Angesichts des zunehmenden Zeitdrucks werden Verzweiflung und Gewalt rund um den Flughafen von Afghanistans Hauptstadt Kabul immer größer. Tausende Afghanen hoffen immer noch auf eine Gelegenheit, nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban mit westlichen Flügen außer Landes zu kommen. Auch die Evakuierung von Ausländern war am Freitag noch längst nicht abgeschlossen. Auf dem Weg zum Flughafen erlitt ein Deutscher, ein Zivilist, eine Schussverletzung.

Zuvor hatte eine Beraterin der afghanischen Mission bei den Vereinten Nationen in den USA auf Twitter geschrieben, einem Familienmitglied sei am Donnerstag am Flughafen Kabul in den Kopf geschossen worden. Trotz der Gefahr hielt der Ansturm von Menschen, die auf das Flughafengelände gelangen wollen, den fünften Tag in Folge an. Taliban-Kämpfer feuerten am Eingang zum zivilen Teil des Flughafens in die Luft und schlugen mit Peitschen, um die Leute zu vertreiben, wie ein Augenzeuge der dpa berichtete.

Am Flughafen gibt es einen zivilen und einen militärischen Bereich. Die Menge am Zugang zum militärischen Teil sei groß und unberechenbar, berichtete ein Reporter des US-Senders CNN. Bilder zeigten, wie US-Soldaten in die Luft schossen, damit die Menschenmenge von den Außenmauern zurückweicht.

Die Nerven liegen bei vielen Menschen blank, weil der Zeitdruck wächst: Die USA wollen eigentlich bis zum 31. August den Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan abschließen. Vom Schutz durch die derzeit 5.200 US-Soldaten hängen aber die Evakuierungseinsätze anderer Streitkräfte wie beispielsweise der deutschen Bundeswehr ab. US-Präsident Joe Biden geht davon aus, dass zwischen 50.000 und 65.000 Menschen von den USA in Sicherheit gebracht werden wollen. Möglicherweise bleiben auch über den 31. August hinaus US-Truppen in Kabul - sicher ist das nicht. Zudem ist ungewiss, wie sich die Taliban verhalten.

Die deutsche Bundeswehr twitterte am Freitag, sie habe bisher 1.649 Menschen aus 38 Nationen über eine Luftbrücke in Sicherheit gebracht. Es ist der bisher größte Evakuierungseinsatz. Bereits ab Samstag sollen zwei Hubschrauber des Typs H145M mit insgesamt 13 Soldaten eingesetzt werden können. Nach Angaben des deutschen Verteidigungsministeriums geht es dabei um eine "Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten". Die Maschinen könnten für die Rettung einzelner Personen aus Gefahrenlagen eingesetzt werden. Es handle sich aber um keinen "Taxi-Service".

Auf den deutschen Evakuierungsflüge sollen nach Angaben des Außenministerium auch die Österreicher, die sich noch in Afghanistan befinden, untergebracht werden. Bisher gelang es demnach, insgesamt vier Personen außer Landes zu bringen. "Einige Dutzende" Österreicher mit afghanischen Wurzeln halten sich laut Außenministerium derzeit noch in und um Kabul auf. Die Zahlen würden sich "laufend ändern", hieß es am Freitag weiter. Am Donnerstag war noch von 50 Personen die Rede. Ein aus Mitarbeitern des Außenministeriums und Bundesheerangehörigen bestehendes Krisenteam, das die noch in Afghanistan befindlichen Österreicher bei der Ausreise unterstützen soll, werde unterdessen mit der "ersten für heute geplanten Maschine der deutschen Bundeswehr" von Taskent nach Kabul reisen.

Die US-Streitkräfte flogen seit Samstag dem Pentagon zufolge 7.000 Menschen ins Ausland. Am Sonntag hatte der afghanische Präsident Ashraf Ghani fluchtartig das Land verlassen. Wenige Stunden später nahmen die Taliban kampflos die auf 5,4-Millionen-Einwohner-Stadt ein. Seitdem sind sie die neuen Machthaber in Afghanistan.

US-Geheimdienste haben nach Informationen der "New York Times" bereits im Juli vor einem raschen Zusammenbruch des afghanischen Militärs und einem wachsenden Risiko für die Hauptstadt Kabul gewarnt. In mehreren Berichten stellten sie zu dieser Zeit unter anderem in Frage, ob afghanische Sicherheitskräfte den militant-islamistischen Taliban ernsthaften Widerstand leisten würden, schrieb das Blatt unter Berufung auf informierte Kreise.

Biden hatte am 8. Juli noch öffentlich erklärt, eine Machtübernahme der Taliban in ganz Afghanistan sei unwahrscheinlich. Trotz des Vormarschs der Islamisten hielt er damals an seinen Abzugsplänen fest.

"Brutale Tötungen

Amnesty International berichtete unter Berufung auf Augenzeugen von "brutalen Tötungen" durch die Taliban in der Provinz Ghazni im Juli. In dem Dorf Mundarakht im Bezirk Malistan seien sechs Männer der schiitischen Minderheit Hazara erschossen und drei zu Tode gefoltert worden, wie die Menschenrechtsorganisation in eine Aussendung am Freitag mitteilte. Dabei sei ein Mann mit seinem eignen Schal erwürgt und seine Armmuskeln abgetrennt worden.

"Die kaltblütige Brutalität dieser Tötungen erinnert an die Vergangenheit der Taliban und ist ein erschreckender Hinweis darauf, was die Taliban-Herrschaft bringen kann", so Agnès Callamard, Generalsekretärin von Amnesty International. Die Organisation forderte den UNO-Menschenrechtsrat auf, einen "soliden Untersuchungsmechanismus" einzurichten. Der UNO-Sicherheitsrat soll indes eine Dringlichkeitsresolution verabschieden, "in der die Taliban aufgefordert werden, die internationalen Menschenrechtsnormen zu respektieren".

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will beim G7-Sondergipfel zur Lage in Afghanistan für eine umfassende internationale Lösung für Flüchtlinge werben. "Es ist wichtig, dass alle an der Afghanistan-Mission beteiligten Staaten ausreichende Neuansiedlungsquoten und gesicherte Wege bereitstellen, damit wir die Schutzbedürftigen aufnehmen können", sagte sie am Freitag. Man müsse verhindern, dass die Menschen in die Hände von Schmugglern und Menschenhändlern fielen. "Denn das bringt Afghanen, die vor dem Konflikt fliehen wollen, in eine mindestens ebenso große Gefahr", sagte sie.

Der UNO-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi, rechnet indes nicht mit einer unmittelbar bevorstehenden großen Fluchtbewegung von Menschen aus Afghanistan nach Europa. Das Ausmaß hänge davon ab, wie hart die militant-islamistischen Taliban nach der Machtübernahme aufträten, sagte er der italienischen Zeitung "Corriere della Sera". In erster Linie seien Länder in der Region betroffen: Pakistan, der Iran und vielleicht auch Tadschikistan. Wenn diese nicht stetige Hilfe bekämen, bestehe ein größeres "Risiko" für Europa.