Die Taliban intensivieren laut einem UNO-Bericht ihre Suche nach Afghanen, die mit den US- und Nato-Truppen kooperiert haben. Die radikalislamische Miliz führe "Prioritätenlisten" von Menschen, die sie festnehmen wolle, hieß es in einem vertraulichen Dokument, das der Nachrichtenagentur AFP am Donnerstag vorlag. Besonders gefährdet seien diejenigen, die eine zentrale Rolle im afghanischen Militär, in der Polizei und im Geheimdienst gespielt haben.

Die Taliban suchten demnach Häuser der Zielpersonen und ihrer Familien auf. Auch auf der Straße zum Flughafen in Kabul nehme die Gruppe Personenkontrollen vor. Zudem hätten die Taliban Kontrollpunkte in größeren Städten eingerichtet, darunter Kabul und Jalalabad.

Angriff auf Angehörige eines Journalisten

Der Bericht stammt vom norwegischen Zentrum für globale Analysen, einer NGO, die Lageeinschätzungen für verschiedene UNO-Agenturen erstellt. Es sei zu befürchten, dass Afghanen, die mit den Nato- und US-Truppen kooperiert haben, und ihre Angehörigen Opfer von "Folter und Hinrichtungen" werden, sagte der Leiter des Instituts, Christian Nellemann.

Die Deutsche Welle (DW) berichtete unterdessen am Donnerstag über einen Angriff auf die Familie eines DW-Journalisten. Einer seiner Verwandten sei dabei getötet und ein weiter schwer verletzt worden. Der Journalist arbeite inzwischen in Deutschland.

Der tödliche Angriff belege die "akute Gefahr, in der sich alle unsere Mitarbeitenden und ihre Familien in Afghanistan befinden", erklärte der Intendant des deutschen Auslandssenders, Peter Limbourg. "Die Taliban führen in Kabul und auch in den Provinzen offenbar schon eine organisierte Suche nach Journalisten durch. Die Zeit läuft uns davon!"

Reporter ohne Grenzen fordern Notfallplan

Die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) fordert unterdessen vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen einen Notfallplan zum Schutz von afghanischen Medienschaffenden. "Nur mit einer konzertierten Reaktion der Regierungen können Afghanistans Medienschaffende aus ihrer verzweifelten Lage gerettet werden", teilte RSF am Donnerstag mit. Die Organisation sprach von einer lebensgefährlichen Situation von Journalistinnen und Journalisten nach der Machtübernahme der Taliban in Kabul.

Bestandteile des Notfallplans für den afghanischen Journalismus sollten aus RSF-Sicht unter anderem eine Hilfe für Medienschaffende sein, die Afghanistan verlassen wollen - und dabei insbesondere vereinfachte Visa-Verfahren und die Übernahme von Reisekosten sowie die Einrichtung eines Fonds zur Deckung des unmittelbaren Bedarfs afghanischer Medienleute und Medien.