Binnen Tagen haben die Taliban die Herrschaft in Afghanistan zurückerobert. Große Provinzhauptstädte wurden eingenommen, ohne dass auch nur ein einziger Schuss abgegeben wurde. Reuters-Gespräche mit Taliban-Anführern, afghanischen Politikern, Diplomaten und anderen Beobachtern deuten darauf hin, dass die Islamisten den Grundstein für ihren Sieg lange vor den Ereignissen der vergangenen Woche gelegt haben.

Die Aufständischen waren auf einen härteren Kampf vorbereitet, um die Kontrolle über ein Land wiederzuerlangen, das sie bereits von 1996 bis 2001 regiert hatten. Dazu pflegten sie nach eigenen Angaben monatelang Beziehungen zu niederen politischen und militärischen Vertretern sowie zu Stammesältesten. Dies und der angekündigte Abzug ausländischer Truppen erschütterten das Vertrauen in die vom Westen unterstützte Regierung und ermutigten die Menschen zum Überlaufen. "Die Taliban wollten keine Schlachten schlagen", sagte Asfandyar Mir, ein Sicherheitsanalyst an der Stanford University. "Stattdessen wollten sie einen politischen Zusammenbruch herbeiführen."

"Keine Dollar mehr"

Die Geschwindigkeit ihrer Erfolge überraschte selbst die Taliban. Ein Befehlshaber der Islamisten in der Provinz Ghasni sagte, der Widerstand sei zusammengebrochen, als die Regierungstruppen sahen, dass die USA tatsächlich abzogen. Binnen einer Woche waren alle größeren Städte gefallen. "Das bedeutet nicht, dass die afghanischen Führer, die sich uns ergeben haben, sich geändert haben oder fromm geworden sind, sondern weil es keine Dollar mehr gab", sagte der Befehlshaber. Er bezog sich dabei auf die finanzielle Unterstützung, die Regierung und Militär seit fast zwei Jahrzehnten vom Westen erhalten hatten. "Sie haben kapituliert wie Ziegen und Schafe."

Suhail Schahin, ein in Doha ansässiger Taliban-Sprecher, sagte, eine große Anzahl von Bezirken sei durch die Art von Kontakten gesichert worden, die in Afghanistan eine lange Tradition haben. Dort sei es gängige Praxis, Rivalen zum Seitenwechsel zu bewegen. "Wir hatten direkte Gespräche mit den dortigen Sicherheitskräften, auch durch die Vermittlung von Stammesältesten und Religionsgelehrten", sagte Schahin. "Und zwar überall in Afghanistan, nicht nur in einer bestimmten Provinz oder an einem bestimmten geografischen Ort."

Nachdem die Taliban 2001 durch die USA von der Macht vertrieben worden waren, bauten sie ihre Organisation allmählich wieder auf. Sie finanzierten sich durch Opium und illegalen Bergbau. Auch vermieden sie größere Kämpfe, solange die US-Luftwaffe zur Unterstützung der afghanischen Armee verfügbar waren.

Stattdessen zogen sie es vor, abgelegene Zentren und isolierte Kontrollpunkte zu zerstören und durch Selbstmordattentate Angst in den Städten zu verbreiten. In der Zwischenzeit übernahmen sie in vielen Provinzen die Kontrolle mit einer Art Schattenregierung mit eigenen Gerichten und eigenen Steuersystemen.

In den nördlichen und westlichen Gebieten, in denen die hauptsächlich aus Paschtunen bestehende Taliban-Bewegung traditionell schwächer ist, bemühte sie sich, Tadschiken, Usbeken und andere ethnische Gruppen für sich zu gewinnen, wie Anwohner und Beamte dort sagten. "Wir haben Mudschaheddin und Kämpfer in jedem Gebiet. Wir haben Pandschschiri-Mudschaheddin in der Provinz Pandschschir, Balchi-Mudschaheddin in der Provinz Balch und Kandahari-Mudschaheddin in der Provinz Kandahar", sagte Wahidullah Haschimi, ein Taliban-Kommandeur.

Gezielte Tötungen

Während des gesamten Vormarsches gelang es Taliban-Anführer Mullah Abdul Ghani Baradar, Chef des Büros der Taliban in Doha, eine geschlossene Front zwischen der politischen Führung und den Kämpfern im ganzen Land aufrechtzuerhalten. Und das trotz konkurrierender Interessen, von Friedensgesprächen bis zur Aufteilung der Einnahmen aus dem Drogenanbau. "Unsere Sicherheitschefs und die Leiter der anderen Kommissionen stammen alle aus den dort ansässigen Ethnien", sagte Schahin. "Deshalb waren sie in der Lage, alle Distrikte dieser Provinzen durch Verhandlungen und Gespräche zu führen."

Nachdem US-Präsident Joe Biden das von der vorherigen Regierung in Washington mit den Taliban geschlossene Abkommen bestätigt hatte, zahlte sich das Vorgehen für die Taliban in den Provinzen schnell aus. Trotz der vor dem Abzug der Amerikaner unterzeichneten Friedensabkommen wiesen US-Kommandeure und Nachrichtendienste auf klare Anzeichen dafür hin, dass die Taliban ihre Angriffe verstärkt hatten und darauf bedacht waren, wichtige Fernstraßen abzuschneiden, um einen Angriff auf Provinzstädte vorzubereiten.

Darüber hinaus wurde eine Reihe gezielter Tötungen von wichtigen afghanischen Sicherheitskräften vorgenommen, darunter von Piloten. "Und zwar mit dem Ziel, die Moral zu schwächen und das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Regierung zu untergraben", so der Generalinspekteur des US-Außenministeriums in einem Bericht vom Juli. Nachdem die fanatischen Taliban weite Teile der abgelegenen Landstriche erobert hatten, sicherten sie Grenzposten und schnitten damit eine wichtige Einnahmequelle der Regierung ab. Auch lokale Clans - die traditionell einen Teil der Zollabgaben als Gegenleistung für ihre Loyalität erhielten - wurden so von der Regierung getrennt.

Allianz der Gegner kollabiert

Diese Strategie schwächte Ghanis Regierung auf fatale Weise. Der im Westen ausgebildeter Akademiker genießt außerhalb Kabuls wenig Rückhalt in der Bevölkerung und hat selbst zu einigen seiner eigenen Kommandeure ein schlechtes Verhältnis. Als Paschtune, dem die Angehörigen anderer ethnischer Gruppen misstrauen, hatte sich Ghani auf die Unterstützung von Führern der ehemaligen Nordallianz verlassen. Diese war von den USA rekrutiert worden, um die Taliban 2001 zu besiegen. Dazu gehörten Atta Mohammad Nur, der ehemalige Gouverneur von Balch, und der usbekische Führer Raschid Dostum. Doch die Taliban untergruben das System der Patronage, das diese Anführer im Amt hielt. Am Samstag sahen sie sich zur Flucht gezwungen. (reuters)