bei der Beurteilung der Qualität der von den US- und NATO-Truppen ausgebildeten Streitkräfte. Sie haben alles fallenlassen beim ersten Schuss", sagte Kabulow. Russland sei wegen der Lage in dem Land auch mit den USA in Kontakt. (afp/dpa)