Ist es das letzte Aufflackern eines Widerstandes, bevor die Taliban die Kontrolle über ganz Afghanistan übernehmen? Oder ist es ein Zeichen dafür, dass die Islamisten künftig nicht das gesamte Land beherrschen werden? Es gibt jedenfalls bewaffneten Widerstand gegen die Fanatiker, und noch können sich die Taliban nicht überall ihres Sieges sicher sein. So mussten sie drei Bezirke im Norden - Bano, Deh Saleh und Pul e-Hesar - mühsam zurückerobern, die zuvor unter die Kontrolle örtlicher Milizen gefallen waren.

Immer wieder gibt es Scharmützel, und dazu kommt die Frage, ob sich im Pandschir-Tal dauerhaft Widerstand etablieren kann: Dort sitzt der Tadschiken-Anführer Ahmad Massud mit seinen Leuten - es soll sich um einige tausend Kämpfer und geflohene Regierungssoldaten handeln - und will sich den neuen Herren nicht unterwerfen. Massuds Vater - der "Löwe des Pandschir-Tals" - genießt in Afghanistan über seinen Tod hinaus enormen Respekt. Er hat die Angriffe der Taliban während deren Herrschaft 1996 bis 2001 abgewehrt. Jetzt sind es sein Sohn und die "Nationale Widerstandsfront" (NRF), die sich den Taliban widersetzen.

Gut zu verteidigendes Tal

Vorerst will der jüngere Massud noch reden: "Wir werden den Taliban klarmachen, dass nur Verhandlungen uns weiterbringen. Wir wollen nicht, dass ein Krieg ausbricht." Doch seien seine Kämpfer zum Widerstand bis zur letzten Konsequenz bereit, sollten die Islamisten einen Angriff wagen. Massud will die Bildung einer umfassenden Regierung, die das Land unter Beteiligung der Taliban führen soll. Ein Krieg sei aber "unvermeidlich", sollten die Taliban den Dialog verweigern.

Die Taliban haben bereits Gesprächsbereitschaft signalisiert, vorsorglich aber ihre Kämpfer rund um das rebellische Tal positioniert. NRF-Sprecher Ali Maizam Nazari hatte der Nachrichtenagentur AFP am Wochenende gesagt, dass die Kämpfer sich auf "einen langfristigen Konflikt" einstellen würden. "Die Bedingung für einen Friedensschluss mit den Taliban ist Dezentralisierung, ein System, das soziale Gerechtigkeit, Gleichheit, Rechte und Freiheit für alle sichert", so Nazari.

Das Pandschir-Tal konnte von den Taliban während ihrer ersten Herrschaft zwischen 1996 und 2001 trotz aller Versuche nicht erobert werden. Das lag neben dem erbitterten Widerstand der Nordallianz auch an der geografischen Lage: Der Eingang zum Tal ist eng und gut zu verteidigen. Laut Massud verfügen er und seine Männer über genügend Waffen. Was ihm jedoch fehle, erklärt er, sei die Möglichkeit, sie betriebsbereit zu halten. Jetzt sei es am Westen, so der Hilferuf Massuds, den Widerstand im Pandschir-Tal am Leben zu erhalten.

Doch sind die Taliban auch anderswo mit Problemen konfrontiert: Sie und der in Afghanistan aktive Zweig des IS sind verfeindet und haben in der Vergangenheit gegeneinander gekämpft. Beide lehnen zwar den Westen ab und wollen nach der Scharia leben, trotzdem gibt es Gegensätze. Eine Rolle dürfte spielen, dass die Taliban in der paschtunischen Bevölkerung verwurzelt sind, während der IS zum Großteil aus ausländischen Kämpfern besteht.

Fragiles Sammelbecken

In Russland wie in China beobachtet man die Lage ganz genau - und in beiden Ländern sieht man die Gefahr eines Bürgerkrieges. Davor warnte zuletzt auch der Chef der britischen Streitkräfte, Nick Carter. Und der britische Verteidigungsminister Ben Wallace fügte hinzu, dass die Taliban selbst keine Einheit darstellten, sondern ein Sammelbecken für zahlreiche rivalisierende Interessen seien. Hier gebe es tatsächlich extremistische Elemente, aber auch Moderate, die wüssten, dass die Einhaltung gewisser Standards für eine internationale Anerkennung Afghanistans nötig sein werde. Das schon allein deshalb, damit Entwicklungshilfe-Gelder, auf die das Land angewiesen ist, weiter fließen.

Dazu kommt, dass in Afghanistan verschiedene Ethnien beheimatet sind, die einander generell skeptisch, teils sogar feindlich gegenüberstehen: Die Taliban etwa entstammen den Paschtunen, die mit 42 Prozent den dominanten Teil der Bevölkerung stellen. Das hat ihnen die Tadschiken als Gegner eingebracht, die zweitgrößte Gruppe, die vor allem im Norden und Westen des Landes beheimatet ist. Die Hazara wiederum, die vermutlich aus Zentralasien und von turksprachigen Völkern abstammen, stellen rund 10 Prozent der Bevölkerung. Es handelt sich hier um schiitische Muslime - ein Feindbild für die Taliban, die die Hazara entsprechend schlecht behandeln. Eine Rolle spielt auch die usbekische Minderheit.

Evakuierungen verlängert?

Unterdessen ringen westliche Regierungen mit den USA und den Taliban um eine Verlängerung der Evakuierungen über den 31. August hinaus. Laut dem britischen Premier Boris Johnson soll diese Frage beim G7-Treffen am Dienstag besprochen werden. Die USA wollten eigentlich alle Soldaten bis Ende August außer Landes geschafft haben. Jetzt ist für sie eine Verlängerung der Frist theoretisch vorstellbar. Die Taliban, die bis dato kooperieren, sind aber gegen eine derartige Verlängerung.

Die deutsche Bundeswehr sowie britische und italienische Streitkräfte haben unterdessen tausende Verzweifelte aus Kabul ausgeflogen, die USA brachten zuletzt innerhalb von 24 Stunden mehr als 10.000 Menschen aus Kabul heraus. Selbst Japan schickte einen Flieger. Seit dem Start der Evakuierungsmission Mitte August haben die USA insgesamt rund 37.000 Menschen entweder selbst aus Afghanistan ausgeflogen oder deren Ausreise ermöglicht.