Im Gedränge am Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul hat es einem Medienbericht zufolge mehrere Tote gegeben. Aufnahmen des britischen Fernsehsenders Sky News zeigten am Samstag, wie Soldaten mindestens drei Leichen mit weißer Plane abdeckten. Woran die Menschen starben, war zunächst unklar. Auch mehrere Verletzte waren zu sehen. Der Sky-News-Reporter Stuart Ramsay, der selbst am Flughafen war, berichtete, im Gedränge seien mehrere Menschen "gequetscht" worden. Rettungskräfte eilten von einem Verletzten zum anderen. Ramsay sagte, die am Flughafen wartenden Menschen seien "dehydriert und in Panik". Er filmte auch Soldaten, die Wartende zur Abkühlung mit einem Wasserschlauch nass spritzten.

Über dem noch von US-Streitkräften kontrollierten Flughafen Kabul weht Militärangaben zufolge aber die Flagge der Vereinigten Staaten. "Die Flagge weht weiterhin und die Mission dauert an", sagte US-Generalmajor William Taylor am Samstag im Pentagon. Am Flughafen arbeite auch weiterhin US-Botschaftspersonal. Bei der US-Botschaft im Zentrum der afghanischen Hauptstadt Kabul war am vergangenen Sonntag die Flagge der Vereinigten Staaten eingeholt worden. Der Schritt markierte den Abschluss der Evakuierung der diplomatischen Vertretung.

Geplantes Ende der Evakuierung mit Ende August

Nach derzeitiger Planung wollen die USA ihre Evakuierungsmission am 31. August beenden. Dann sollen auch die letzten US-Soldaten aus Afghanistan abziehen. Bei der Evakuierungsmission in Afghanistan fertigen die US-Streitkräfte am Flughafen Kabul an den verschiedenen Eingängen nach eigenen Angaben weiterhin Menschen ab. Eingangstore seien in den vergangenen 24 Stunden nur kurzfristig geschlossen worden, damit "die richtigen Leute" passieren konnten, sagte US-Generalmajor William Taylor am Samstag im Pentagon.

Nicht erklären konnten Taylor und Pentagon-Sprecher John Kirby, warum die US-Botschaft in Kabul US-Bürgern am Samstag geraten hatte, nicht zum Flughafen zu fahren. Kirby verwies aber darauf, dass die Lage rund um den Flughafen nicht stabil sei und sich ständig ändere. Kirby sagte, es gebe "eine geringe Anzahl" von Amerikanern, die auf dem Weg zum Flughafen in den vergangenen Tagen von Taliban drangsaliert oder geschlagen worden seien. Das gelte auch für afghanische Unterstützer des US-Einsatzes. Die meisten Amerikaner würden aber durch die Checkpoints der Taliban gelassen.

Die Zuständigen bei den Taliban seien über die Zwischenfälle informiert worden. Die militanten Islamisten haben nach Darstellung der US-Regierung zugesagt, Amerikaner passieren zu lassen. "Es hat den Anschein, dass nicht alle Taliban-Kämpfer die Botschaft verstanden haben oder sich entschlossen haben, sie zu befolgen", sagte Kirby.

Zwar würden US-Amerikaner an Checkpoints zum Flughafengelände nicht aufgehalten. Allerdings sei die Situation rund um den Flughafen eine andere. Bis man es dorthin geschafft habe, gelte "das Überleben des Stärkeren", schilderte CNN-Reporterin Clarissa Ward, die bis zuletzt zu den wenigen ausländischen Journalisten vor Ort zählte und am Freitag ebenfalls ausgeflogen wurde.

Das Baby, dass der US-Soldat über den Zaun zog, ist nach einer medizinischen Behandlung wieder bei seinem Vater. "Das Elternteil hat die Marineinfanteristen gebeten, sich um das Baby zu kümmern, weil das Baby krank war", sagte Pentagon-Sprecher John Kirby.  
- © AFP / Omar Haidiri / Courtesy of Omar Haidiri

Das Baby, dass der US-Soldat über den Zaun zog, ist nach einer medizinischen Behandlung wieder bei seinem Vater. "Das Elternteil hat die Marineinfanteristen gebeten, sich um das Baby zu kümmern, weil das Baby krank war", sagte Pentagon-Sprecher John Kirby. 

- © AFP / Omar Haidiri / Courtesy of Omar Haidiri

Am Samstag belagerten weiter Tausende Menschen den Flughafen in der Hoffnung, aus dem Krisenstaat fliehen zu können. Um das gefährliche Gedränge vor den Einlasspunkten zu umgehen, sollen US-Medienberichten zufolge 169 Amerikaner mit Helikoptern aus einem Hotel in unmittelbarer Nähe zum Flughafen gebracht worden sein. Doch selbst dort mussten Tausende Menschen weiter ausharren, weil die Evakuierungsflüge zwischenzeitlich gestoppt worden waren.

Grund dafür war nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums, dass es in Katar keine Kapazität mehr gegeben habe, die Ankunft und Weiterreise weiterer Reisender abzuwickeln. Deshalb versuchen die USA weitere Länder dafür zu gewinnen, aus Afghanistan ausgeflogene Menschen vorübergehend aufzunehmen und eine sichere Durchreise zu organisieren. 

