Die Aufnahmen wurden heimlich gemacht. Dann wurden sie außer Landes geschmuggelt, der Welt außerhalb Afghanistans gezeigt, in einem Dokumentarfilm verarbeitet. Wackelige Bilder von einem Geländewagen mit offener Ladefläche. Darauf menschliche Gestalten, verhüllt mit einer Burka. Die Frauen werden von dem Auto gezerrt und in ein Fußballstadion geführt. Tausende Menschen auf den Tribünen. Sie sind in dem Video zu hören. Zu sehen ist aber die knieende Frau, an deren verhüllten Kopf ein Mann ein Gewehr hält. Er feuert. Sie sackt zusammen. Tausende Menschen im Stadion, später Millionen Menschen vor Bildschirmen sahen zu, wie die Frau getötet wurde. Niemand hat ihr Gesicht gesehen.

Es war Ende 1999, inmitten des Taliban-Regimes in Afghanistan, das mit dem Einmarsch der Nato-Truppen 2001 beendet werden sollte. Die Radikalislamisten hatten der Bevölkerung strenge Regeln auferlegt, deren Nicht-Befolgung mit drakonischen Strafen - bis hin zu Amputation oder Steinigung - geahndet wurde. Frauen wurden aus dem öffentlichen Bereich verbannt, durften ihn nur noch in Begleitung eines männlichen Verwandten betreten. Berufstätigkeit wurde ihnen verboten, und mit der Schule war es für Mädchen vorbei.

In Politik und Unternehmen

Im August 2021 versichern die Taliban, die nun wieder die Herrschaft in Afghanistan übernehmen, dass die Rechte von Frauen respektiert würden. Diese dürften arbeiten und lernen - soweit es die Vorgaben der Scharia erlauben, teilte ein Sprecher mit. Außerdem würden Strafen wie Hinrichtungen oder Verstümmelungen eine Sache der Gerichtsbarkeit sein. Bei den vorangegangenen Verhandlungsversuchen mit den Islamisten stand das Thema Gleichberechtigung freilich nicht oben auf der Agenda.

Das Eintreten für das Recht auf Bildung, Arbeit, Bewegungsfreiheit war eine der wenigen unumstrittenen Errungenschaften der internationalen Gemeinschaft. Afghanische Organisationen und Bürgerinnen, die in dem patriarchal geprägten Land für Frauenrechte kämpften, konnten die Unterstützung gut gebrauchen. In den vergangenen zwanzig Jahren haben sie einige Fortschritte erreicht - wenn auch vor allem in urbanen Zentren.

So gibt es Vizegouverneurinnen in allen Provinzen, und im Parlament beträgt der Anteil der weiblichen Abgeordneten mehr als ein Viertel. An die 60.000 Firmen - unter anderem Restaurants, Geschäfte und Kosmetiksalons -, die meisten davon in Kabul, gehören Frauen. Und Mädchen dürfen in die Schule, junge Frauen auf die Universität gehen.

Aus dem Job gedrängt

Nun sind die Befürchtungen groß, dass all dies wieder rückgängig gemacht wird. In Kabul werden rasch Reklametafeln übermalt, die unverschleierte Frauen zeigen. Es gibt bereits Berichte, dass Mitarbeiterinnen mehrerer Banken in großen Städten aufgefordert wurden, ihre Arbeitsplätze zu verlassen: Taliban-Kämpfer waren in die Gebäude marschiert und haben die Frauen angewiesen, nach Hause zu gehen. Nicht nur Menschenrechtsorganisationen, sondern auch etwa US-Geheimdienste warnten schon vor Monaten davor, dass ein Taliban-Regime einen Rückschlag für Frauenrechte bedeuten würde.

Als im Juli die Thomson Reuters Foundation afghanische Unternehmerinnen befragte, äußerten diese die Sorge ebenfalls. "Wenn die Taliban zurück an der Herrschaft sind und uns ihre alte, dunkle Mentalität aufzwingen, werde ich vielleicht weggehen müssen", sagte die Modedesignerin Marzia Hafizi, die in Kabul ein Geschäft betreibt. Noch will sie aber - entgegen Ratschlägen von Familie und Freunden - nicht aufgeben, weder ihr Land noch ihren Job und die Möglichkeit, anderen Frauen Arbeit zu verschaffen.

Kämpferisch zeigte sich auch die Innendesignerin Nilofar Ayubi. Unter keinen Umständen wolle sie ihre Tätigkeit aufgeben. Die Taliban "müssen mich entweder umbringen oder mich meine Arbeit fortsetzen lassen", erzählte die junge Frau.

Einschüchterungsversuche gibt es aber schon seit längerem. Schon im Vorjahr wurden gezielt Anschläge auf Menschenrechtler und Aktivisten verübt, im Vorfeld geplanter Friedensgespräche mit den Taliban. Die Frauenrechtlerin Fawzia Koofi überlebte einen Angriff. Sie war eines der wenigen weiblichen Mitglieder in der Delegation der afghanischen Regierung bei den Verhandlungen. Sie mahnte schon im Vorjahr dazu, keine Kompromisse bei den Frauenrechten einzugehen - und keine mit den Taliban. Ihre Appelle, nicht in die "dunkle Vergangenheit" zurückzufallen, sind heute noch dringlicher.