Die Taliban lächeln in die Kamera, präsentieren sich der Welt selbstbewusst und zeigen sich medial präsent auf der politischen Bühne als Verhandlungspartner. Für den renommierten Islamforscher Rüdiger Lohlker sind es Neo-Taliban. Im Interview erklärt der Experte, warum.

"Wiener Zeitung": Wie reagieren andere dschihadistische Gruppierungen auf den Taliban-Sieg?

Rüdiger Lohlker: Man ist hellauf begeistert. Die Hamas hat erwartungsgemäß sofort gratuliert. Eine IS-Gruppe des Islamischen Emirats des Kaukasus ebenso, die syrische dschihadistische Organisation Hai'at Tahrir al-sham hat netterweise geschrieben: "Wir lieben die Taliban." Die Liste ist endlos lang.

Rüdiger Lohlker ist ein österreichischer Islamwissenschafter und lehrt am Institut für Orientalistik an der philologisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien. 
- © UniWien

Rüdiger Lohlker ist ein österreichischer Islamwissenschafter und lehrt am Institut für Orientalistik an der philologisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

- © UniWien

Eine Wohltat für das Selbstbewusstsein der Taliban?

Sofern sie das überhaupt brauchen. Aber sicherlich gibt die Kontrolle der Taliban über Afghanistan allen extremistischen Organisationen rund um den Globus einen Auftrieb. Ich verwende in diesem Zusammenhang gerne das Wort "Boost".

Wie stehen global gesehen die militant-islamistischen Organisationen zueinander?

In Afghanistan besteht noch die alte Verbindung zu Al Kaida, was zur Invasion 2001 geführt hat. Schuld daran war mangelnde Flexibilität und die Traditionsgebundenheit der alten Taliban. Sie haben alle Freiwilligen eingeladen, gegen die Rote Armee zu kämpfen. Dem fühlten sie sich verpflichtet. Seit 2007 könnte man von Neo-Taliban sprechen. Sie sind flexibler geworden, man wird sich genau anschauen müssen, was an Reaktion kommt. Sie haben auch kein Interesse daran, andere einzuladen, um mitzumachen. Natürlich kann es einzelne Gruppeneinheiten geben, die aktiv werden und dem arabischen Al Kaida-Einfluss positiver gegenüberstehen. Die Taliban sind nicht einheitlich, das ist der große Fehler, das anzunehmen. Es handelt sich um keine zentralistische Organisation, mit der wir es zu tun haben.

Die zweite große Strömung ist der Islamische Staat.

Bei denen wissen wir ja, dass es Auseinandersetzungen mit dem Mainstream der Taliban gibt. Es haben sich eigene Provinzen gebildet, vor allem in Pakistan und Indien. Dort gibt es einige, die gegen die Taliban orientiert sind. Noch vor einigen Wochen hat der IS in Indien eine Publikation herausgebracht, in der die Taliban scharf als Opportunisten und Ungläubige verurteilt wurden. Im Hintergrund laufen Kräfte, die sich von der Hauptströmung entfremdet und Kontakte zu Syrien aufgenommen haben. Hier sind die Strukturen komplexer als bei den Taliban.

Wie sieht die Situation in Afrika aus?

Der IS hat sich gründlich nach West- und Zentralafrika sowie Mosambik orientiert, doch diese Tatsache wurde weithin ignoriert. Grundsätzlich hat es eine Niederlage des Dschihadismus nie gegeben. Es gab schlichtweg auch keine neue Welle, aber die, die eben da ist, rollt immer wieder an, mal höher, mal niedriger.

Werden die Taliban Dschihadisten aus der ganzen Welt ins Land holen?

Das ist unwahrscheinlich, denn sie haben es nicht nötig. Im Moment stehen mehr Waffen zur Verfügung, als man bedienen kann. Die Situation hat sich verändert, sie ist keineswegs vergleichbar mit dem Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan Ende 1979. Vorstellbar ist, dass Freiwillige ins Land strömen. Auch wird sich weisen, wie Saudi-Arabien wirken wird, das in den 1970er Jahren sehr stark im Hintergrund agiert hat. Es wird eher pragmatische Entscheidungen geben, da die Taliban noch für den Westen angenehm erscheinen wollen. Sie werden sich über eine freundliche Begrüßung freuen - und wenn nicht, ist ihnen das auch egal. Es ist dringend an der Zeit, die Politiken zu überdenken.

Sie sprechen von Neo-Taliban.

Wegen ihrer Flexibilität, die unterschätzt wird. Ihre Strukturen funktionieren bestens, ihr Programm ist abgedruckt. Nur hat es niemand gelesen, da es auf Arabisch geschrieben ist. Mehrfach haben vor allem US-Experten gesagt, dass sie nicht mehr in der Lage sind, große Schlachten zu schlagen. Ein fataler Irrtum.

 

Welches Spiel spielen die Taliban?

Sie haben alle Möglichkeiten offen und werden ganz nach der Devise "Wir verfolgen euch nicht gleich, vielleicht hin und wieder" alles versuchen. Die Kämpfer sind jung und geben sich fröhlich. Es gibt eine kenntnisreiche Führungsschicht, die nicht in Pakistan herumhockt, um den Koran auswendig zu lernen, sondern die Kontrolle behält. Dann haben wir den Mainstream und die lokalen Akteure in den Dörfern. Nebenbei: Viele Afghanen kennen die Taliban besser, als man glaubt. Afghanistan war für die USA nur ein Gastland.

Wollen Sie einen Blick in die Zukunft werfen?

Ich nehme an, dass die Taliban intelligent agieren werden. Die ehemaligen Alliierten jedoch weniger klug. Es gibt zwar eine allgemeine Panik, Experten werfen Erklärungen im Stundentakt raus, Konferenzen sind aber im Moment sinnlos. Wir werden damit leben müssen, dass wieder ein islamisches Emirat vorhanden sein wird. Einfach gesagt: Die Taliban-Strategie am Boden bei der Einkreisung von Dörfern und Städten hat eine ganz allgemeine maoistische Ausrichtung verfolgt. Dies unter afghanischen Vorstellungen anzuwenden, bedeutet "Krieg der Fliegen": Die Taliban sind wie Fliegen, die versuchen, einen Hund zu beißen, der aber müht sich, sie wegzujagen. Schließlich geht er erschöpft zu Boden.