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell hält es für unmöglich, bis Ende August alle Ortskräfte der USA und anderer NATO-Staaten aus Afghanistan auszufliegen. "Das ist mathematisch unmöglich", sagte Borrell am Samstag der Nachrichtenagentur AFP. Borrell machte die strengen Sicherheitsvorkehrungen des US-Militärs am Kabuler Flughafen mitverantwortlich für die dramatische Situation.

Borrell sagte, die EU habe sich bei den USA über die strengen Sicherheitsvorkehrungen "beschwert". Afghanische Ortskräfte der EU, die das Land verlassen wollen, hätten Schwierigkeiten auf das Flughafengelände zu gelangen.

Biden will Druck auf Taliban ausüben

US-Präsident Joe Biden sagte, die USA würden sich mit ihren Verbündeten abstimmen, um auf die Taliban internationalen Druck auszuüben. Zugleich sei es auch im Interesse der Islamisten, die Afghanen nicht gegen sich aufzubringen. "Sie versuchen, eine gewisse Legitimität zu gewinnen. Sie werden einen Weg finden müssen, wie sie das Land zusammenhalten", so der US-Präsident. Biden zufolge stehen die USA in Kontakt mit den Taliban, um den Zugang zum Flughafen der Hauptstadt Kabul zu gewährleisten. Sollten die Islamisten die Evakuierungsaktionen stören oder US-Truppen angreifen, werde es eine "starke Reaktion" geben, drohte er.

Man werde genau verfolgen, wie die Islamisten ihre Landsleute und speziell Frauen und Mädchen behandeln, so US-Präsident Biden. 
- © afp / Andrew Caballero-Reynolds

Man werde genau verfolgen, wie die Islamisten ihre Landsleute und speziell Frauen und Mädchen behandeln, so US-Präsident Biden.

- © afp / Andrew Caballero-Reynolds

Er will die Taliban unter Druck setzen und Hilfen für Afghanistan während ihrer Herrschaft an "harte Bedingungen" knüpfen. So werde man genau verfolgen, wie die Islamisten ihre Landsleute und speziell Frauen und Mädchen behandeln, sagte Biden am Freitag (Ortszeit) in einer Ansprache.

Ein Taliban-Sprecher erklärte, man wolle binnen Wochen Pläne für die Zukunft Afghanistans vorlegen. Man werde Vorstellungen präsentieren, wie das Land künftig regiert werden soll. Ein Rahmenplan werde von Juristen, Geistlichen und Außenpolitik-Experten erarbeitet, sagte der Sprecher.

An Gesprächen über eine Regierungsbildung in Kabul wird auch Taliban-Mitbegründer Mullah Abdul Ghani Baradar teilnehmen. Baradar sei in Kabul eingetroffen und werde "mit Jihadistenführern und Politikern zusammentreffen, um eine inklusive Regierung zu bilden", sagte ein hochrangiger Taliban-Beamter. Das Führungsmitglied der Taliban, das als möglicher neuer Regierungschef gehandelt wird, war am Dienstag nach Afghanistan zurückgekehrt. Zudem laufen Gespräche zur Zukunft von Pandschir, der einzigen Provinz, die bisher noch nicht unter Kontrolle der Taliban steht. Das teilte der bisherige Vorsitzende des Rates für Nationale Versöhnung, Abdullah Abdullah, mit.

Ramstein als Drehkreuz

Deutschland hatte mit den USA vereinbart, dass deren Truppen den US-Militärstützpunkt in Ramstein als Drehkreuz für die Evakuierungsflüge nutzen können. Erste Flüge seien dort bereits gelandet, sagte ein Sprecher des US-Außenministeriums. Es seien Hunderte Menschen verschiedener Nationalitäten angekommen, darunter auch afghanische Staatsangehörige, sagte eine ranghohe Militärvertreterin dem Sender CNN. Ramstein sei aber nur eine Zwischenstation - eine langfristige Unterbringung sei nicht geplant.

Die in Kabul ansässigen Mitarbeiter der Weltbankgruppe und ihre unmittelbaren Familienangehörigen wurden mittlerweile nach Islamabad gebracht worden. Dies geht aus einem internen Vermerk hervor, der am Freitag veröffentlicht und von Reuters eingesehen wurde. Auch die Evakuierungsaktion der deutschen Bundeswehr läuft weiter. In der Nacht zu Samstag hoben in Kabul erneut mehrere Militärmaschinen vom Typ A400M ab, um Schutzbedürftige in die usbekische Hauptstadt Taschkent auszufliegen, wie die Bundeswehr auf Twitter schrieb.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel räumte indes ein, dass man die Widerstandskraft der afghanischen Armee falsch eingeschätzt habe. "Die Armee ist in atemberaubendem Tempo kollabiert", sagt Merkel beim Wahlkampfauftakt der Union. "Wir hatten die Widerstandskraft stärker eingeschätzt", fügt sie mit Blick auf die Debatte hinzu, ob die Regierung schneller hätte handeln müssen. (apa/dpa/reuters)